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Ein grober Mensch

Da schlendern wir so die Landstraße entlang, einige Freunde und Bekannte, Beamte größtenteils, dazwischen auch ein paar Kaufleute. Wir haben unsern Spaziergang gemacht und streben wieder der Stadt zu. Der Weg ist schlecht, mit Findlingen gepflastert. Vor uns her holpert und dolpert ein Steinwagen, nicht wenig beladen, und mit seinen Stößen belästigt er nun schon länger als eine Viertelstunde das Ohr. Ach, wie selten kann man draußen ungestört die Schönheit der Natur genießen!

Vorn auf dem Wagen sitzt der Fuhrmann, ein Knirps, beinahe noch ein Knabe; aber er pfeift durchdringend wie eine Piccoloflöte, und dazu knallt er alle halbe Minuten mit seiner Peitsche, daß es einem durch die Seele schneidet. Verfluchter Bengel! Aber da hört wenigstens das Stoßen des Wagens auf. Die Straße soll ausgebessert werden, und der Fuhrmann muß seitwärts lenken und den Nebenweg benutzen. Jetzt pfeift er nicht mehr, aber die Peitsche klatscht desto ärger, fällt auch wohl auf den Rücken der Pferde. Da, ein Ruck, und der Wagen sitzt fest. Der Junge wirft einen verwunderten Blick nach den Rädern, und dann steigt er ab. Ein paar Sekunden, und wir haben die Stätte erreicht.

»Das war vorauszusehen, meine Herren,« sagt der Klügste von uns, der lange, magere Rektor. »Er ist viel zu schwer beladen – solche Leute machen das ja immer so!«

»Ja, der Regen hat den Boden aufgeweicht,« pflichtet ihm der kleine Apotheker bei. »Das linke Hinterrad steckt genau in der Pfütze. Mich soll nur wundern, wie das da wieder herauskommt!«

So stehen wir denn alle und schauen zu. Der Junge beachtet uns nicht. Er packt die Zügel mit der Linken, und mit der Rechten zieht er dem Braunen an seiner Seite ein paar übers Fell, schreit Hüh! und flucht wie ein Unteroffizier. Die Pferde ziehen verzweifelt an, aber sie kriegen den Karren nicht von der Stelle.

Der Knirps hebt von neuem die Peitsche. Da fällt ihm der kleine Rentner Kollmann in den Arm, der, von dem man sagt, daß ihn seine Frau, der Drache, zuweilen mit der Feuerzange bearbeite. Er hat nämlich ein weiches Gemüt, und außer dem Hause ist er ein eifriges Mitglied des Tierschutzvereins.

»Junge,« ruft er herrisch, »willst du das wohl lassen, Tierquäler du! Anzeigen werd' ich dich, beim Schutzmann, das werd' ich tun.«

»Awer ick möt dor doch rut!« wendet der Bengel störrisch ein.

»Warum bist du nicht abgestiegen, du, dann wär' der Wagen sicher nicht stecken geblieben.«

Da komme ich dazwischen – ich bin nämlich selten um guten Rat verlegen.

»Der Junge hat recht,« sag' ich, »der Karren muß wieder aus dem Dreck raus. Es ist am besten, Kleiner, du gehst dort zum nächsten Bauernhause, leihst dir noch ein Pferd dazu und spannst es vor. Wenn du nur aus der Pfütze heraus bist, nachher wird der Boden fester.«

»Nä, de lacht mi ut,« sagt der Junge, und er will nicht.

»Na,« sag' ich wieder, »dann packst du schnell einige hundert Steine ab, dann wird es auch wohl gehen.«

»Dor hebb ick kien Tied to,« wendet der Flegel ein.

»Ich kann nicht begreifen,« meint da ein andrer von uns, wie man solche Kinder mit einem so schweren Wagen unterwegs schicken mag. Da ist es ganz selbstverständlich, daß solch' betrübende Fälle vorkommen.«

Und so reden wir weiter, ein guter Rat nach dem andern wird gegeben.

»Na, wat is dor denn los?« ruft da plötzlich eine grobe Stimme, und ein Kerl steht vor den Pferden, die noch immer keuchen und dampfen. Keiner von uns hat ihn kommen sehen, ganz natürlich, weil wir so beschäftigt waren. Das ist ein plumper, vierschrötiger Gesell mit unglaublichen Füßen und noch unglaublicheren Fäusten, auf dem struppigen Haar einen durchlöcherten Hut und im Gesicht ganz rot, ich weiß nicht, ist er gesund, oder säuft er wohl gar? Vielleicht ein Schmied, oder ein Zimmermann, oder auch nur ein Tagedieb, wie sie leider oft auf der Landstraße herumlungern.

»Wat dor los is, frag' ick,« sagt er noch einmal.

»Dat sühst du jo woll,« ruft der Junge, »ick sitt hier fast.«

Da guckt uns der Kerl ganz frech an und fängt an zu zählen: »Een, twe, dre, veer, fief, seß, säben und ick, sünd acht. Anpacken!« schreit das Luder dann und reißt seine Jacke herunter und schmeißt sie auf die Erde. O je, das Futter!

»Nu hau drup!« ruft er dem Jungen zu.

»De Lü dor seggt, ick darf se nich mit de Pitsch haun,« wendet der ein.

»Denn hau se mit den Stehl!« knurrt der andre, und damit tritt er mit dem linken Fuß in den Dreck, quatsch! und greift dem tief eingesunkenen Rade in die Speichen. Jüh! schreit er, der Junge haut drauf, die Gäule ziehen mächtig an, der Kerl wird im Gesicht noch röter, als er schon ist, seine Knochen knacken, oder knackt das Rad? Und ehe wir andern noch dazu kommen, zuzugreifen, ist der Wagen schon aus dem Loch heraus und geht dahin.

»Gott verdori!« sagt der Kerl da und lacht uns ganz frech an, »dor harr wi em awer kregen, wat?«

Und ehe wir ihm noch etwas erwidern können, greift er seine Jacke auf und dabei brummt er mich an: »Dor bruckst du mi ok nich up to pedden!« und dann quetscht er sich mitten durch unsere Gruppe und geht seiner Wege.

Es ist unglaublich, was es doch für grobe Menschen gibt!

*


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