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Die Löcher im Mantel

Christus wandelte wieder über die Erde. Niemand sah ihn; denn es war Nacht, und alle schliefen, die sich seine Jünger nannten. Er klopfte an die Kirchentüren, aber niemand tat ihm auf. Doch als er über die Friedhöfe ging, gab es ein Rascheln und Flüstern tief unter dem Rasen; denn die Toten sind feinhöriger als die Lebenden. Er aber streckte seine Hand aus und rief beschwörend: »Schlaft weiter, ihr Toten, es ist noch nicht die Zeit; der Tag der Auferstehung ist noch nicht gekommen.«

Nun kam er in das Weichbild einer riesengroßen Stadt. Da löste sich aus dem Dunkel der ersten Häuser eine furchtbare Gestalt und trat ihm majestätisch in den Weg.

»Wer bist du, daß du mich nicht eintreten lassen willst in das, was mir gehört?« fragte Christus.

»Ich bin's,« war die Antwort, »der mit dir auf der Höhe des Berges stand und dir alle Reiche dieser Welt versprach.«

Christus sagte: »Du bist nicht mehr zu fürchten; ich habe dich besiegt, als ich am Kreuze starb, und was ich von dir nicht nehmen wollte, habe ich dennoch bekommen: mir dienen alle Reiche dieser Welt.«

Aber der andere erwiderte: »Heiland, du irrst, dir dienen nicht alle Reiche dieser Welt.«

Da blickte des Heilands Auge ganz milde, und er sprach: »Wenn ich meinen Mantel von der Schulter nehme, und ich breite ihn, aus, so kann ich damit die ganze Erde bedecken.«

Jener rief dagegen: »Du kannst nicht einmal diese Stadt damit zudecken, die sich hier riesenhaft ausdehnt zu unsern Füßen.«

Christus erwiderte kein Wort; aber er breitete seinen Mantel aus, und es war, als kämen ihm tausend Engel zu Hilfe, die trugen und zogen und zupften, bis der Mantel wirklich die ganze Stadt bedeckte. Dann lächelte er und sagte: »Du siehst, daß ich die Wahrheit sprach.«

Da lächelte auch der andere, und der Triumph der Hölle leuchtete aus seinem Blick: »Folge mir zu jenem Hügel.«

Und als sie auf dem Hügel standen, streckte er seine Hand aus: »Sieh hin, Himmelskönig, dein Mantel hat Löcher bekommen, weil man ihn zu stark gezogen hat. Er deckt wirklich nicht einmal diese Stadt.«

So sprach er und schied von dannen.

Und Christus sah lange hinab mit schmerzlichem Blick; er ward gewahr, wie aus den Löchern des Mantels die Kuppeln der Theater und Sternwarten, die Essen der Fabriken und die Türme der Kirchen und Dome emporragten zum Himmel.

Dann schied auch er von dieser Stätte, und man hat nicht gehört, daß er seit jener Stunde wieder gesagt habe, die ganze Welt sei sein.

*


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