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Der Mann mit dem hohlen Kopf

Es war einmal ein Mann, der hatte einen hohlen Kopf, der war aber auch ganz hohl. Darüber lachten die Leute, und weil ihm das nicht behagte, sann er lange nach, wie dem abzuhelfen wäre; aber es fiel ihm nichts ein. Nun gab es in jenem Lande einen Einsiedler, der wohnte tief im Walde und kannte alle Sträucher und Kräuter und wußte mit ihren Säften jegliche Krankheit zu heilen, die ihm vor Augen kam. Zu dem ging der Mann, und als der Einsiedler ihn so jämmerlich und vergrämt daherkommen sah, sprach er: »Guter Freund, Ihr seht übel aus. Wo steckt es denn? Wo kneift es? Wo reißt es?«

»Ach,« sagte der Mann, »mir geht es schlecht, ich habe einen hohlen Kopf.«

»Das ist keine Krankheit und nicht einmal ein Unglück,« sagte der Waldbruder mit Lächeln, »ein solches Ding ist leicht, und mancher Mensch ist da, der versteht es, ihn recht hoch zu tragen und wird sehr geachtet. Ihr müßt nur vermeiden, daß man Euch daran stößt. Das gibt freilich einen ganz merkwürdigen Klang, und dann lachen die Menschen; aber sonst ahnt es niemand.«

»Seht Ihr, das ist es gerade,« erwiderte der Mann, »bei mir wissen es alle Leute, und das wird mir zuletzt doch unangenehm. Seid so gut und gebt mir ein Mittel.«

»Ja,« sprach der Einsiedler, »so gern ichs möchte, dagegen hilft weder Saft noch Samen. Das muß man anders machen. Ich will Euch einmal mit dem Bohrer, den ich hier habe, ein Löchlein in den Schädel treiben, und dann wollen wir ihn schon voll kriegen, das heißt, wenn es Euch recht ist und Ihr den Eingriff vertragen könnt.«

»Davor ist mir nicht bange,« sagte der Mann, »beginnt getrost Euer Werk.«

Da setzte der Einsiedler den Bohrer an und mühte sich eine Weile ab und drückte und stieß; aber er brachte nicht einmal eine Schramme fertig, obgleich ihn der Schweiß schon ins Auge biß.

Er fragte den Mann: »Merkt Ihr was, guter Freund?« »Rein gar nichts,« erwiderte dieser.

»Da sieht man, daß Ihr einen Schädel habt, mit dem könnte selbst ein Ochs zufrieden sein. Tut mir leid, daran kann unsereins nichts machen. Reist in ein anderes Land, wo man Euch nicht kennt. Da wird sich's schon leben lassen, und habt Ihr Glück, so sieht man Eure leere Tonne für ein volles Faß an.«

»Ach,« klagte der andere, »habt Barmherzigkeit mit mir. Wenn Ihr innerlich nichts bei mir ausrichten könnt, so gebt mir's äußerlich.«

»Schau einmal,« lachte der Waldbruder, »da seh' ich wirklich einen Hoffnungsstrahl. Vielleicht haftet's an Eurer Haut.« Und er legte den Finger an die Nase, schloß dabei fast ganz die Augen, und ein merkwürdiges Lächeln ging über seine Lippen und kitzelte sein Kinn, und endlich schien er etwas gefunden zu haben. Er nahm den Mann mit sich in eine dunkle Kammer seiner Hütte und vergoldete dort säuberlich seinen hohlen Kopf. Es dauerte freilich eine gute Zeit; aber als sie nun wieder an die Sonne kamen, ei, wie glänzte und funkelte da sein Haupt. Da freute sich der Mann von Herzen und fragte, was er schuldig wäre.

»Nichts,« sagte der Einsiedler, »Leute wie Dich hat der Vater im Himmel lieb; die bekommen alles umsonst.«

Als der Mann nun wieder zurückkehrte an seinen Ort, da kam er in großes Ansehen, und es ging ein solcher Glanz von ihm aus, daß kein Mensch mehr über ihn lachte, und nach einem Jahre hatten alle vergessen, daß er in Wirklichkeit einen hohlen Kopf besaß.

*


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