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Der Zweifel

Sechs Tage waren vergangen. In diesen sechs Tagen hatte der Herr Himmel und Erde erschaffen und alles, was darinnen ist.

Der Morgen des siebenten Tages brach an. Luzifer trat zum Schöpfer. Er war der Erste der Engel, der ernsteste aller Engel.

»Was schaffen wir heute, o Herr?« fragte er.

»Nichts,« erwiderte der Herr. »Die Erde ist vollendet in ihrem Bau, sie ist verkettet in all ihrem Tun. Nun will ich sitzen auf dem Thron, den ich mir aus Wolken erbaut habe, aus purpurfarbenen Wolken; heute will ich ruhen von allen meinen Werken. Mein ernster Engel, reiche mir den Morgentrunk.«

»Sage mir, Herr, womit ich den Trunk würzen soll?«

»Würze, womit du magst.«

Luzifer ging. Nach einer Weile kam er zurück und hielt in seinen Händen einen Pokal; ein Meteor erglänzte in seinem Fuße, Sterne leuchteten in seinem Rande. Der Herr saß auf dem Thron, aus purpurnen Wolken erbaut; sein Blick nahm ruhevoll die weite Welt in sich auf, ein Lächeln ging über sein Antlitz, und er sprach: »Siehe, das alles ist sehr gut.«

Da antwortete der Chor der Engel: »Preis und Lob dir, o Herr! Ja, es ist alles sehr gut!

Die Blume nährt sich vom Tau des Himmels; das durstige Reh trinkt den Quell, der aus dem Felsen kommt.

Lieblich lächelt die Erde, wenn der Tag darüber geht, und des Nachts ruht sie aus von den Strahlen der Sonne.

Du hast dem Menschen die Hand bereitet; seiner Zunge gabst du das deutende Wort.

Bis zu den Wolken hebt sich der Fittich der Lerche, und weit über die Sterne geht der Gedanke Adams zu dir, o Herr.

Siehe da, es ist alles sehr gut!«

Da unterbrach der Herr den Lobgesang und sagte: »Luzifer, du schweigst? Warum stimmst du nicht ein in den Chor der andern?«

»Ich mag nicht singen, Herr, auch ist es des Lobes genug.«

»Ward dir zu wenig erschaffen, mein ernster Engel?«

»Zuviel, Herr. Du hast auch den Menschen geschaffen. Ich weiß, wie diese Brut sich mehren wird, und darunter werden viele sein, die können dir nie verzeihen, daß du gleich am ersten Tage sprachst: » Es werde Licht

Der Herr hatte schon den Pokal an die Lippen gesetzt, aber jäh sprang er auf.

»Dein Trunk ist bitter,« rief er, »schlecht ward er gewürzt! Was hast du hineingetan?«

» Den Zweifel,« sagte Luzifer.

Da gingen Blitze aus den Augen des Herrn, aber jener senkte nicht die Lider. Im Kreise der Engel ward es still, und der Wolkenthron zerfloß wie fliehender Nebel. Noch immer hielt der Herr den Becher in der Hand; aber er achtete nicht auf ihn, und sein Rand senkte sich ein wenig. Ganz leise traten ein paar Tropfen über und flossen und fielen. So ward die Erde benetzt von dem Trunk, den die Hand Luzifers würzte für den Herrn.

*


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