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Der ewige Schlaf

Die Frommen und Gläubigen waren eingegangen zu ihres Herrn Freude, und sie kosteten die Wonnen des Paradieses: lauter Glanz und Herrlichkeit, süßes Nichtstun, beschauliches Glück. Vergessen war alle Mühsal der Erde, vergessen der Krieg und seine Schrecken, vergessen Sorge und Kummer, vergessen selbst die Leidenschaft. Und dies Dasein, errungen durch Gebete und willige Folgsamkeit auf einer kurzen Erdenwallfahrt, dies herrliche Dasein sollte niemals ein Ende haben!

Und die Seligen lebten dies Leben einen Tag und mehrere Tage, lebten es eine Woche und vielleicht zwei – ganz genau konnte man das nicht sagen; denn im Himmel gab es keine Nacht, weil die Sonne niemals unterging. In den ersten Tagen war es nicht still geworden von lauten Jubelpsalmen, aber allmählich wurden die Pausen länger; auch war der Gesang nicht so vollstimmig mehr, und endlich schwieg er.

Das fiel dem Erzengel Gabriel auf; er schwebte ruhigen Fluges heran und fragte: »Wie kommt es, daß ich keine Lieder mehr höre? Sind Euern Sängern die Kehlen trocken geworden, Euren Harfenspielern die Saiten gerissen?«

Keine Antwort, nur ein leises schmerzliches Stöhnen. Endlich trat einer vor, der sich auch im Himmel noch etwas Herz bewahrt hatte, und er sprach: »Ach, du Erhabener!«

»Laß geruhig aus deinem Munde gehen, was du zu sagen hast,« rief der Engel.

»Ach, Erhabener,« sprach der Mutige noch einmal, »zürne nicht, wenn ich mein Herz auszuschütten wage. Unaussprechliche Seligkeit haben wir genossen; aber dennoch fehlt uns etwas.«

»Vermessener!« grollte der Engel.

»Ja, etwas fehlt uns,« fuhr der andere fort, und seine Rede ward nun frisch, wie der Lauf eines muntern Waldbachs. »Das fehlt uns hier, daß die Sonne niemals untergeht, die dunkle Nacht fehlt uns, die uns auf Erden so sehr erquickte. Nun sind wir müde geworden von all dem Glanz und der Pracht. Darum bitten wir dich, Erhabener: Tritt vor das Antlitz des Allmächtigen und leihe unserm Flehen deine Stimme. Das ist es, was unser Herz erfüllt, das ist es, was wir dem Herrn sagen möchten: Gib uns Schlaf

Als der Engel das hörte, ging er still hinweg, wagte dem Herrn aber kein Wort zu sagen.

Und wieder waren acht Tage vergangen: immer derselbe Glanz, dieselbe Herrlichkeit! Da konnten es die Seligen nicht mehr ertragen; sie sammelten sich und zogen in endlosem Zuge vor den Thron des Ewigen, Unveränderlichen.

»Warum kommt ihr vor mein Angesicht?« fragte der Herr mit milder Stimme.

»Herr, du kennst unsere Gedanken,« sagte der Mutige, »du weißt, was wir entbehren müssen.«

»Entbehren, in meinem Himmel entbehren!« rief Gott.

»Ja, Herr, wir können es nicht länger ertragen, uns graut vor der Ewigkeit. Gib uns, daß wir die Herrlichkeiten des Himmels eine Weile fliehen und vergessen können – Herr, gib uns Schlaf

Und der Chor der Seligen wiederholte, und ein millionenfaches Echo tönte wieder von Stern zu Stern: »Gib uns Schlaf, gib uns Schlaf, allmächtiger Gott!«

Der Herr zögerte mit der Antwort, und es ward so still im Himmel, daß man die Gedanken Gottes wogen und brausen hörte.

Und dann sprach er: »Ihr sollt Euern Willen haben, törichte Menschenkinder, ihr sollt den Schlaf haben. Schlaft, und ich werde keinen Engel senden, euch zu wecken. Schlaft!«

Da löschte die Hand des Herrn das Licht der Sonnen aus, und es ward dunkel im Himmel. Die Seligen begaben sich zur Ruhe, und auf ihre Augen senkte sich der langentbehrte Schlaf. Aber weil keine Sorgen an ihrem Lager standen und kein Engel kam, sie zu wecken, so dachte keiner daran, sich wieder zu erheben; denn Vergessen ist süßer als alle Freuden des Paradieses.

So ward aus dem ewigen Leben der ewige Schlaf.

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