Anonym (Frankreich)
Die hundert neuen Novellen
Anonym (Frankreich)

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29. Novelle
Hochzeit und Niederkunft an einem Tag

Es ist noch nicht hundert Jahre her, daß ein Edelmann unseres Königreichs das Vergnügen, das man in der Ehe hat, erkunden und erproben wollte. Und um es kurz zu machen, er wußte es so gut zu fördern, bis der heißersehnte Tag seiner Hochzeit gekommen war. Nach den guten Mahlzeiten und anderem hergebrachten Zeitvertreib ging die Neuvermählte zu Bett, und er folgte ihr nach einer Weile und legte sich dicht neben sie und begann ohne Zögern sofort den Sturm auf die Festung, und zwar derart, daß er in kurzer Zeit in sie einzog und sie gewann.

Doch müßt ihr wissen, daß ihm diese Eroberung nicht ohne viele Waffentaten, die zu erzählen allzu lange dauern würde, gelang. Denn sobald er an den Turm der Burg gekommen war, mußte er Bollwerke, durch Palisaden befestigte Orte und viele andere Forts nehmen und erobern, mit denen der Platz wohlversehen war, als wäre er noch niemals genommen worden, noch unberührt und von der Natur wohl zur Verteidigung ausgerüstet.

Als er Herr des Platzes war, brach er nur eine Lanze, dann ließ er vom Sturm ab und unterbrach das Werk. Nun müßt ihr nicht vergessen, daß die gute Demoiselle, die sich in der Gunst dieses Edelmannes, ihres Gatten, sah, der schon den größten Teil seines Hauses fouragiert hatte, ihm einen Gefangenen, den sie in einem geheimen Ort eingekerkert und festgehalten hatte, zeigen wollte. Und um deutlich zu sprechen, sie entledigte sich sogleich nach diesem ersten Turnierritt, so gut es ging, eines hübschen Knaben, worüber der arme Mann so beschämt und erschrocken war, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Und aus Rechtschaffenheit und Mitgefühl für das Geschehnis bediente er Mutter und Kind nach besten Kräften.

Ihr könnt aber glauben, daß die arme, schmucke Frau dabei einen sehr lauten und kräftigen Schrei ausstieß, der von vielen deutlich gehört und vernommen ward, doch meinten sie, sie hätte diesen Schrei, wie es in diesem Königreich hergebracht ist, bei der Entjungferung ausgestoßen.

Währenddessen kamen die Edelleute des Hauses, in dem der junge Gatte weilte, klopften an die Tür des Zimmers und brachten die Brautsuppe. Sie pochten heftig, doch antwortete ihnen keine Seele.

Die Neuvermählte war wohl entschuldigt, und der Mann hatte auch keinen Grund, allzu laut zu gackern.

»Was heißt denn das?« riefen sie, »wollt ihr nicht die Tür aufmachen? Wahrhaftig, wenn ihr euch nicht beeilt, brechen wir sie auf. Die Brautsuppe, die wir euch bringen, wird bald ganz kalt sein.« Und darauf hoben sie von neuem und noch stärker zu klopfen an.

Und der neue Gatte hätte nicht für hundert Franken ein Wort gesagt, so daß die draußen nicht wußten, was sie denken sollten; er war doch sonst nicht stumm. Endlich erhob er sich, warf ein langes Gewand über und ließ seine Freunde ins Zimmer treten, die sofort fragten, ob die Brautsuppe gewonnen sei und sie sie zur rechten Zeit gebracht hätten.

Und einer von ihnen deckte den Tisch und setzte die schöne Mahlzeit darauf, denn sie wollten sie jetzt wie hergebracht halten. Sie setzten sich alle zum Essen nieder, und der gute Mann nahm seinen Platz in einem Armsessel ganz nahe seinem Bett und sah so einfältig und jämmerlich aus, daß man's euch nicht schildern könnte. Und was auch die anderen sagten, er sprach kein Wort, sondern saß wie eine starre Bildsäule oder ein Götzenbild.

»Was soll denn das heißen?« fragte einer. »Kümmert Ihr Euch nicht um das gute Mahl, das uns unser Wirt auftischt? Sagt doch wenigstens ein einziges Wort!«

»Ach Teufel«, meinte der andere, »mit seinen Flausen ist's zu Ende!«

»Wahrhaftig«, sagte der dritte, »die Ehe wirkt doch recht kräftig. Seht nur, eine Stunde lang ist er erst verheiratet, und schon hat er die Sprache verloren. Wenn das noch länger dauert, gebe ich für das andere keinen Pfifferling!«

Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, er war vorher ein sehr angenehmer Possenmacher, und es stand ihm auch gut, und war er in guter Laune, so sagte er kein Wort, ohne Gelächter hervorzurufen; doch in dieser Stunde war es damit vorbei.

Die Edelleute tranken kräftig dem Gatten und der Neuvermählten zu, doch weiß der Teufel, ob die beiden Lust zum Trinken hatten. Der eine wollte aus der Haut fahren, und die andere war ebenso übler Laune.

»Ich weiß nicht, was das heißen soll«, erklärte der Edelmann, »wir müssen uns selbst bewirten. Ich sah noch niemals einen Menschen mit so lautem Mundwerk so schnell durch eine Frau geduckt. Ich habe bemerkt, daß man in einer Gesellschaft, wo er war, nicht Gottes Donner hörte. Und nun hält er sich stiller als Feuer unter der Asche. Zum Teufel, er ist sehr kleinlaut geworden!«

»Ich trinke auf euer Wohl, liebe Freunde«, rief der zweite. Doch er nickte ihm nicht zu, er trank nicht, aß nicht, machte kein heiteres Gesicht und sprach nicht. Endlich aber, nachdem er deshalb von seinen Freunden gehörig geschmäht und gehänselt worden und, wie ein Wildschwein von allen Seiten gehetzt, am Ende seiner Kraft war, erklärte er: »Da ich euch, liebe Herren, wohl vernommen habe und ihr mich zum Reden treibt, sollt ihr wissen, daß ich recht gut Ursache habe, mir viele Gedanken zu machen und ganz stillzuschweigen. Und ich bin ganz sicher, jeder von euch täte ebenso, wenn er den gleichen Grund wie ich hätte. Und beim Tode Gottes, wäre ich so reich wie der König, der Herzog und alle christlichen Fürsten, könnte ich doch nicht so viel haben, wie ich notwendig zum Unterhalt gebrauche. Seht, für einen armseligen Stoß, den ich meiner Frau bei der Umarmung versetzt habe, hat sie mir ein Kind geschenkt. Nun bedenkt doch, wenn sie es bei jedem Mal, wo ich es wieder tue, ebenso macht, womit sollte ich da die Wirtschaft bestreiten können?«

»Wie, ein Kind?« fragten seine Freunde.

»Wahr und wahrhaftig, ein Kind«, entgegnete er, »blickt nur dahin!«

Und nun wendet er sich nach seinem Bett, hebt die Decke und zeigt ihnen Mutter und Kind.

»Nun seht da die Kuh und das Kalb«, sagte er, »bin ich nicht gut bedacht?«

Viele Leute in der Gesellschaft waren sehr erstaunt und verziehen ihrem Wirt seine einfältige Miene und gingen davon und ihren Geschäften nach. Und der arme junge Gatte verließ in dieser ersten Nacht die neue Wöchnerin und fand sich auch später nicht mehr bei ihr ein, denn er fürchtete, sie würde es ein anderes Mal ebenso machen.

 


 


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