Anonym (Frankreich)
Die hundert neuen Novellen
Anonym (Frankreich)

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74. Novelle
Der respektvolle Pfarrer

Als jüngst der gnädige Herr Seneschall von Boulogne durch das Land von einer Stadt zur andern ritt und an einem Weiler vorüberkam, wo man gerade zur Messe läutete, wollte er, da er nicht mehr in die Stadt, wo er sonst die Messe hörte, zu kommen fürchtete, zumal es schon fast um Mittag war, in diesem Weiler absteigen, um Gott wenigstens unterwegs zu sehen. Er stieg an der Kirchentür vom Pferde und stellte sich ganz in die Nähe des Altars, an dem man die heilige Messe las, und so dicht an den Priester, der sie zelebrierte, daß er ihn bei der heiligen Handlung von der Seite sehen konnte.

Als er das Brot und den Kelch erhoben und alles verrichtet hatte, wie es sich gehörte, rief er, nachdem er den gnädigen Herrn Seneschall hinter sich hatte treten sehen und nicht wußte, ob dieser noch zur rechten Zeit, das heilige Sakrament zu sehen, gekommen war, gleichwohl aber überzeugt war, er sei zu spät gekommen, seinen Ministranten und hieß ihn hinten die Kerze anstecken. Dann hob er noch einmal unter Beobachtung aller vorgeschriebenen Zeremonien das heilige Sakrament und erklärte, es sei für den gnädigen Herrn Seneschall. Und dann ging die heilige Handlung weiter bis zum Agnus Dei. Als er es dreimal gesagt hatte und sein Ministrant ihm das Kußtäfelchen bieten wollte, wies er ihn ab, schalt ihn sehr heftig und erklärte, er wisse nicht, was Anstand und gutes Benehmen sei, und hieß ihn, es dem gnädigen Herrn Seneschall zu reichen, der ihn zwei-, dreimal nachdrücklich abwies. Als der Priester sah, daß der gnädige Herr Seneschall die Kußtafel nicht vor ihm haben wollte, setzte er das heilige Sakrament nieder, nahm die Kußtafel und brachte sie dem gnädigen Herrn Seneschall und erklärte ihm, wenn er sie nicht vor ihm nähme, würde er, der Priester, sie überhaupt nicht nehmen: »Es ist nicht recht«, meinte der Pfarrer, »wenn ich das Oskulatorium vor Euch bekomme.«

Da der gnädige Herr Seneschall sah, daß der Mann keiner von den Klügsten war, gab er dem Pfarrer nach und nahm das Kußtäfelchen, und nach ihm nahm es der Pfarrer, und danach ward die Messe zu Ende gelesen.

 


 


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