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Die Tränen Christi

Christus ging durch das Land, und alles Land war heidnisch. Prangende Marmortempel bargen die Bildnisse der Götter, und in ihren Vorhöfen flammten die Altäre. Opfervieh ward herangetrieben, und es brüllte unter den Beilen und Messern der Schlächter.

Und Christus fragte die stöhnenden Tiere: »Warum schleppt man euch zum Altar? Warum verbrennen euch die Menschen?«

»Um ihres Glaubens willen,« erwiderten sie.

Da ergriff unendliches Mitleid das Herz des Heilands, die Augen gingen ihm über, und unter den Tränen der Barmherzigkeit erloschen alle Opferaltäre im Lande, und fürderhin verbrannte man nicht mehr das Fleisch der Tiere, um die Götter zu ehren.

Christus ging durch das Land, und alles Land war christlich. Und überall sah er flammende Scheiterhaufen, und mitten in den Flammen beteten zuckende, sterbende Menschen: »Christe, du Sohn Gottes, erbarme dich unser!«

Da erfaßte Entsetzen das Herz des Erlösers, und er trat zu einem der Scheiterhaufen und fragte die Knechte des Henkers: »Warum verbrennt ihr diesen Mann?«

» In nomine Domini,« war die Antwort, »um unsers heiligen Glaubens willen. Er ist ein Ketzer.«

Und er ging zu einem andern Scheiterhaufen und fragte: »Warum verbrennt ihr jene Frau?«

» In nomine Domini,« hieß es abermals, um unsers heiligen Glaubens willen. Jenes Weib hat sich dem Teufel ergeben; sie ist eine Hexe.«

Da ergriff unendliches Mitleid das Herz des Erlösers, und er weinte, weinte stärker, als er am Grabe des Lazarus geweint hatte, weinte länger als über das verlorene Jerusalem, und die Tränen Christi löschten alle Scheiterhaufen rings im Lande, und fürderhin verbrannte man keine Menschen mehr – in nomine Domini.

Christus ging durch das Land, und alles Land war christlich. Da kam er an eine Kirche, und sie war seinem Dienst geweiht; hoch oben auf der Spitze des Turmes ragte sieghaft sein Kreuz empor, aber eigentlich war es doch nicht sein Kreuz; denn es war vergoldet.

Und siehe, aus der Tür der Kirche stürzte der Pfarrer heraus, verfolgt von einer wütenden Rotte, die ergriff ihn, schlug ihn und riß ihm den Talar von der Schulter.

Da fragte Christus: »Was hat er getan, und warum brennt euer Herz so voller Haß! In wessen Namen tut ihr also?«

»Im Namen dessen, der auf Golgatha gestorben ist,« schrieen sie. »Er hat anders gepredigt, als unser Bekenntnis es verlangt.«

»Wollt ihr ihn verbrennen?« fragte der Erlöser mit bangem Zweifel.

»Was fällt dir ein!« riefen sie. »Wir sind Christi Diener, und unsere Hände sollen rein bleiben von Blut. Wir stoßen ihn nur aus der Kirche hinaus und tun die Zeichen seines Amtes von ihm ab, und dann mag er sehen, wo er bleibt.«

Der Erlöser hörte das; er weinte zum dritten Male, und weinte stärker als je vordem; aber seine Tränen vermochten nicht den Brand des Hasses zu löschen, der in den Herzen der Menschen flammte.

*


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