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Der Traum des Kopernikus

Es war an einem kalten Winterabend. Mehr als fußhoch lag draußen der Schnee, aber drinnen, in der Stube des Gelehrten, verbreitete der mächtige Kachelofen eine wohlige Wärme. Mit schwachem Schein erhellte ein Lämpchen den bücherbedeckten Tisch. Der Greis saß im hohen Lehnstuhl davor. Er hatte noch einmal alle Blätter seiner umfangreichen Handschrift überlesen, und morgen sollte sie seinem Lieblingsschüler für den Druck übersandt werden.

Jetzt atmete er tief auf; er lehnte sich zurück, und über seine Seele kam das Gefühl der Ruhe. Die Arbeit war getan, das Werk langer Jahrzehnte vollendet. Aus der Wurzel tiefgründiger Erkenntnis erwuchs ein hoher, blütentragender Baum, der reiche Frucht verhieß. Aber der Gärtner, der ihn pflanzte und pflegte, war alt und müde. Er schloß die Augen, und vor seinem Geiste zogen die Wanderjahre seiner Jugend vorüber. –

Und plötzlich war er wieder in der ewigen Stadt. Halb vollendet erhob sich St. Peters gewaltiger Dom, und auf dem ausgedehnten Platze davor begegneten ihm Gelehrte und Priester. Wo er vorüberschritt, gab es ein Tuscheln und Flüstern, aber er verstand jedes Wort.

Er hörte die Gelehrten sagen: »Das ist Nikolaus Kopernikus, der Preuße. Er hat die Erde aus ihren Angeln gehoben und läßt sie um die Sonne kreisen – ein Stern unter Sternen.«

Aber die Priester riefen: »Das ist der Domherr von Frauenburg, ein Erzketzer, schlimmer als der Wittenberger. Er sagt, die Sonne stehe still. Er hat an die heilige Lehre der Kirche gerührt – greift ihn, er muß brennen!«

Als Kopernikus solche Worte hörte, enteilte er dem unholden Orte. Bald war er allein. Er durchwandelte die Trümmerstätte der kaiserlichen Roma. Dort trat er ein in den gewaltigen Bau des Kolosseums. Aber siehe! in der Arena kam ihm ein Mann entgegen. Seltsam angezogen schritt der Gelehrte auf ihn zu. Als sie einander ins Antlitz sehen konnten, hielten die beiden inne. Der Fremde trug ein herabwallendes graues Gewand; dunkle Locken umflossen ein blasses Antlitz, worüber ein zarter Schleier ausgebreitet lag, aus milder Wehmut gewoben.

»Wer bist du, Herr?« fragte Kopernikus gebannt.

Jener öffnete nicht die Lippen. Statt aller Antwort zeigte er seine Hände, und darin waren die Nägelmale.

Da rief Kopernikus, und heiliger Schauer erfüllte seine Brust: »Christus, mein Heiland, du König des Himmels!«

»Ich bin's nicht mehr,« erwiderte jener leise, »ich bin Jesus von Nazareth, den die Juden gekreuzigt haben.«

»Herr, wo ist der Gnadenschein geblieben, der dein Haupt umgab? Wo des Himmels Strahlenkrone, die du trugst?«

»Man hat sie mir genommen. Es kam einer, der die Stätte meines Reiches zerstörte. Ich ward von meinem Thron gestoßen und muß nun wieder unstät auf Erden wandeln.«

»Wer war der Frevler, der solches tat?«

»Du hast es getan, Nikolaus Kopernikus. Du hast den Himmel zerstört, als du zur Sonne sprachst: Stehe still! und zur Erde: Wandle!«

Als der Gelehrte solche Anklage hörte, rief er verzweifelt: »Das habe ich nie gewollt, Herr! Ich trage das Kleid der Kirche, und niemals befahl ich meinen Händen, sich an deiner heiligen Person zu vergreifen.«

Da kam es mit klagender, tieftrauriger Stimme zurück: »Du hast es nicht gewollt und dennoch getan. Es ist jetzt noch deinen Augen verborgen und wird vielen verborgen bleiben, aber es muß alles offenbar werden zu seiner Zeit.«

»Niemals!« rief der Forscher, »niemals soll das geschehen! Eher sollen alle Blätter meines Buches zu Staub und Asche werden!«

Er warf sich vor Jesu nieder und wollte seine Kniee umfassen, aber plötzlich zerfloß die Erscheinung wie Dunst und Nebel. – –

Kopernikus erwachte. Er lag vorübergesunken, die Arme ausgebreitet über sein Buch. Rasch stand er auf. Ein Aufruhr durchtobte seinen Geist. Noch immer sah er die klagende Gestalt. Er ergriff seine Handschrift, eilte damit an den Ofen und öffnete die Tür. Da schlug ihm ein starker Rauch entgegen; er wich zurück und schloß sie wieder. Das Buch legte er an seinen Ort.

Langsam strich er mit der Rechten über die glühende Stirn. Er kam zur Besinnung und sagte leise: »Erst will ich sie noch einmal ins Auge fassen, und dann mag's geschehen.«

Er warf einen Mantel über und trat hinaus auf den Altan. Ringsum war weihevolle Stille. Der Schnee bedeckte Gärten und Felder. Kein Windhauch lebte draußen in der Luft. Der Mond war nicht zu sehen, aber am wolkenlosen, tiefblauen Himmel blitzten Tausende von Sternen, größer und stärker als in wärmeren Nächten. Orion leuchtete auf, und heller noch glänzten Wega und Arktur und Jupiter, der erhabene Wanderer, und als breites, geheimnisvolles Band umschlang die Milchstraße die unendliche Wölbung. Es war eine Welt des Lichts, älter als alle Götter, die die Menschen sich erschufen, und dauernder als sie.

Die Gestalt des greisen Forschers richtete sich empor, seine Brust wogte mächtig auf und ab. Sein Auge erfaßte den Großen Bären und heftete sich auf den Nordstern, den Ruhevollen, Unwandelbaren. Ruhig ward auch er, und ein Widerschein des lichtstrahlenden Himmels lag auf seinem Antlitz.

»Lichtbringer, Wahrheitgeber, Befreier, ihr ewigen Sterne!« rief er bewegt, und ohne seinen Willen falteten sich seine Hände. – –

Dann ging er zurück in sein Zimmer, und das Buch ward nicht verbrannt.

*


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