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Die Friedenstaube

Die Todesflut hatte sich verlaufen, und über die entvölkerte Erde wölbte sich der Bogen des Friedens. Aus der Arche strömte hastig ein buntes Gewimmel, verbreitete sich über die Abhänge des Ararat und freute sich der ersehnten Freiheit.

»Alle Tiere sollt ihr entlassen,« sprach der Herr zu Noah. »Behaltet nur die Taube, die das Ölblatt brachte um die Vesperzeit. Ich hab' ihr unsterbliches Leben verliehen, und solange sie bei den Menschen bleibt, soll Friede sein auf Erden.«

Und Noah hütete die Taube. Als aber seine Hand schwach und sein Auge dunkel wurde, rief er seine drei Söhne und sprach: »Japhet, mein Jüngster, du bist kraftvoll und klug; hüte du fortan die Taube, damit kein Krieg die Geschlechter der Menschen verwirre.«

Da neigten sich die Brüder vor dem Willen des Vaters; sie gingen hinaus, und Japhet trug die Taube. Kaum aber waren sie draußen, so sprach Sem: »Ist Japhet mehr als Sem und Ham, daß er soll hüten allein die Taube des Friedens?«

Als Japhet die hämischen Worte hörte, schwoll ihm das Herz. »Bewahre sie einen Augenblick,« rief er und reichte Ham die Taube.

Drohend erhob sich ein Bruder gegen den andern; aber noch wirkte der Segen des Herrn, und schon streckte Japhet die Hand aus zur Versöhnung. Das sah Ham, und weil der Friede seiner schadenfrohen Seele nicht behagte, ließ er plötzlich die Taube fliegen und lachte.

Einen Augenblick standen die beiden andern erstarrt. Dann warfen sie sich vereint auf den Übeltäter, stürzten ihn zu Boden und brachten seinen Rücken unter ihren Fuß.

Und von jenem Augenblick an bis auf den heutigen Tag ist nicht wieder Friede geworden auf Erden.

*


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