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Die Kinder der Tiefe

In der Tiefe des Meeres ist Wasser, das kommt niemals in die Höhe, niemals wird es von Luft und Licht berührt. In diese Tiefe dringt kein Strahl der Sonne, und die Höhe belastet die Tiefe mit dumpfem Druck.

Aber an der Oberfläche, wo der leichte Wind das Wasser herzt und küßt, atmet es in ruhigen Wogen, und zuweilen wirbelt es in munterm Tanz und spritzt und zischt. Und die Kinder der Wellen rufen: »Kommt herauf, ihr, die ihr unten in der Tiefe seid, und tanzt mit uns!« – – Aber die Tiefe gibt keine Antwort.

Es ist ein ruhiger Abend. Die Sonne ist untergegangen; der Wind schläft ein, und die Kinder der Wellen singen ein leises Lied, das Lied der Sehnsucht, und das lautet so:

»Morgen wird sie wiederkommen, die Sonne. Dann hebt sie uns auf mit glänzenden Armen; wir ziehen in den Lüften dahin und werden weiße Wolken sein. O, es ist schön, in den Lüften zu schweben! Kommt mit, ihr, die ihr unten in der Tiefe seid.« – – Aber die Tiefe gibt keine Antwort.

Und am nächsten Morgen kommt die Sonne wieder und küßt die Wellenkinder und gibt ihnen Flügel, wunderleichte Flügel, und sie schweben selig über das Meer und das weite grüne Land, höher als die Vögel fliegen, und sehen hinab auf Städte und Dörfer, auf Wälder und Felder, und sie wandern weiter, immer weiter, bis zu den hohen Bergen wandern sie. Da werden sie müde, ziehen ein weißes Schlummerkleid an und legen sich schlafen auf den Felsenhäuptern, bis die liebe Sonne sie weckt. Dann sind sie wieder frisch und munter; sie tanzen die Felsen hinab, und im Tal spielen sie mit den Blumen und drehen das Schaufelrad der Mühlen. Dann wandern sie tiefer und tiefer hinab bis in den breiten Strom, und mit dem Strom kommen sie zurück in das unendliche Meer.

Und wiederum ist ein ruhiger Abend. Die Wellenkinder flüstern und singen: »Wir sind weggewesen, weltweit weg. O, wie schön ist es in der Höhe! Und morgen kommt die Sonne wieder, und sie wird uns von neuem erheben. Ihr, die ihr unten in der Tiefe seid, wollt ihr mit?«

Aber die Kinder der Tiefe schweigen. Ach, wenn sie wüßten, was Licht und Luft und Sonne ist! O, daß sie Sehnsucht nach der Höhe bekämen!

Müssen sie immer Kinder der Tiefe sein?

*


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