Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der entsprungene Gott

Nichts ist gewaltiger, als die Götter. Aber es ist nicht immer ein Glück, zu diesen Auserwählten und Übergewaltigen zu gehören; denn durch ihre Seele geht ein Drang, erst leise, aber bald lauter und ungestümer, ein Drang, sich von all den einengenden Satzungen und Schranken zu Befreien, womit die Menschen sie umgeben haben. Aber das gelingt nicht allen, und der, dem es doch einmal gelang, stürzte zuletzt und starb.

Es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß er ein Gott sei. Sein Denken und Fühlen war durchaus weltlicher Natur. Er war nur ein Stier. Er tummelte sich in jugendlicher Kraft auf den Wiesen im Lande Gosen und reckte drohend das kraftvolle Haupt zur Sonne empor, wenn sie gar zu heiß herniederbrannte. Aber sein Kleid hob ihn heraus vor dem andern Rindvieh. Haupt und Nacken und Rumpf dunkelten schwärzer als die Nacht, schwarz wie die Kohle, schwarz wie das Gefieder des Raben, aber Kehle und Bauch und ein ganz kleines Zipfelchen vom Schwanz leuchteten weiß wie die Milch, wenn sie in den Eimer fließt.

Nun gab es eines Tages eine seltsame Schau. In das Land Gosen kam ein Zug von Männern in langen, weißen Gewändern, und sie gingen in alle Ställe und auf alle Wiesen, wie die Leute, die mit dem Vieh zu handeln pflegen. Für die nahrungspendenden Kühe hatten sie aber kein Auge; sie sahen nur auf die Stiere. Aber soviel man ihnen auch zeigte, sie schüttelten die Köpfe und gingen wieder weg. Ihre Herzen verzweifelten; sie hatten ihren Gott verloren und wußten nicht, wie sie einen wiederfinden sollten.

Und dann hatten sie ihn gefunden.

Ihr Atem stockte, ihre Blicke wurden starr, und das Herz schlug in rascherem Takte.

»Es stimmt alles,« sagte das Oberhaupt der Männer, »wie Marmor sind die vier Säulen, die den dunkeln Leib emporheben von der Erde. Weiß wie Byssus ist die Spitze seines Schwanzes, wenn sie auch nur klein ist, vielleicht werden die Haare noch etwas wachsen. Aber wie der Mond ist das Licht, das aus dem nächtigen Haupte kommt, das weiße Dreieck vor der Stirn.«

»Dreieck?« rief ein jüngerer Priester. »Dreieck? Mich deucht, die Seiten seien fast ein wenig zu sehr gekrümmt, und es sei eher ein Viereck oder gar ein Kreis zu nennen.«

Der Oberpriester sandle dem Zweifler einen strafenden Blick zu.

Er sagte: »Sind wir nicht allenthalben gewesen? Ist dies nicht die letzte Wiese im Lande Ägypten? Gott Ptah kann uns nicht verlassen haben, und was den Flecken vor der Stirn anbetrifft, so zweifle ich nicht daran, daß man ihn noch etwas zurechtkämmen kann. Es ist ein Dreieck; denn es muß ein Dreieck sein! Kniet nieder, Gott Ptah ist erstanden!«

So waren sie vor ihm niedergesunken, und darüber war das Vieh so verwundert gewesen, daß es für einen Augenblick das Wiederkäuen vergaß, und es vergaß auch, zur rechten Zeit seine Hörner zu gebrauchen. Man hielt ihm mit ehrfurchtsvoller Miene das beste Futter vor, und weil es die Gewohnheit der Götter ist, dumm zu werden, wenn sie reichliches Futter bekommen, so merkte der Stier gar nicht, daß man ihm einen Strick um die Hörner legte, und an diesem Strick ward er in die goldene Gefangenschaft geführt.

Nun war er ein Gott. Zwischen seinen Hörnern trug er das goldene Bild der Sonne, eine köstliche Decke auf seinem Rücken, und Ketten zierten ihm den Hals; es war nichts daran gespart worden, aber sie dünkten ihn ein wenig eng. Er war ein Gott, trotzdem der Fleck vor seiner Stirn sich nicht so recht zu einem Dreieck wollte zurechkämmen lassen; man pflegt es ja nicht ganz genau zu nehmen mit dem Licht, das von dem Haupte der Götter ausgeht. Trotz alledem, er war ein Gott, und ein Land lag vor ihm auf den Knien, Opfer flammten auf, und Gebete stiegen empor.

Und doch, ihm behagte nicht, ein Gott zu sein. Freilich bekam er gutes Futter, aber es schmeckte ihm nicht so recht. Auf den Wiesen im Lande Gosen war alles saftiger und frischer gewesen, und dort war er frei, hier jedoch stand er immer im Stall; denn diese herrliche, säulengetragene Halle war nichts anderes als ein Stall. Von allen Seiten hegten ihn feste Schranken ein. Und hier war er allein, und er sehnte sich doch nach seinesgleichen, sehnte sich besonders nach den Kühen im Lande Gosen.

Da geschah es eines Tages, daß die Priester schliefen. Es ist ein Glück für die Freiheit der Götter, wenn ihre Hüter schlafen. Der Apis machte sich's zunutze. Er gebrauchte die Kraft seiner Hörner und zerbrach die Schranken. Krachend stürzten sie zusammen. Hocherhobenen Hauptes schritt er durch die Säulengänge hindurch; ein freundlicher Geist lenkte seinen Weg, und er kam glücklich aus dem Tore hinaus. Freiheit! Jetzt aber waren die Priester erwacht, eilenden Fußes kamen sie hinter ihm her, jammernde Rufe stießen sie aus. Das hörte der Gott, und sein Herz geriet in Wallung. Er warf seinen Schwanz empor, er schnob, als wenn er Feuer durch seine Nase blasen wollte, und senkte sein Gewaffen mit dem Bilde der Sonne. So stürmte der Stier in brausendem Siegeslaufe durch das zitternde Memphis. Er kam über den Markt. Es ist etwas Entsetzliches um einen fessellosen Gott. Er bringt ganze Scharen unter seine Füße, und was ihm vor die Hörner kommt, das nimmt er von der sichern Erde weg und schleudert es dem Himmel entgegen. Und das Schlimmste ist, daß man ihm nicht an das Leder darf.

Auf allen Plätzen und Straßen, in allen Tempeln lagen die Menschen und beteten und flehten, um die zürnende Gottheit zu versöhnen. Es war vergebens. Durch ganz Memphis ging der Tanz des empörten, freiheitdurstigen Gottes. Niemand wagte ihn zu hindern, auch die Priester nicht. Da fand sich endlich ein Schlächter, der nahm sein scharfes Beil zur Hand und schickte sich mutig an, dem Vieh entgegenzutreten; aber als die entsetzte Menge das begriff, suchte man nach Steinen und warf den Frevler tot.

Aber Priester sind kluge Leute, und wenn man ihnen nur einige Zeit läßt, dann fassen sie sich, und seien sie auch in der schlimmsten Bedrängnis. Auch die Priester von Memphis bekamen ihre Ruhe wieder und unmerklich lenkten sie den entsprungenen Gott. Hier wehten Tücher, dort wurden Seile gespannt, an einigen Stellen errichtete man eilige Schranken, und so trieben sie ihn klüglich auf bestimmte Wege. Er raste zuletzt in einen geschlossenen Hof hinein, das Tor ward rasch zugesperrt, und der Gott war gefangen.

Memphis atmete auf; der Zorn des Himmels schien besänftigt zu sein. Endlich war das Tier ruhig geworden, vorsichtig ward das Tor aufgetan, und die Hüter des Apis gingen hinein, Futter und Stricke in der Hand. Als der Gott die Stricke sah, packten ihn trübe Erinnerungen, und er geriet abermals in Wut. Um jeden Preis entkommen! und so setzte er stracks über die Mauer hinweg, die den Hof von der Straße trennte; aber obgleich er die Stelle wählte, die ihm als die niedrigste erschien, schlug er doch hart mit dem rechten Hinterbein auf und stürzte mit dem Kopf voran auf das Pflaster. So brach er den Hals und starb. Die Decke, die seinen Rücken umhüllt hatte, war verloren, vom goldenen Bilde der Sonne hafteten noch einige Fetzen an seinen Hörnern; nur die Ketten waren unverletzt.

Der Leib des toten Gottes ward in einen großen steinernen Sarg getan – glänzend war er geschliffen – und diesen Sarg setzte man nieder in den heiligen Gräbern zu Sakkara. Ganz Ägypten trauerte – bis die Priester einen neuen Gott gefunden hatten.

*


 << zurück weiter >>