Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Lord Rich an Doctor T.

Ich komme vom Altar, wo mein Bruder eine Verbindung, und ich eine ewige Freiheit meiner Hand beschworen. Ich gab ihm jene Hand, die mein Herz sich lange wünschte, und von deren Mitwerbung ich abstund, weil ich mehr Stärke in mir fühlte einen Verlust zu ertragen, als er hat. Es war die Seele, die Gesinnungen der Lady Seymour, die ich liebte. Ihre Papiere, die sie in der vollen Aufrichtigkeit ihres Herzens schrieb, beweisen mir, daß sie das Beste mir schenkte, so in ihrer Gewalt war; wahre Hochachtung für meinen Charakter, wahres Vertrauen, zärtliche Wünsche für mein Glück. Der unauflöslich rätselhafte Eigensinn eines einmal gefaßten Vorzugs hatte schon lange und unwillkürlich die Neigung ihres Herzens gefesselt. – Ich kenne den hohen Wert ihrer Seele; ihre Freundschaft ist zärtlicher als die Umarmungen der Liebe einer andern Person. Die Herbstjahre des Lebens, in denen ich mich befinde, lassen mich alle reine Süßigkeit der Freundschaft mit Ruhe genießen. Ich werde bei diesen Glücklichen leben; der zweite Sohn soll Lord Rich, soll der Sohn meines Herzens sein! Alle Tage werde ich mit Lady Seymour sprechen, und die Schönheit ihres Geistes ist mein Eigentum; ich trage zu ihrer Glückseligkeit bei. Meine Mutter segnet mich über den Entschluß von ihrem geliebten Seymour, und mein Glück haftet an dem von den würdigsten und liebsten Personen, die ich kenne. – Bald, mein Freund, sehe ich sie und spreche sie.


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