Gottlieb Wilhelm Rabener
Satiren
Gottlieb Wilhelm Rabener

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Hätte ich wohl vor fünf Jahren glauben können, daß ich in so traurige Umstände kommen würde, einen Mann mir mit Feuer und Schwerdt zu ertrotzen, und die Obrigkeit um Hülfe anzuflehn, daß sie einen Würzkrämer in R – – zwingen möchte, mich zur Frau zu nehmen? Es war mein Ernst zwar nicht, die Sache so weit zu treiben, und ich würde vielleicht wenig ausgerichtet haben; aber es war schon schlimm genug, daß ich mich so grimmig anstellen mußte, einen Mann zu schrecken, den ich sonst so verächtlich von mir gewiesen hatte. Ich hoffte, er würde aus Furcht vor einem Processe mit Sack und Pack angezogen kommen, mich zu erlösen. Allein er kam nicht, und ich erhielt an seiner Stelle folgenden demüthigen Brief:

»Was? ich sollte wider meinen Willen eine Frau nehmen? Schwärmt Sie, Mamsell, oder hat Sie den Teufel im Leibe? Manntoll muß Sie zum wenigsten seyn, sonst hätte Sie einen so rasenden Brief nicht geschrieben. Das will ich doch sehn, wer mich zwingen soll, ein Mensch zu heirathen, das mich vor fünf Jahren auf eine so spröde Art von sich gewiesen hat? Ich weis den Henker von Ihren Briefen, und von Ihrer Freundinn, die Sie an mich geschickt hat. Das sind alles Lügen, kurz, derbe Lügen, versteht Sie mich? Mit Ihrem Advocaten! darüber lache ich. Wir haben in unserm Städtchen auch Advocaten, so schlimm als der Ihrige kaum seyn kann. Sie mag nur kommen, wenn Sie Lust hat. Ihn will ich zur Treppe hinunter schmeissen, und Sie durchs Fenster, wenn Sie mitkömmt; versteht Sie mich? Die Obrigkeit muß mir Recht schaffen, so gut wie Ihr. Mit dem weltlichen Arme kömmt Sie mir gleich recht. Verklage Sie mich. Gut! wir wollen sehn, wer das meiste Geld daran zu setzen hat, ich oder Sie? So einen verlaufnen Nickel will ich wohl noch aushalten. Ich denke, Sie soll das Geld zu Brodte brauchen, daß der Advocat nicht viel davon schmecken wird. Und wenn Sie mich bis untern Galgen brächte, so mag ich Sie nicht. Ich würde mich doch selbst hängen müssen, wenn ich Sie als Frau am Halse hätte. Das wäre doch was schreckliches, wenn ein ehrlicher Mann in seinem eignen Hause vor einer Frau nicht sicher seyn könnte, und das erste das beste Mensch heirathen müßte, das sich in Kopf setzte, mit Ehren unter die Haube zu kommen! Ins Spinnhaus gehört so eine Drolle, wie Sie ist. Geh Sie zum Teufel, und lasse Sie ehrliche Leute ungeschoren! Ich denke, Sie soll mich verstehn. Lebe Sie wohl, wenn Sie kann. Ich bin Ihr Narr nicht.

N.
am 5. Januarius
1751.

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Haben Sie wohl in Ihrem Leben gehört, daß ein Liebesbrief mit einem so groben Proteste zurück geschickt worden ist? Ich sah nun wohl, mit wem ich mir hatte zu schaffen gemacht, und daß dieser der Mann nicht wäre, welcher sich durch Advocaten und Richter schrecken lassen, oder durch Drohungen betäuben ließ, zärtlich zu werden. Die Lust vergieng mir, mein gutes Geld aufs Spiel zu setzen, und mich einem Manne aufzudringen, der Herz genug zu haben schien, seine liebste Hälfte zum Fenster hinunter zu werfen. Ich ließ meinen Vorsatz fahren, und nun bin ich ohne Rath und Trost. Was soll ich armes Mädchen anfangen?

Wissen Sie was, Herr Autor, erbarmen Sie sich meiner! Nehmen Sie mich zu Ihrer Frau! Sie sind noch unverheirathet; Sie sind fast in meinen Jahren, oder doch nicht viel älter; Sie haben ein Amt, das mich und Sie ernähren kann. Eine alte Jungfer ist ja wohl einen alten Junggesellen werth. Ich dächte, Sie nähmen mich immer. Was meinen Sie? Machen Sie mir den Vorwurf nicht, daß ich in meinen jungen Jahren spröde gewesen bin, daß ich bey zunehmenden Jahren mich allen meinen Bekannten angeboten habe, und daß mich die Verzweiflung zu Mitteln getrieben hat, die eben nicht die gewissenhaftesten zu seyn scheinen. Es wäre unbillig, wenn meine Offenherzigkeit mir bey Ihnen schaden sollte. Sie kennen mich nun von aussen und von innen. Wer weis, ob sie künftig mit ihrer Frau nicht noch mehr betrogen werden, als mit mir? Wir wollen einander unsre Fehler nicht vorwerfen. Vielleicht haben Sie auch Fehler. Viele Mädchen werden um deswillen zu alten Jungfern, weil sie, wie ich, in ihrer Jugend zu spröde gewesen sind, und an allen Liebhabern etwas zu tadeln gefunden. Aber wo kommen denn die alten Junggesellen her? In jungen Jahren lieben sie zu flatterhaft. Sie glauben, alle Mädchen wären nur für sie geschaffen, und es brauche keine Mühe weiter, als daß sie die Hand zum Fenster heraus streckten: so würden gleich zehn Mädchen kommen, und sich daran halten. Ist diese Eitelkeit nicht eben so lächerlich, als die unsrige? Mit zunehmenden Jahren merken sie, daß man sich nicht um sie zankt, und daß die große Vorstellung von der Wichtigkeit ihrer Person größtentheils eine eitle Einbildung gewesen ist. Nun fangen die Herren aus Verzweiflung an, Böses von Frauenzimmer, von Jungfern und von Weibern zu reden; und sind sie gar Schriftsteller, wie Sie, hochzuehrender Herr Autor, so schreiben sie Böses, und spotten über unser Geschlecht. Das nennen sie Satiren, die nur aus Liebe zur Wahrheit, und ihren armen Nebenchristen zu bessern, gedruckt werden. Aber, unter uns gesprochen, geschieht es nicht aus Begierde, sich wegen der Verachtung zu rächen, die das Frauenzimmer gegen ihre grossen Verdienste hat blicken lassen? Ich denke, Sie sollen mich verstehn, sagte mein Würzkrämer. Endlich rücken bey den Mannspersonen die traurigen Jahre der Verzweiflung und des Eigennutzes heran. Wie alt waren Sie, mein Herr? Ich glaube, ich habe es oben ausgerechnet, daß Sie fast so alt sind, als ich. Wie gesagt, die Jahre des Eigennutzes. Man sieht sich nach einer reichen Frau um. Die mag aussehn, wie sie wolle, sie mag alt oder jung, in gutem oder böse Rufe seyn, wenn sie nur Geld hat. Bisweilen sind die Herren so glücklich, den Schatz mit dem Drachen zu heben, der darauf liegt; und nun kömmt gewiß die Reihe an sie, gedemüthiget zu werden. Alle Spöttereyen über das weibliche Geschlecht werden sodann denen Herren reichlich vergolten, die in ihrer Jugend zu muthwillig, zu unbeständig geliebt, und nur eigennützig gewählt haben. Eine Frau, die sich und ihren Reichthum fühlt, die überzeugt ist, daß sie bey der Wahl ihrem Gelde alles zu danken hat; eine solche Frau wäre thöricht, wenn sie ihren Mann mehr lieben wollte, als ihr Geld. In der That geschieht es auch sehr selten. Es kommen zuweilen noch andre Umstände dazu, die euch, stolze Herren, zahm machen. Es giebt Galanterien, die im Ehestande nicht leicht unvergolten bleiben, wenn die Frau nur einiger massen erträglich aussieht, oder wenigstens einen guten Kerl ehrlich bezahlen kann. Ich bin keine Freundinn von persönlichen Satiren, diese Tugend habe ich Ihrer Vorrede zu danken; und wenn Ihnen diese Predigt zu bitter vorkömmt, so bin ich nur aus allgemeiner Menschenliebe bitter, wie Sie, mein Herr. Ich sage auch nicht, daß es schlechterdings so kommen müsse. Am wenigsten ist das meine Meinung, daß ich Ihnen, Hochgeehrtester Herr Autor, die Nativität stellen wollte. Davor bewahre mich der Himmel! Das ist gar nicht meine Absicht. Ich sage nur so – – verstehn Sie mich, – – wie soll ich mich recht ausdrücken? so ungefähr, daß es doch wohl bey Ihnen auch einmal möglich seyn könnte. Und wenn es nun so möglich seyn könnte, so sehe ich nicht, warum Sie nicht eben so lieb mich, als eine andre, heirathen wollten, mit der Sie eben so gut betrogen werden könnten. Wir schicken uns gar vortrefflich zusammen. Ich möchte gar zu gern einen Mann haben; und Sie, mein Herr, verstellen Sie sich nur nicht, man sieht es Ihnen an den Augen an, Sie möchten auch gern eine Frau. Vielleicht wollen Sie nur ein recht reiches Mädchen. Es kann seyn. Aber wissen Sie denn, ob ein recht reiches Mädchen auch Sie haben will? Gesetzt aber, Sie bekämen eine, nach Ihrem geizigen Wunsche, (denn ein wenig geizig sind Sie, das können Sie nicht läugnen,) sind Sie deswegen glücklich? Wohl schwerlich, oder es müßte alles nicht wahr seyn, was ich oben gesagt habe. Ich bin ja auch nicht ohne Mittel. Machen Sie nur meine Caution frey. Vielleicht haben Sie eher Gelegenheit, es dahin zu bringen, als ein andrer. Und wenn ich gar nichts mitbrächte, so bringe ich Ihnen doch neun Expensbücher von meinem seligen Vater mit, worinnen noch ein grosser Schatz von unbezahlten Sporteln steckt. Sporteln sind wohl das nicht, wovor Ihr zartes Gewissen erschrickt, oder ich müßte Sie, und Ihre Collegen, gar nicht kennen. Sie können ja meine Sporteln mit den Ihrigen eintreiben lassen, und wenn auch alle Bauern zu Grunde gehen sollten. Es thut ein jeder, was seines Amts ist. Der Umstand wegen meines Vermögens wäre also aufs reine gebracht. Wegen meiner Liebe lassen Sie sich noch weniger leid seyn. Wenn man in Ihren Jahren heirathet, so ist dieses gemeiniglich der letzte Punkt, wornach man fragt. Aber ich glaube auch, daß ich das Herz habe, Sie zu lieben. Wie weit wird man nicht durch Noth und Kummer gebracht? Ein Frauenzimmer, daß sich schon so viel in der Welt hat müssen gefallen lassen, als ich, wird nicht viel Ueberwindung mehr brauchen, einem Manne nachzugeben, der eigensinnig, oder, wie man es gemeiniglich nennt, accurat und hypochondrisch ist. Ein Fehler, den man Ihnen auch schuld giebt, werthester Herr Autor! Gestehn Sie es nur aufrichtig, Sie sind auch eifersüchtig. Die Herren sind es am meisten, die es an andern Männern am wenigsten leiden können. O, mein allerliebster Herr Autor! wie vergnügt wird unsre Ehe seyn! Ich bin wirklich durch die Jahre, durch Noth und Krankheit von meiner ehmaligen Schönheit so weit herunter gekommen, daß Sie meinetwegen nicht einen Augenblick in Sorgen seyn dürfen; und da ich, wie Sie wissen, eben kein Geld habe, so fehlen mir die Mittel, das durch Wohlthun zu ersetzen, und mir zu verschaffen, was ich durch meinen todten Reiz nicht erlangen kann. Mit einem Worte, unsre Ehe ist, als wenn sie im Himmel geschlossen wäre. Ich erwarte Ihre Erklärung mit Schmerzen. Ich werde alle meine bisherige Noth vergessen; für die glücklichste Person in der Welt werde ich mich halten, wenn ich die Ihrige seyn kann. In dieser Hoffnung bin ich mit der zärtlichsten Hochachtung,

Hochzuehrender Autor,

                    Ihre

– – –
am 26 Heumonat,
1751.
aufrichtigste und ergebenste Dienerinn,
F –
       

 


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