Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Madam Leidens an Emilia

O meine Freundin! ein neues unerwartetes Übel drängt sich mir zu; ich zweifle, ob alle meine Standhaftigkeit hinreichen wird es zu ertragen, da ich ohnehin gezwungen bin, zu meiner gehässigsten Feindin, der Verstellung, meine Zuflucht zu nehmen. Aber weil in meinen itzigen Umständen mehr Aufrichtigkeit mir nichts nützen, und andern schaden würde, so will ich den fressenden Kummer in meine Brust verschließen, und selbst für das Vergnügen des Urhebers meiner Leiden die Überreste einer ehemals lächelnden Einbildungskraft verwenden. Hören Sie, meine Emilia, hören Sie, was für eine Rückkehr das Unglück macht, das Ihre Jugendfreundin verfolgt. Vor einigen Tagen mußte ich die ganze Geschichte von Lord Richs Herzen anhören; ihr letzter Teil enthielt die Abschilderung seiner Liebe für mich. »Es ist«, spricht er, »die Leidenschaft eines fünfundvierzigjährigen Mannes, die durch die Vernunft in sein Herz gebracht wurde, alle Kräfte meiner Erfahrung, meiner Kenntnis der Menschen bestärken sie.« – »Teurer Lord Rich, Sie betrügen sich; niemals hat die Vernunft für die Liebe gegen die Freundschaft gesprochen; Sie besitzen den höchsten Grad dieser edlen Neigung in meinem Herzen; lassen Sie –« – »Nichts mehr, Madam Leidens, ehe Sie mich angehört haben. Meine Vernunft machte mich zu Ihrem Freund, und wies Ihnen in meiner Hochachtung einen Platz an, den ich auch dem Verdienste eines Mannes würde gegeben haben.« – Hier rechnete er mir Tugenden und Kenntnisse zu, wovon ich sagen mußte, daß ich sie für nichts anders als schöne Gemälde liebenswürdiger Fremdlinge betrachten könnte. »Und ich (fuhr er fort) muß Ihnen in erhöhetem Maße das feine Lob zurückgeben, welches die Bescheidenheit meiner schönen Landsmänninnen von einem Fremden erhielt, da Ihnen die Vorzüge Ihres Geistes ebenso unbekannt sind als jenen die Reize ihrer Gestalt.« Hierauf beschrieb er meine mir eigenen Weiblichkeiten, wie er sie nannte, als Früchte eines feurigen Genie, und einer sanften empfindsamen Grazie, und machte aus diesem allen den Schluß; daß der Ton meines Kopfs und Herzens just derjenige wäre, welcher mit dem seinigen so genau zusammenstimmte, als nötig sei, die vollkommenste Harmonie einer moralischen Vereinigung zu machen. – – Das Bild seiner Glückseligkeit folgte mit so rührenden Zügen, daß ich überzeugt wurde, er kenne alle Triebfedern meiner Seele, und wisse wohin mich der Gedanke vom Wohltun führen könne. Mit aller Feinheit der Empfindungen zeichnete er einen flüchtigen Entwurf davon. O meine Emilia, es war der Abdruck meiner ehemaligen Wünsche und Hoffnungen im ehelichen Leben. Äußerst gerührt und bestürzt konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Er stund von der Rasenbank auf, und ergriff meine beiden Hände; eine vieldenkende männliche Zärtlichkeit war in seinem Gesichte, als er mich betrachtete, und meine Hände an seine Brust drückte. – – »O Madam Leidens«, sagte er, »was für ein Ausdruck von tiefen Kummer ist in Ihren Gesichtszügen! Entweder hat der Tod Ihrem Herzen alle Freuden des Lebens und der Tugend entrissen, oder es liegt in Ihren Umständen irgendeine Quelle von bitterm Jammer verborgen. Sagen Sie, teure geliebte Freundin, wollen Sie nicht, können Sie nicht dieser Quelle einen Ausfluß in den Busen Ihres treuen, Ihres Sie anbetenden Freundes verschaffen?« Mein Kopf sank auf seine Hände, die noch immer die meinigen hielten. Mein Herz war beklemmter als jemals in meinem Leben. Das Bild meines Unglücks, die Verdienste dieses edelmütig liebenden Mannes, die schwere Kette meiner wiewohl falschen Verbindung, mein auf ewig verlornes Vergnügen bedrängten auf einmal meine Seele. Reden konnte ich nicht; schluchzen und seufzen mußte ich. Er schwieg tiefsinnig, und mit einer zitternden Bewegung seiner Hände sagte er in dem traurigsten, aber sanftesten Ton, indem er seinen Kopf sachte gegen den meinigen neigte: O dieser Sie quälende Kummer gibt mir ein trauriges Licht – Ihr Gemahl ist nicht tot – Eine Seele wie die Ihrige würde durch einen Zufall, den die Gesetze der Natur herbeibringen, nicht zerrissen, sondern nur niedergeschlagen. Aber der Mann ist Ihrer unwürdig, und das Andenken dieser Fesseln verwundet Ihre Seele. – Hab ich recht, oh, sagen Sie, ob ich nicht recht habe?« – Seine Rede machte mich schauern; ich konnte noch weniger die Sprache wiederfinden als vorher. Er war so gütig mir zu sagen: »Heute nichts mehr! Beruhigen Sie sich; lassen Sie mich nur Ihr Vertrauen erwerben.« – Ich erhob meine Augen, und drückte aus einer unwillkürlichen Bewegung seine Hände. »O Lord Rich –« war alles was ich aussprechen konnte. »Bestes weibliches Herz! was für ein Unmensch konnte dich mißkennen, und elend machen?« – »Lieber Lord, Sie sollen alles, alles wissen, Sie verdienen mein Vertrauen.« – Dies sagte ich, als ein Bedienter der Lady Summers kam, mich zu rufen, weil wichtige Briefe von London angekommen wären. – Ich suchte mich so viel als möglich zu fassen, und eilte zur Lady, die mir gleich die angesehene Heurat ihrer einzigen Nichte mit Mylord N** anzeigte, und sich auf den Besuch freute, den ihr Bruder und die Neuvermählten in vierzehn Tagen bei ihr ablegen würden. »Wir müssen auf ein artiges Landfest sinnen«, sagte sie, »um den jungen Leuten Freude bei ihrer alten Tante zu machen.« Hierauf gab sie mir im Aufstehen einen Brief zu lesen, den das junge Paar ihr zusammen geschrieben hatte, und entfernte sich, um den Bedienten wieder abzufertigen. Was für ein Grauen überfiel mich, meine Emilia, als ich die Hand des Lord Derby erblickte, der nun wirklicher Gemahl der jungen Lady Alton war! Mit bebenden Füßen eilte ich in mein Zimmer, um meine Betäubung vor der Lady Summers zu verbergen. Weinen konnte ich nicht, aber ich war dem Ersticken nahe. Wie fühlte ich meine Unvorsichtigkeit nach England gegangen zu sein! Meinen Schutzort mußte ich verlieren; unmöglich war's in Summerhall zu bleiben. Ach ich gönnte dem Bösewicht sein Glücke; aber warum mußte ich abermals das Opfer davon werden? Ich ging ans Fenster, um Atem zu schöpfen, und erhob meine Augen gen Himmel; o Gott, mein Gott, der du alles zuläßt, erhalte mich in diesem Bedrängnis! Was soll ich tun? O meine Emilia, beten Sie für mich! Ein Wunder, ja ein Wunder ist's, daß ich mich sammlen konnte. – Ich beschloß, mich zu verstellen, der Lady alle Anstalten des Empfangs machen zu helfen, und dann eine Krankheit und Ermattung vorzuschützen, solange die Gäste dasein würden, und in meinem Zimmer bei zugezogenen Vorhängen zu liegen, als ob der Tag meinem Kopf, und meinen Augen schmerzte. – Ich fand in dieser äußersten Not kein anders Mittel; ich unterdrückte also meinen Jammer, und ging zur Lady, die ich noch aus dem Fenster dem zurückkehrenden Abgeschickten freundlich zurufen hörte. Die Lady erzählte mir die Größe des Reichtums und Ansehen des Hauses von Lord N**, der durch den Tod seines Bruders einziger Erbe war. Nun, sagte sie, würd ihr Bruder vergnügt sein, der sonst keinen Fehler als den Ehrgeiz hätte; seine Freude machte die ihrige. Dankbarkeit und Freundschaft, ihr unterstützet mich – Denn wo hätte sonst meine Vernunft, meine völlig zerstörte Seele die Kraft gehabt, mich aufrecht zu erhalten, mich lächeln zu lassen? Der Anteil, den ich an der Freude meiner Wohltäterin nahm, stärkte mich. Alles Übel war geschehen; wenn ich geredet hätte, würde nur das Gute, nicht das Böse, unterbrochen worden sein. Die erste Stunde war voll der größten Qual, die mein Herz jemals betroffen hatte; aber grausam würde ich gewesen sein, wenn ich das Herz der lieben Lady durch meine Entdeckungen geängstiget hätte. Sie liebt mich, sie ist gerecht und tugendhaft; der heftigste Abscheu würde sie gegen den bösen Menschen erfüllen, der nun ihr Neffe, der geliebte Gemahl ihrer Nichte ist. Vielleicht ist er auf dem Wege der Besserung – und gewiß wäre er selbst in der äußersten Sorge, wenn er wüßte, daß ich hier bin. – Er kannte mich niemals; niemals dachte er, daß das Schicksal mir einst die Gewalt geben würde, ihm so sehr zu schaden. Aber ich will sie nicht gebrauchen, diese Gewalt; ungestört soll er das Glück genießen, welches ihm das Verhängnis gibt, und meinem Herzen soll es nicht umsonst die Probe angeboten haben, in welcher die Tugend ihre wahren Ergebenen erkennt, den Feinden wohlzutun. Laß mich, o Vorsicht, laß mich dieses Gepräge der wahren Größe der Seele erhalten! Viele, aber milde Tränen überströmten nach diesem Gebet meine Lagerstätte. Die Wohltätigkeit, die ich meinem größten Feind gelobte, wurde durch die seligste Empfindung belohnt; mein Herz fühlte den Wert der Tugend, es fühlte, daß es durch sie edel und erhaben war. Nun falteten sich meine Hände mit der reinen Bewegung des Danks, da sie wenige Stunden vorher der Schmerz der Verzweiflung ineinander gewunden hatte. – Sanft schlief ich ein, ruhig wachte ich auf, ruhig habe ich schon einen Plan des Landfestes aufgesetzt, das die Lady geben will. – Aber bemerken Sie, meine Emilia, wie leicht sich Böses mit Gutem mischt. – Einige Minuten lang war der Gedanke in mir, das Fest in kleinem so zu veranstalten, wie das vom Grafen F. auf seinem Landgut war, um den Lord in ein kleines Staunen zu setzen. Aber auch dieses verwarf ich als eine maskierte Rache, die sich in meine Einbildung schleichen wollte, da sie aus meinem Herzen verbannet war. – Ich glaube, Emilia, Rich sieht beinahe, was ich denke. Er kam erst den vierten Tag nach meiner Unterredung mit ihm zu uns. Die Lady erzählte ihm bei dem Mittagessen die Ursache, warum wir alle so beschäftiget sein, und führte ihn nachmittags in die schon bereiteten Zimmer. Ich mußte sie begleiten, und auch die Veranstaltungen für das Pachterfest vorlesen. Lord Rich schien sehr aufmerksam, lobte alles, aber sehr kurz, und begleitete alle meine Bewegungen mit Blicken, welche Neugierde und Unruhe in sich zeigten. – Lady Summers verließ uns einige Minuten, und er kam an den Tisch, wo ich italienische Blumen aussuchte und zusammenband. Mit einer sorgsamen zärtlichen Miene nahm er eine meiner Hände; »Sie sind nicht wohl, meine Freundin, ihre Hände arbeiten zitternd; eine gewisse Hastigkeit ist in ihren Bewegungen, welche durch die angenommene Munterkeit wider ihren Willen hervorbricht; Ihr Lächeln kommt nicht aus dem Herzen; was bedeutet dieses?« – »Lord Rich, Sie machen mir bange mit Ihrer Scharfsicht«, antwortete ich. – »Ich sehe also doch gut?« – »Fragen Sie mich nicht weiter, Mylord; meine Seele hat den äußersten Kampf erlitten, aber ich will itzt dem Vergnügen der Lady Summers alles, was mich angeht, aufopfern« – »Ich besorge nur, Sie opfern sich selbst dabei auf«, sagte der Lord. »Fürchten Sie nichts«, antwortete ich, »das Schicksal hat mich zum Leiden bestimmt; es wird mich dazu erhalten.« Ich sagte dies, wie mich dünkte, ruhig und lächelnd; aber Lord Rich sah mich mit Bestürzung an. »Wissen Sie, Madam Leidens, daß dies, was Sie sagen, den größten Grad von Verzweiflung anzeigt, und mich in die tödlichste Unruhe wirft? – Reden Sie – reden Sie – mit der Lady Summers; Sie werden ein mütterliches Herz in ihr finden.« – »Ich weiß es, bester Lord! Aber es kann itzt nicht sein; bleiben Sie unbesorgt über mich; mein Zittern ist nichts anders als die letzte Bewegung eines Sturms, dem bald eine ruhige Stille folgen wird.« – »O Gott«, rief er aus, »wie lange werden Sie die Marter dauern lassen, die mir der Gedanke von Ihrem Kummer macht?« Die Lady kam zurück, und zog mich aus der Sorge weichherzig zu werden. Lord Rich ging mit einem Ansehen von trotzigem Mißvergnügen hinweg. Wir bemerkten es beide. Lady Summers sagte mir lächelnd: »Können Sie gutherzig sein und gute Leute plagen? O wenn ich denken könnte, daß eine dieser Blumen Sie als die Braut von Lord Rich zum Altare schmücken würde! – Mein Bruder soll die Vaterstelle vertreten, so wie ich die Mutter sein werde.« – »Liebste Lady«, antwortete ich in der äußersten Bewegung, »meine Widersetzung wird mir immer schmerzhafter; aber noch immer ist es mir unmöglich eine Entschließung zu fassen. Dulden Sie mich, so wie ich bin, noch einige Zeit.« Ein Strom von Tränen, den ich nicht zurückhalten konnte, machte die Lady gleichfalls weinen; aber sie versprach mir, nicht weiter in mich zu setzen.


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