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Der Brummkreisel

Da gab's es irgendwo einen weisen Mann, der beschäftigte sich mit den höchsten und tiefsten Dingen, womit weise Leute sich überhaupt beschäftigen können. Er fragte sich eines Tages: » Was ist das Leben?« und wußte keine Antwort.

Als er nun merkte, daß alles Denken nichts nützte, ging er auf die Straße; da stieß er auf einen kleinen Knaben, der mochte etwa vier Jahre alt sein. Er hatte einen Brummkreisel in der Hand, von der Sorte, die eigentlich nicht brummt. So ein Ding ist ein kleiner hölzerner Kegel mit einigen Rillen, und in der Spitze steckt ein Nagelkopf.

Der Knabe nahm den Kreisel, wickelte den Schweif einer kurzen Peitsche darum und zog ihn rasch ab. Da sprang der Kreisel hurtig auf die Straße und drehte sich munter in die Runde, und wenn er müde werden wollte und sich neigte, bekam er einen Hieb mit der Peitsche, und er tanzte und war vergnügt, wenn er es auch nicht sagen konnte. Er hüpfte von einem Stein zum andern und gab acht, daß er über die tückischen Rillen hinwegkam; wenn er aber doch von ungefähr hineingeriet und bedenklich schwankte, dann brachte ihn ein geschickter Hieb wieder ins Gleichgewicht. Zuletzt wollte es aber das Mißgeschick, daß er in einer Pfütze geriet; da wühlte er sich in den Schlamm ein und legte sich auf die Seite.

Als der weise Mann nun den Kreisel gesehen hatte und alles, was mit ihm geschah, sagte er leise: »Das ist das Leben.«

Da kam der zweite Tag, und der weise Mann fragte sich: » Wo ist Gott

Er ging wieder auf die Straße, und abermals fand er den Knaben, der Kreisel spielte, und er blieb stehen und sah ihm zu. Diesmal sah er aber nicht den Kreisel, er sah den Knaben selber an, und er sah, wie er den Kreisel, der doch nur ein dummes Stück Holz war und nicht gehen und nicht stehen konnte, durch seine Peitsche zum Leben brachte, und diese Peitsche war wie das allgewaltige Schicksal, das durch seine Schläge alles Große auslöst zu schaffender Wirkung. Und der weise Mann sah die Lust, die aus dem Auge des Knaben blitzte, sah die unermüdliche Sorge und das sichere Geschick, und er sagte: »Ich wußte nicht, daß ich in so kurzer Zeit finden würde, was ich suchte – in diesem kleinen Knaben ist Gott.«

Danach kam der dritte Tag, und an diesem Tage fragte sich der weise Mann: » Was ist der Tod

Und er ging zum dritten Male auf die Straße. Diesmal fand er den kleinen Knaben nicht, wie er auch suchen mochte; den Kreisel aber fand er, der lag verlassen in der Gasse. Er hob ihn auf, und er glaubte zu bemerken, daß ein Wagenrad über ihn hinweggegangen sei; denn er war etwas gedrückt und der Nagel aus ihm herausgebogen.

Da sprach der weise Mann: »Der kleine Junge hat ihn verloren oder weggeworfen, und er wird niemals wieder tanzen können. Das ist der Tod.«

*


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