Gottlieb Wilhelm Rabener
Satiren
Gottlieb Wilhelm Rabener

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Liebe Base,

Du bist ein glückliches Mädchen, daß Du die Achtung und die Zuneigung eines Mannes hast erlangen können, welcher so einsehend und vernünftig ist, als Dein Bräutigam. Wie glücklich würden unsre Ehen seyn, wenn es eingeführt wäre, daß junge Leute einander ihre Fehler entdeckten, an statt daß sie sich alle Mühe geben, einander durch Schmeicheleyen solche zu verbergen, und sich auf beyden Seiten zu betrügen! Der Schritt, den zu itzt thust, ist der wichtigste Schritt, den ein Frauenzimmer in ihrem ganzen Leben thun kann. Und doch ist man gemeiniglich bey keinem so leichtsinnig, als bey diesem. Die Uebereilung von einer Minute ist der Grund zu einem Misvergnügen, das oft viele Jahre dauert, und sich nicht eher endiget, als mit dem Tode. Alle unsre Einsicht, welche wir Frauenzimmer zu haben glauben, ist gemeiniglich nicht hinreichend, die Verstellung einer Mannsperson zu übersehn, welche sich um unsre Gegenliebe bemüht. In andern Fällen sind wir scharfsinnig genug, nur in diesem nicht, wo sich Vorurtheile, Eigennutz, und andre Leidenschaften einmischen, die uns desto leichter blenden, je klüger wir uns zu seyn dünken. O wie viel hast du gewonnen, Liebe Tochter, daß Du alle Fehler Deines künftigen Mannes schon itzt besser kennst, als sie manche Frau an dem ihrigen nicht kennt, mit dem sie wohl schon viele Jahre in einer misvergnügten Ehe gelebt hat! Alle die Fehler, die Herr R – – von sich selbst sagt, sind Tugenden, weil er sie gesteht; und sein Eigensinn, wenn es anders ein Eigensinn ist, verspricht einer vernünftigen Frau ein wahres Glücke, und ein dauerhaftes Vergnügen. Kannst Du Dir wohl mehr wünschen, als einen Mann, der um deswillen Herr im Hause seyn will, damit er Dir bey Freunden und Bedienten das Ansehn der Frau vom Hause behaupten kann? Wie unvernünftig handeln unsre Weiber, welche die Größe ihres Ansehns auf die Verachtung ihrer Männer bauen wollen! Der Vorwurf fällt allemal auf sie zurück, daß sie bey dem Verstande, mit dem sie sich brüsten, keine klügre Wahl getroffen, und einen Mann genommen haben, dessen sie sich schämen müssen. Die Entschuldigung, daß sie der Eigennutz dazu gebracht hat, gilt hier nichts, oder es müßte möglich seyn, daß man einen thörichten Fehler mit einer noch größern Thorheit entschuldigen könnte. Laß dich das nicht abschrecken, daß er Dir so deutsch heraus sagt, wie weit er Dir den Aufwand und Staat zulassen will. Wäre er weniger billig, und hätte er nicht Willens, als ein ehrlicher Mann zu sterben; so würde er diese Vorsicht nicht brauchen. Er hat Recht. Es ist keine Thorheit abgeschmackter, als wenn man sich durch einen übermäßigen Aufwand denjenigen gleich setzen will, welche ihr Stand über uns erhebt. Vornehmern werden wir lächerlich; denen, die uns gleich sind, verächtlich; nicht einmal den Pöbel blenden wir. Verlohnt es sich wohl der Mühe, sein Vermögen zu verschwenden, um den Namen einer Närrinn zu erkaufen? Es ist dieses ein Fehler, den Weiber von demjenigen Stande, in welchen Du treten sollst, sich immer vorwerfen lassen müssen, und immer mit Grunde. Nimm ihn, Liebe Tochter, gieb ihm Dein Wort, so bald Du kannst. Das ist mein Rath. Bloß um deswillen verdient er deine ganze Hochachtung und Zärtlichkeit, daß er Muth genug hat, vor den Augen der ganzen Stadt mit seinem alten guten Vater so groß zu thun, dessen geringen Herkommens sich vielleicht ein andrer schämen würde, der nicht so vernünftig wäre, als Dein Liebhaber. Wie gewiß kannst Du seyn, daß er Dich auch im Alter noch zärtlich lieben wird, da er mitten unter den Schmeicheleyen, die er Dir als Liebhaber sagt, mit einem so edlen Trotze Deine Hochachtung für seinen Vater von dir verlangt. Was für Liebe und Ehrfurcht kann sich Dein Bräutigam künftig von seinen Söhnen versprechen, da er selbst ein so tugendhafter Sohn ist! Mit einem Worte, du bist glücklich. Gieb ihm Deine Hand. Dein Verstand, und Deine gute Aufführung verdienen dieses Glück. Lebe wohl mit ihm; Mädchen, ich kann mich der Thränen nicht enthalten. Lebe ewig wohl. Ich liebe Dich als Mutter.


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