Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Strohhalm

Ich hätte von Herzen lachen mögen und fühlte mich doch erschüttert; es erschien mir wie ein alltägliches Ereignis, und ich spürte dennoch einen eigentümlich kältenden Hauch, als stünde hinter jenem Menschen ein großes Schicksal, ja, manchmal scheint mir jetzt, keiner von uns vermöchte den Fuß zu heben, um dies lächerliche Hindernis zu überschreiten. –

Ich traf ihn am Sonnabend, oder vielleicht war's gar am Sonntag, kurz, an der Grenzscheide zweier Wochen, wo man zuweilen einsam spazieren geht, um einen heißen Kopf zu kühlen. Ich strebe der Stadt zu, da sehe ich im Schein der ersten Laterne einen Mann mitten auf der Straße stehen, ein bißchen nachlässig gekleidet, ohne Hut und Überzieher, der blickt ganz steif die Pflastersteine an. Nun, dergleichen sieht man ja nicht ganz selten; mich wundert nur, daß er sich am Ende nicht platt niederlegt.

»He, guter Freund,« sag' ich, »Sie haben ja gar keinen Hut.«

»Das macht nichts,« flüstert er, »ich habe auch keinen Kopf.«

»Spaß,« sag' ich, »da haben Sie sich ja um eine höchst überflüssige Sache erleichtert, dann brauchen Sie sich nicht mit einer eigenen Meinung zu plagen. Gehen Sie nach der Hauptstadt, da werden solche Leute heute wacker befördert.«

»Ach!« seufzt er da nur.

»Ja, ach,« sag' ich, »lieber Mann, was wollen Sie da mitten auf der Straße?«

»Ich will weiter,« antwortet er mit eigentümlich träumerischer Stimme.

»Das ist sehr löblich. Aber wohin wollen Sie denn?«

»In mein Reich.«

»In Ihr Reich? Was sind Sie?«

»Ich bin nichts; ich bin einer, der nichts geworden ist.«

»Schade; was wollten Sie denn werden?«

»König.«

»Alle Wetter! Petroleum-, Kanonen-, Eisenbahnkönig?«

»Nein, richtiger König.«

»Liebster, das ist kein Geschäft mehr heutzutage. Das ›Von Gottes Gnaden‹ wird nicht mehr bewertet wie sonst. Ich rate dringend davon ab.«

Aber da sieht der Mann mich an; der volle Schein der Laterne trifft sein Gesicht und zeigt mir eigentümlich traurige Augen, jene Augen, deren Blick nach innen gekehrt ist.

»Ich möchte dennoch König sein,« flüstert er; »in meinem Herzen wohnt eine tiefe Sehnsucht, zu herrschen, zu schaffen und ein Träger des Lichts zu werden.«

Da merke ich natürlich, wen ich vor mir habe, und entschließe mich kurz: »Wollen Sie mir folgen? Ich will Sie gleich in Ihren königlichen Palast führen.«

»Was fällt Ihnen ein!« sagt er da. »Sie meinen wohl, ich sei betrunken oder gar verrückt. Glauben Sie das doch nicht. Ich will nicht eingeschlossen werden, ich will los; ich will nicht zurück, ich will vorwärts.«

»Na, dann heben Sie gefälligst Ihre Füße und gehen Sie.«

»Ich kann nicht.«

»Sind Sie denn lahm?«

»O nein, aber sehen Sie doch, da vor mir, da liegt das Hindernis, das ich nicht überwältigen, der Wall, den ich nicht überschreiten kann.«

»Unsinn, zu Ihren Füßen liegt nur ein Strohhalm, ein einzelner Strohhalm, den der Wind aus Spaß quer über die Straße gelegt hat.«

»Das ist es gerade, was ich nicht überwinden kann.«

Da kann ich mich denn doch des Lachens nicht erwehren; er aber packt mich bei der Hand und drängt sich an mich an und flüstert mir ins Ohr: »Lachen Sie nicht. Meinen Sie, daß ich nicht wüßte, daß es nur ein Strohhalm ist? Aber er liegt mir doch im Wege; er ist es einzig und allein, der mich hindert, in mein Reich zu kommen. Ich kann die Füße heben – sehen Sie! – Ich würde über jeden Graben springen, aber über diesen Strohhalm komme ich nicht hinweg. Fasse dir ein Herz, sag' ich zu mir selbst, es geht! Aber es geht doch nicht. Der Entschluß in meiner Brust ist fest: Ich will! – und es geschieht dennoch nicht. Meine Nerven sind widerspenstig; irgendwo muß der Draht beschädigt sein, daß er den Befehl nicht überliefert. Meine Füße kleben am Boden; denn hinter mir, da steht es! Nicht, daß es mir schwerlastend seine Faust auf die Schulter legte, nein, es hüllt meine Glieder ein wie mit einem feinen Spinngewebe, das ist aus den tausend und abertausend Fäden gewoben, die mich ans Vergangene knüpfen. Zerreiße sie, tönt es mir in die Ohren, verbrenne die Schiffe hinter dir!« – aber ich kann nicht, ich werd' es niemals können!«

»Na,« sag' ich endlich, »da will ich Ihr guter Genius sein,« und packe ihn beim Kragen und will ihn hinüberstoßen. Aber er wehrt sich und wird mir wie Blei unter den Händen. »Lassen Sie das,« sagt er, »was nützt es mir, wenn ich gestoßen und geschoben werde! Wollen Sie mir einen Gefallen tun?«

»Gern.«

»Löschen Sie die Laterne aus. Vielleicht, daß ich mich im Dunkeln wiederfinde.«

Ich habe ihm den Gefallen getan. Ob er aber hinübergekommen ist? – –

Nun bewegt mich immer der Gedanke: Ist es wirklich so kinderleicht, über den Strohhalm zu kommen, wie es aussieht? Bebt jeder von uns nicht einmal davor zurück? Ich fürchte, daß wir nur zu oft zaudernde Feiglinge sind, wenn es gilt, die unsichtbaren Fäden zu zerreißen, die uns hindern am Entschluß. Oder soll ich glauben, daß jener Mensch wirklich ein Narr gewesen sei? Ich vermag es nicht zu entscheiden.

*


 << zurück weiter >>