Anonym (Frankreich)
Die hundert neuen Novellen
Anonym (Frankreich)

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75. Novelle
»Du bleibst zu lange, Robinet«

Zur Zeit des Krieges der beiden Parteien, der Burgunder und der Armagnacs, trug sich zu Troyes in der Champagne eine recht hübsche Geschichte zu, die wohl der Erzählung wert ist. Nämlich ehe sich die Leute von Troyes zu den Burgundern gerechnet hatten, standen sie auf der Seite der Armagnacs, und unter ihnen hatte ein halb toller Gesell sein Wesen getrieben. Er war nicht ganz um seinen gesunden Verstand gekommen, doch war er, um die Wahrheit zu sagen, mehr verrückt als vernünftig, obwohl er manchmal mit Hand und Mund verschiedenes tat und sagte, was ein Klügerer als er nicht zu vollbringen und vorzubringen gewußt hätte.

Nun will ich auf meine Geschichte kommen: Der obenerwähnte Bursche, der mit den Burgundern zu Sainte Menehould in Garnison lag, hatte eines Tages mit seinen Gefährten ein Gespräch, in dem er ihnen erklärte, er würde ihnen, wenn sie auf ihn hören wollten, einen guten Plan entwickeln, wie sie eine große Schar der Schurken von Troyes angreifen könnten, die er tödlich haßte und die ihn ebenfalls nicht liebten, sondern ihn sicher, hätten sie ihn fassen können, zum Galgen geführt hätten.

Hört, was er ihnen sagte: »Ich will nach Troyes gehen, mich den Vorstädten nähern, so tun, als wollte ich in der Stadt spionieren, mit meiner Lanze die Gräben ausmessen und mich so nahe an die Stadt heranwagen, daß sie mich fassen werden. Ich glaube sicher, daß mich der gute Bailli, sobald er mich hat, zum Galgen verurteilen und kein Mensch in der Stadt ein gutes Wort für mich einlegen wird, denn sie hassen mich allesamt und werden mich wohl frühmorgens zum Galgen führen. Ihr sollt euch in dem Wäldchen, das dort ganz in der Nähe liegt, verstecken und, sobald ihr mich und meine Begleitung kommen seht, auf die Masse losstürmen und packen und halten, wen ihr wollt, und mich aus ihren Händen befreien.« Alle seine Kriegsgefährten waren damit einverstanden und sagten, wenn er das Abenteuer zu unternehmen wagte, würden sie es ihm zu Ende führen helfen.

Um es kurz zu machen: der Tollkopf näherte sich Troyes und ward nach seinem Wunsch festgenommen; das Gerücht davon verbreitete sich bald durch die Stadt, und sie verurteilten ihn einstimmig zum Galgen. Sogar der Bailli schwur bei allen guten Göttern, sobald er seiner ansichtig ward, er solle gehängt werden.

»Ach, gnädiger Herr, ich bitte Euch um Gnade«, rief er, »ich habe Euch doch nichts Böses getan.«

»Ihr lügt, Schurke«, entgegnete der Bailli, »Ihr habt die Burgunder ins Land geführt und die guten Bürger und Kaufleute dieser Stadt geschädigt. Dafür sollt Ihr nun Euern Lohn empfangen und an den Galgen gehängt werden.«

»Ach, gnädiger Herr«, rief unser Geselle, »wenn ich nun schon einmal sterben muß, möchte ich ganz früh hingerichtet werden, denn ich habe in der Stadt so viele Bekannte und Vertraute und möchte meine Hinrichtung nicht allzusehr bekanntgemacht sehen.«

»Schön, schön«, sagte der Bailli, »es soll geschehen.«

Am andern Tage stand ganz früh am Morgen der Henker mit seinem Karren vor dem Gefängnis, und es dauerte nicht lange, seht, da kamen der Bailli zu Pferde und seine Gerichtsdiener und eine große Menge Menschen, die ihn begleiten wollten, und unser Mann ward gepackt, auf den Karren gehoben und festgebunden, und man führte ihn, während er fortwährend auf seinem Dudelsack spielte, zu der Richtstätte, wo sich trotz der Frühe sehr viele Menschen eingefunden hatten, so war er in der Stadt verhaßt.

Nun müßt ihr wissen, daß seine Gefährten aus der Garnison von Sainte Menehould seiner nicht vergaßen und sich in dem Wäldchen nahe der Richtstätte versteckten, einmal um ihren Mann, wenn es auch ein großer Dummkopf war, zu retten, dann aber auch, um Gefangene zu machen und anderes, wenn sie könnten, zu erobern.

Als sie nun dort angekommen waren, berieten sie über ihren Kriegszug und schickten eine Wache auf einen Baum, die ihnen melden sollte, wann ihre Leute von Troyes an der Richtstätte eintreffen würden. Die dort postierte Wache erklärte, sie werde schon ihre Pflicht tun. Jetzt sind die Gerichtsbeamten vor den Galgen gekommen, und der Bailli befiehlt, mit unserm armen Schelm kurzen Prozeß zu machen. Der war sehr erstaunt, wo seine Genossen blieben und weshalb sie nicht auf diese schurkischen Armagnacs eindrangen. Es war ihm nicht wohl ums Herz, und er sah vor und zurück und am meisten nach dem Wald. Doch er sah und hörte nichts. Er sagte seine Beichte her, so lang er nur konnte, schließlich ward er aber doch vom Priester genommen, und um es kurz zu erzählen, er stieg die Leiter in die Höh, und wie er dort oben ankam, war er, weiß Gott, sehr erstaunt, blickte vor, blickte zurück, immer nach dem Wald; doch umsonst, denn die Schildwache, die den Gefährten melden sollte, wann sie ihm zu Hilfe kommen könnten, war auf dem Baum eingeschlafen. Der arme Teufel wußte nicht, was er davon denken und was er dazu sagen sollte, und meinte, sein letztes Stündlein sei gekommen. Nach einer Weile traf der Henker seine Vorbereitungen, um ihm den Strick um den Hals zu legen und die Strafe zu vollziehen. Und als er das sah, kam ihm ein sehr gescheiter Einfall, und er sagte: »Gnädiger Herr Bailli, ich bitte Euch um Gottes willen, laßt mich, ehe man mich hängt, ein Lied auf meinem Dudelsack spielen, das ist meine letzte Bitte an Euch. Nachher will ich gern sterben und verzeihe Euch und allen andern meinen Tod.«

Diese Bitte ward ihm gewährt und sein Dudelsack ihm nach oben gebracht. Und als er ihn hatte, begann er, so gut er noch konnte, zu spielen, und er spielte ein Lied, das seine Gefährten unten im Versteck wohl kannten, und es hieß: »Du bleibst zu lange, Robinet, du bleibst zu lange.«

Durch die Töne des Dudelsacks war die Schildwache aufgeweckt, ließ sich, lang wie sie war, voller Angst, daß es zu spät sei, vom Baum fallen und rief: »Man hängt unsern Mann, vorwärts, vorwärts, beeilt euch!«

Die Genossen waren gleich bereit, und unter Trompetenschmettern brachen sie aus dem Wald und stürzten sich auf den Bailli und die ganze vor dem Galgen versammelte Menge. Ob dieses Schreckens ward der Henker so bestürzt und kopflos, daß er gar nicht daran dachte, dem andern die Schlinge um den Hals zu legen und ihn von der Leiter zu stürzen, sondern ihn vielmehr bat, ihm das Leben zu retten, was er auch gern getan hätte; doch er kam nicht dazu, denn er hatte jetzt ganz etwas anderes und Besseres zu tun, und rief seinen Gefährten von der Leiter zu: »Packt den da! Faßt den! Der hat viel Geld! Das ist ein schlechter Kerl!«

Kurz, die Burgunder töteten eine große Menge der Leute von Troyes und machten viele Gefangene: und so, wie ihr es gehört habt, retteten sie ihren Mann, der ihnen erklärte, zeit seines Lebens habe er nicht so viel Angst wie damals ausgestanden.

 


 


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