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Die abgesetzten Götter

Nichts auf Erden ist trostloser als der Ort, wo die abgesetzten Götter weilen. Es ist nicht der Himmel, nicht die Hölle, es ist weder der glänzende Olymp, noch Asgards ragende Burg, es ist so etwas wie der Büchersaal eines halbzerstörten Klosters, das fast ganz begraben ist unter dem Schutt der Vergangenheit. Hier sitzen sie mit gebannten Seelen; das Licht, das durch die blinden Scheiben fällt, ist matt und könnte keine Fliege ins Leben rufen. Die Luft ist so drückend, daß ein Mensch nicht darin zu atmen vermöchte und auch die Götter vergehen müßten, wenn sie nicht unsterblich wären. O, es ist traurig, ein abgesetzter Gott zu sein!

Was sollen die abgesetzten Götter machen? Sie schlafen, und ihr Schlaf ist dauerhafter als der Winterschlaf der Fledermäuse. Alle hundert Jahre erwachen sie und fragen: »Ist er noch nicht da, der uns in dieses Verlies gebannt hat? Ist der Tag der Vergeltung und der Rache noch immer nicht gekommen?«

Dann und wann geschieht es aber auch, daß einer von ihnen in der Zwischenzeit erwacht, und dann schleicht er sacht aus den Trümmern hervor und stiehlt sich hinaus in die sonnige, lachende Welt. Oft wechselt er die Gestalt; eins aber bleibt unverändert: das sehnsüchtige Verlangen nach dem Glanz und der Macht der Vergangenheit – aber sie sind unwiederbringlich dahin.

Wieder ist der Tag gekommen. An den verschiedenen Tischen im Saal ein Dehnen, Strecken und Gähnen. Vorn im Erker, wo noch das meiste Licht ist, steht die Tafel der Olympier, in der Mitte befindet sich der Tisch der Asengötter, und im Hintergrunde schläft Ahuramazda ganz allein in den Armen des finstern Ahriman, und Ahuramazda pflegt nur alle tausend Jahre einmal zu erwachen. In den Ecken und Winkeln aber kauern alle vergessenen Götter, die niemals recht lebendig gewesen sind.

Ein leises Raunen und Beben geht durch die Welt; so ist es immer, wenn alte Götter erwachen. Die verschiedenen Gruppen beachten sich gegenseitig gar nicht. Schweigsam verharren die Asengötter, wie es von jeher ihre Gewohnheit gewesen ist; aber etwas lebhafter ist es am Tische der Griechen. Und Zeus, der Vater der Götter und der Menschen, beginnt: »Hebe, erhebe den schöngehenkelten Krug und geuß uns Nektar in die ausgetrockneten Schalen.«

»Ach,« erwidert Hebe, »ich habe nur noch ein Fäßchen Grüneberger Wein und einen Laib Kommißbrot.«

Und weil den unsterblichen Göttern nichts anderes übrig bleibt, so essen sie jeder ein Stück Kommißbrot und trinken eine Schale Grüneberger Wein. O, es ist traurig, zu den abgesetzten Göttern zu gehören.

»Mich friert,« sagt Apollon, »geh an den Ofen, Hephästos, und heize ein.«

Und Hephästos heizt ein, aber das Feuer geht bald wieder aus. Da ergreift Traurigkeit das Herz der unsterblichen Götter. »Wo ist Aphrodite, daß sie uns das Herz erfreue,« ruft Hera, »wo ist Hermes, daß er uns durch seine Taschenspielerstückchen erheitere?« Aber siehe, die beiden sind nicht da, sie sind ins Land der Menschen gegangen.

»Spiele uns ein Lied, Apoll,« sagt die ernste Athene: aber die Saiten seiner Leier sind verrostet und zerrissen. Da erheben die Götter einen Wechselgesang voller Weh und Verzweiflung, und ihr Schmerz ist so maßlos, daß er sich nicht einfügen läßt in Distichen oder Jamben.

»Wo ist mein Blitz geblieben?« fragt Zeus. »Ein Yankee hat ihn mir gestohlen, und die Menschen spießen ihn auf goldspitzige Lanzen.«

»Mein Dreizack ist verrostet,« ruft Poseidon, »und die riesigen Dampfer machen sich nichts mehr aus den Wellen, auch hilft ihnen ein Sack mit Öl mehr als das frömmste Gebet.«

»Ich mag nicht mehr jagen gehen,« klagt Artemis, »ich muß einen Jagdschein haben, und abgesetzte Götter besitzen kein Geld mehr. O, es ist ein schlimmes Los, zu den abgesetzten Göttern zu gehören!«

»Ich mag nicht mehr schmieden,« grollt Hephästos, »der Ätna zieht nicht mehr gut, und ich kann nicht bestehen gegen die Dampfhämmer und die Wasserdruckpressen.«

»Ich mag nicht mehr der Gott der Dichter sein,« zürnt Apollon, »sie bekommen jetzt viel Geld; ich aber bin ein armer Gott und habe deshalb kein Ansehn mehr. O, es ist schlimm, daß auch die Dichter nichts mehr wissen wollen von den alten Göttern! Wehe dem Einen, der uns abgesetzt hat, der uns alle zu dem gemacht hat, was wir jetzo sind!«

»Er kommt, er kommt!« ruft es da mit lauter Stimme. Hermes stürmt herein, der Götterbote, eilfertig und rot im Gesicht.

»Wer kommt?« fragen die Olympier.

»Er selbst, er, der Eine, der Sieger, der uns in das Dunkel verbannt hat. Er selber ist nun auch abgesetzt worden; die deutschen Professoren haben ihm seine Abdankungsurkunde vorgelegt, Jehova kommt, der furchtbare Judengott!«

Da geht ein Sturm durch die Herzen der abgedankten Götter, selbst Ahuramazda erwacht; alle erheben sich und erwarten den Gewaltigen.

*


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