Kaiserin Elisabeth von Österreich
Das poetische Tagebuch
Kaiserin Elisabeth von Österreich

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Die Thräne.

So weit das Auge reicht nur Meer
Und wieder Meer von allen Seiten
Mit Wogen, die da toben, streiten
Und endlich fallen zentnerschwer.
Und mitten aus dem Meere steigt
Ein Obelisk aus Riesensteinen,
Die grau sich zum Kolosse einen,
Der ins Unendliche längst reicht.
Auf diesen stürzt die wilde Flut;
Die Brandung zischt an seinen Quadern
Und rinnt, als ob aus tausend Adern
Dem Stein entquölle Lebensblut.
Von Ost und West, von Süd und Nord
Nah'n rastlos stets die dunkeln Wogen,
Sie kommen zum Koloss gezogen
Mit wildem Tosen, fort und fort.
Jetzt nahen solche – wie Vertrau'n
Rauscht es mit leis gedämpften Tönen –
Die mit dem letzten Klagestöhnen
Noch einmal hoffend aufwärts schau'n.
Dazwischen rollts mit schwerem Fluch,
Und, wie ein schäumend Ross sich bäumend,
Hoch an den Obelisken schäumend,
Brüllt eine Woge: »Alles Trug!« –
Die rastlos ewig da sich nah'n,
Die vielen Millionen Wellen,
Die ungestüm nur wachsen, schwellen
Und heulen wie im Fieberwahn:
Das sind seit Urbeginn der Welt
Die zahllos Millionen Thränen.
Verzweifelnd bald und bald voll Sehnen,
Die dort der Obelisk zerschellt.

Doch über all dem schweren Leid,
Ob all den weiten, tiefen Meeren
Aus unversiegbar bittern Zähren,
Da thront seit Ewigkeit und Zeit
Im unermesslich fernen All,
Hoch auf des Obelisken Spitze,
Auf strahlend goldnem Wolkensitze
Jehova selbst im Urwalhall. –

Aber tief unten steht in ewigen Lettern
Auf den Steinen eingegraben:
Jehova ist gross und mächtig,
Doch grausam ist die Natur.


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