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Die neue Wahrheit

Eine neue Wahrheit hatte das Licht der Welt erblickt, und weil sie noch jung und schwach war und das Wetter draußen nicht vertragen konnte, suchte sie trocken unterzukommen.

Da kam sie zuerst an ein Haus, das war größer als andere und wies dazu noch mit seinem Finger in den lichten Himmel hinein. Flugs ging sie hinein und sagte zu dem Herrn des Hauses: »Ich bin eine neue Wahrheit; nimm mich auf, daß ich bei dir wachse und erstarke.«

Aber der Mann antwortete: »Ich kann dich leider nicht gebrauchen. Ich habe noch alte Wahrheiten auf Lager und damit läßt sich ganz gut auskommen. Ade!«

So war sie abgewiesen, ging weiter und sah ein Haus, das war nicht so hoch wie eine Kirche; aber groß genug war es doch, und es gingen viele Kinder hinein, die trugen einen Ranzen auf dem Rücken oder Bücher unter dem Arm. Da dachte die Wahrheit, wenn die dort eine Stätte fänden, würde man auch sie nicht abweisen, und sie fragte den Herrn des Hauses: »Willst du mich aufnehmen? Ich bin eine neue Wahrheit.«

Da leuchteten die Augen des Mannes, aber nur kurze Zeit und er erwiderte: »Du gefällst mir sehr, und eine neue Wahrheit könnten wir schon gebrauchen; aber über mir ist eine dunkle Gewalt, und wenn ich dich aufnehme, komme ich um Brot und Amt. Es tut mir wirklich leid.«

Da ging die Wahrheit abermals weiter, und bald kam sie vor ein stattliches Gebäude, aus dessen Tiefen erklang das Sausen und Summen der Maschinen, und über dem Eingang standen in Goldschrift die Worte: Für Recht und Freiheit! In dem Hause ward nämlich eine große Zeitung gedruckt. Da freute sie sich, öffnete die Tür und suchte den Herrn des Hauses.

»Nimm mich auf,« sagte sie, »ich bin eine neue Wahrheit. Du bist der Mann, mich groß zu machen, so daß ich herrschen kann.«

Jener aber lächelte ganz leise und sprach: »Du verkennst uns. Wir haben eine Auflage von mehreren Hunderttausenden. Wenn wir dich aufnehmen, laufen uns unsere Abonnenten weg. Mahlzeit!«

Da ward es der armen Wahrheit weh ums Herz – sie verließ die Stadt und wanderte die staubige Landstraße entlang; aber weil ihr niemand zu essen und zu trinken gegeben hatte, ward sie bald müde und blieb seufzend am Wege liegen. Als sie nun nahe am Verdursten war, kam ein Wanderer daher. Er beugte sich mitleidig hinab zu ihr und fragte, wer sie sei.

»Ach,« war die Antwort, »ich bin eine neue Wahrheit. Aber ich muß hier verrecken; denn alle Menschen treiben mich von sich.«

Da sann der Wanderer eine Weile nach und sagte dann: »Du gefällst mir. Ich will mit dir vor den Reichstag treten, dann wirst du aller Welt bekannt werden. Aber erst müssen wir zusammen durch den Wahlkampf gehen.«

Das taten sie auch – aber der Mann fiel durch, und das war ganz natürlich, weil er für eine neue Wahrheit focht. Er ward zu Boden geworfen, und die Menge ging mit plumpen Füßen über ihn hinweg. Als er zertreten in seinem Blute lag, flüsterte er nur: »Du arme Wahrheit!«

Aber siehe, diese stand neben ihm; ihr Antlitz leuchtete, und sie rief stark und groß: »Hab' Dank, ich habe einen Märtyrer gefunden! Jetzt fürcht' ich nicht die ganze Welt!«

Und darauf trat sie ihren Siegeszug an.

*


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