Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Zweiter Brief

Es ist mir lieb, meine Emilia, daß Sie diesen Brief noch in dem väterlichen Hause erhalten, weil er Ihnen eine scheinbare Verwirrung meiner Ideen zeigen wird, wo unser Papa das beste Mittel, sie in Ordnung zu bringen, anzeigen kann. Ich bin bei der Prinzessin von W*, und dem ganzen Adel zur Erscheinung gebracht worden, und kenne nun den Hof und die große Welt durch mich selbst.

Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich beide aus der Abschilderung kenne, so mir davon gemacht worden. Lassen Sie mich dieses Gleichnis noch weiter brauchen; es war meinem Auge nichts fremde. Aber denken Sie sich eine Person voll Aufmerksamkeit und Empfindung, die schon lange mit einem großen Gemälde von reicher und weitläuftiger Komposition bekannt ist! Oft hat sie es betrachtet, und über den Plan, die Verhältnisse der Gegenstände, und die Mischung der Farben nachgedacht, alles ist ihr bekannt; aber auf einmal kommt durch eine fremde Kraft das stillruhende Gemälde mit allem, was es enthält, in Bewegung; natürlicherweise erstaunt diese Person, und ihre Empfindungen werden auf mancherlei Art gerührt. Diese erstaunte Person bin ich; die Gegenstände und Farben machen es nicht; die Bewegung, die fremde Bewegung ist's, die ich sonderbar finde.

Soll ich Ihnen sagen, wie ich hier und da aufgenommen wurde? Gut, allenthalben gut! denn für solche Begebenheiten hat der Hof eine allgemeine Sprache, die der Geistlose ebenso fertig zu reden weiß als der Allervernünftigste. Die Prinzessin, eine Dame von beinahe funfzig Jahren, hat einen sehr feinen Geist; in ihrem Bezeugen, und in ihren Ausdrücken herrscht ein Ton von Güte, dessen allgemeine Gefälligkeit mir die Überbleibsel von einer Zeit zu sein schienen, wo sie die Freundschaft aller Arten von Leuten für nötig halten mochte. Denn ich sehe schlechterdings diesen Beweggrund allein für fähig an, jene Würkung in einem edeln Herzen zu machen. Die niederträchtige Begierde, sich allen ohne Unterschied beliebt zu machen, kann ich ihr unmöglich zuschreiben. Sie unterredete sich lange mit mir, und sagte viel Gutes von meinem geliebten Papa, den sie als Hauptmann und Obersten gekannt hatte. Sie nennete mich die würdige Tochter des rechtschaffenen Mannes, und sagte, sie wolle mich öfters holen lassen. Sie glauben nun gewiß, meine Emilia, daß ich diese Fürstin um so mehr liebe, weil das Andenken meines Vaters von ihr geehrt wird.

Mehrere Charakter kann ich Ihnen nicht bezeichnen. Die meisten sehen einander ähnlich, insofern man sie in dem Vorzimmer der Fürstin, oder bei gewöhnlichen Besuchen sieht.

Gestern wurde ich im Schreiben unterbrochen, weil Assemblee (wie sie es nennen) bei der Prinzessin angesagt wurde. Da mußte ich die Zeit, welche mein Herz der Freundschaft gewidmet hatte, vor dem Putztisch verschwenden.

Glauben Sie wohl, daß meine liebe Rosine ebenso ungeschickt ist, eine methodische Kammerjungfer zu sein, als ich es bin, meinen Damenstand durch die lange Verweilung am Putztisch und durch unschlüssige ekle Wahl meiner Kleidung und Schmucks zu beweisen? – Meine Tante sucht diesen Fehlern abzuhelfen, und ich muß alle Tage neben dem Friseur eine ihrer Jungfern um mich haben, welche beide durch ihr geziertes Wesen und die vielen Umstände, die sie machen, meine Geduld in einer mir sehr unangenehmen Übung erhalten. Doch diesmal war ich am Ende wohl zufrieden, weil ich würklich artig gekleidet war.

Dies ist eine Freude, die Sie noch nicht an mir kannten; Sie sollen auch die Ursache dazu nicht lange suchen; ich will sie aufrichtig sagen, da sie mir bedeutend scheint. Ich war nur deswegen über meinen wohlgeratnen Putz froh, weil ich von zween Engländern gesehen wurde, deren Beifall ich mir in allem zu erlangen wünschte. Der eine war Mylord G., englischer Gesandter, und der andere Lord Seymour, sein Neffe, Gesandtschafts-Kavalier, der sich unter der Anführung seines Oheims zu dieser Art von Geschäften geschickt machen, und die deutschen Höfe kennenlernen will.

Der Gesandte macht mit seiner Figur, einer edeln und geistvollen Physionomie, und einer gewissen Würde, die seine Höflichkeit begleitet, seinem Charakter Ehre. Ich hörte ihn auch allgemein loben.

Den jungen Lord Seymour sah ich eine halbe Stunde in Gesellschaft des Fräuleins C**, mit der ich in Unterredung war, und mit welcher er als ein zärtlicher und hochachtungsvoller Freund umgeht. Sie stellte mich ihm als ihre neue, aber liebste Freundin dar, von der sie unzertrennlich sein würde, wenn sie über ihr eigenes und mein Schicksal zu gebieten hätte. Mylord machte nichts als eine Verbeugung; aber seine Seele redete so deutlich in allen seinen Mienen, daß man zugleich seine Achtung für alles, was das Fräulein C*, sagte, und auch den Beifall lesen konnte, den er ihrer Freundin gab.

Wenn ich den Auftrag bekäme den Edelmut und die Menschenliebe, mit einem aufgeklärten Geist vereinigt, in einem Bilde vorzustellen, so nähme ich ganz allein die Person und Züge des Mylord Seymour; und alle, welche nur jemals eine Idee von diesen drei Eigenschaften hätten, würden jede ganz deutlich in seiner Bildung und in seinen Augen gezeichnet sehen. Ich übergehe den sanften männlichen Ton seiner Stimme, die gänzlich für den Ausdruck der Empfindungen seiner edeln Seele gemacht zu sein scheint; das durch etwas Melancholisches gedämpfte Feuer seiner schönen Augen, den unnachahmlich angenehmen und mit Größe vermengten Anstand aller seiner Bewegungen, und, was ihn von allen Männern, deren ich in den wenigen Wochen, die ich hier bin, eine Menge gesehen habe, unterscheidet, ist (wenn ich mich schicklich ausdrücken kann) der tugendliche Blick seiner Augen, welche die einzigen sind, die mich nicht beleidigten, und keine widrige antipathetische Bewegung in meiner Seele verursachten.

Der Wunsch des Fräuleins C* mich immer um sich zu sehen, verursachte bei ihm die Frage: ob ich denn nicht in D. bleiben würde? Meine Antwort war, ich glaubte nicht, weil ich nur auf die Zurückkunft meiner Tante, der Gräfin R., wartete, die mit ihrem Gemahl eine Reise nach Italien gemacht, und mit welcher ich alsdann auf ihre Güter ginge.

»Es scheint mir unmöglich«, sagte er, »daß ein lebhafter Geist, wie der ihrige, bei den immer gleichen Szenen des Landlebens sollte vergnügt sein können.«

»Und mich dünkt unglaublich, daß Mylord Seymour im Ernste denken sollte, daß ein lebhafter und sich also gern beschäftigender Geist auf dem Lande einem Mangel von Unterhaltung ausgesetzt sei.«

»Ich denke keinen gänzlichen Mangel, gnädiges Fräulein, aber den Ekel und die Ermüdung, welche notwendigerweise erfolgen müssen, wenn wir unsre Betrachtungen beständig auf einerlei Vorwurf eingeschränkt sehen.«

»Ich bekenne, Mylord, daß ich seit meinem Aufenthalt in der Stadt, bei den Vergleichungen beider Lebensarten, gefunden habe, daß man auf dem Lande die nämliche Sorge trägt, seine Beschäftigungen und Ergötzlichkeiten abzuändern, wie ich hier sehe; nur mit dem Unterschied, daß bei den Arbeiten und Belustigungen der Landleute, eine Ruhe in dem Grunde der Seele bleibt, die ich hier nicht bemerkt habe; und diese Ruhe dünkt mich etwas sehr Vorzügliches zu sein.«

»Ich halte es auch dafür, und ich glaube dabei (sagte er gegen dem Fräulein von C*) nach dem entschloßnen Ton Ihrer verehrungswürdigen Freundin, daß sie diese Ruhe behalten wird, wenn auch hier Tausende durch sie in Unruh gesetzt würden.«

Da er mich nicht ansah, als er dies sagte, und das Fräulein nur lächelte, so blieb ich auch stille; denn einmal fühlte ich bei dieser seiner Höflichkeit eine Verwirrung, die ich ungern möchte gezeigt haben; und dann wollte ich ihn nicht länger mit mir in ein Gespräche halten, sondern seiner ältern Freundin den billigen Vorzug lassen; zumal, da er sich ganz beflissen gegen sie gewendet hatte.

Sie sagen, ich höre es: »Warum ältere Freundin? Waren Sie denn auch schon seine Freundin, Sie, die ihn erst eine halbe Stunde gesehen hatten?«

Ja, meine liebe Emilia, ich war seine Freundin, eh ich ihn sah; das Fräulein C* hatte mir von seinem vortrefflichen Charakter gesprochen, ehe er von einer kleinen Reise, die er mit seinem Oncle während der Abwesenheit des Fürsten machte, zurückkam, und was ich Ihnen von ihm geschrieben, war nichts anders, als daß ich alles Edle, alles Gute, so mir das Fräulein von ihm erzählt, in seiner Physionomie ausgedrückt sah.

Noch mehr, Emilia, rührte mich die tiefsinnige Traurigkeit, mit welcher er sich an den Pfeiler des Fensters setzte, wo wir beide auf der kleinen Bank waren, und unsre Unterredung fortführten. Ich deutete dem Fräulein C* auf ihren Freund und sagte leise: »Geschieht dies oft?«

»Ja, dies ist Spleen

Sie machte mir hierauf allerlei Fragen über die Art von Zeitvertreiben, welche ich mir, im Ernst, auf dem Lande machen könnte. Ich erzählte ihr kurz, aber mit vollem Herzen, von den seligen Tagen meiner Erziehung, und von denen, welche ich in dem geliebten Hause meines Pflegvaters zugebracht, und versicherte sie: daß ihre Person und Freundschaft das einzige Vergnügen sei, welches ich in D. genossen hätte. Sie drückte mir zärtlich die Hand, und bezeugte mir ihre Zufriedenheit. Ich fuhr fort, und sagte, ich könnte das Wort Zeitvertreib nicht leiden; einmal, weil mir in meinem Leben die Zeit nicht einen Augenblick zu lang worden wäre (»auf dem Lande«, raunte ich ihr ins Ohr) und dann, weil es mir ein Zeichen einer unwürdigen Bewegung der Seele zu sein scheine. »Unser Leben ist so kurz, wir haben so viel zu betrachten, wenn wir unsre Wohnung, die Erde kennen, und so viel zu lernen, wenn wir alle Kräfte unsers Geistes (die uns nicht umsonst gegeben sind) gebrauchen wollen; wir können so viel Gutes tun – daß es mir einen Abscheu gibt, wenn ich von einer Sache reden höre, um welche man sich selbst zu betrügen sucht.«

»Meine Liebe, Ihre Ernsthaftigkeit setzt mich in Erstaunen, und dennoch höre ich Sie mit Vergnügen! Sie sind in Wahrheit, wie die Prinzessin sagte, eine außerordentliche Person.«

Ich weiß nicht, Emilia, wie mir war. – Ich merkte wohl, daß dieser Ton meiner Gedanken gar nicht der wäre, der sich in diese Gesellschaft schickte; aber ich konnte mir nicht helfen. Es hatte mich eine Bangigkeit befallen, eine Begierde weit weg zu sein, eine innerliche Unruh; ich hätte sogar weinen mögen, ohne eine bestimmte Ursache angeben zu können.

Mylord G. näherte sich schleichend seinem Neffen, faßte ihn beim Arm, und sagte: »Seymour, Sie sind wie das Kind, das am Rande des Brunnens sicher schläft. Sehen Sie um sich. (Indem er auf uns beide wies.) Bin ich nicht das Glück, das Sie erweckt?«

»Sie haben recht, mein Oncle; eine entzückende Harmonie, die ich hörte, nahm mich ein, und ich dachte an keine Gefahr dabei.« Während er dies sagte, waren seine Augen mit dem lebhaftesten Ausdruck von Zärtlichkeit auf mich gewendet, so daß ich die meine niederschlug, und den Kopf wegkehrte. Darauf sagte Mylord auf englisch: »Seymour, nimm dich in acht, diese Netze sind nicht vergeblich so schön und so ausgebreitet.« Ich sah seine Hand, die auf meinen Kopf und meine Locken wies; da wurde ich über und über rot. Die Koketterie, die er mir zuschrieb, ärgerte mich, und ich empfand auch den Unmut, den er haben mußte, wenn er hörte, daß ich Englisch verstünde. Ich war verlegen; doch um ihm und mir mehrere Verwirrung zu ersparen, sagte ich ganz kurz: »Mylord, ich verstehe die englische Sprache.« Er stutzte ein wenig, lobte meine Freimütigkeit, und Seymour entfärbte sich; doch lächelte er dabei, und wandte sich gleich zum Fräulein C*. – »Wollen Sie nicht auch Englisch lernen?«

»Von wem?«

»Von mir, gnädiges Fräulein, und von dem Fräulein von Sternheim; mein Oncle hälfe auch Lektionen geben, und Sie sollten bald reden können.«

»Niemals so gut als meine Freundin, der es angeboren ist, denn sie ist eine halbe Engländerin.«

»Wie das?« sagte Mylord G., indem er sich zu mir wandte.

»Meine Großmutter war eine Watson und Gemahlin des Baron P., welcher mit der Gesandtschaft in England war.«

Das Fräulein C* bat, er möchte Englisch mit mir reden. Er tat es, und ich antwortete so, daß er meine Aussprache lobte, und dem Fräulein C* sagte, sie sollte von mir lernen, ich spräche sehr gut. Wie er sich entfernte, so lag Mylord Seymour dem Fräulein an, sie möchte sich doch die Mühe nehmen, nur lesen zu lernen; sie versprach's, und sagte dabei, alle Tage, wo sie den Hofdienst nicht ganz hätte, wollte sie zu mir kommen.

»Dann habe aber ich kein Verdienst dabei«, sagte er traurig.

»Sie sollen alle Wochen einmal zuhören, wie viel ich gelernt habe.«

Er antwortete mit einer bloßen Verbeugung.

Die Fürstin ließ mich rufen. Ich mußte ihr in ihr Kabinett folgen. »Da hat Sie meine Laute, liebe Sternheim«, sagte sie, »alles spielt; lassen Sie mich allein ihre Stimme und Geschicklichkeit hören.« Was konnte ich tun? Ich spielte und sang das erste Stück, das mir in die Finger kam. Sie umarmte mich; »liebenswürdiges Mädchen«, sagte sie, »wie beschämen Sie alle bei Hof erzogene Damen durch die vielen Talente, die Sie auf dem Lande gesammelt haben!« Sie führte mich an der Hand zurück in den Saal; ich mußte bis zu Ende der Assemblee bei ihr bleiben, und sie sprach von hundert Sachen mit mir. Mylord Seymour sah mich oft an, und meine Emilia (lesen Sie dies meinem lieben Pflegvater vor!), seine Achtsamkeit freute mich. Manche Augen gafften nach mir, aber sie waren mir zur Last, weil mich immer dünkte, es wäre ein Ausdruck darin, welcher meine Grundsätze beleidigte.

Heute machten wir einen Besuch bei der Gräfin F., gegen die ich mich bemühte gefällig zu sein. Man sieht wohl, daß ihr Gemahl ein Liebling des Fürsten ist; denn sie sprach beinahe von nichts als von Gnadenbezeugungen, welche sie genössen; machte auch viel Aufhebens von der Ergebenheit ihres Gemahls gegen einen Herrn, der alles würdig wäre. Diesem folgten große Lobeserhebungen des Prinzen; sie rühmte die Schönheit seiner Person, allerhand Geschicklichkeiten, seinen guten Geschmack in allem, besonders in Festins, seine prächtige Freigebigkeit, worin er eine fürstliche Seele zeigte. (Ich dachte, die Dame möge freilich Ursache haben, diese letzte Eigenschaft so sehr anzupreisen.) Von seiner Neigung gegen das schöne Geschlecht sagte sie: »Wir sind Menschen; es sind freilich darin Ausschweifungen geschehen; aber das Unglück war nur, daß der Herr noch keinen Gegenstand gefunden hat, der seinen Geist ebensosehr als seine Augen gefesselt hätte; denn gewiß, eine solche Person würde Wunder für das Land und für den Ruhm des Herrn gewürkt haben.«

Meine Tante stimmte mit ein. Ich saß stille, und fand in diesem Bild eines Landesherrn keinen einzigen Zug von demjenigen, welches die Anmerkungen meines Vaters über den wahren Fürsten, bei Durchlesung der Historie, in meinem Gedächtnis gelassen hatten. Zumal, wenn ich es noch dabei nach den Grundzügen des deutschen Nationalcharakters beurteilte. – Ich war froh, daß man meine Gedanken nicht zu wissen verlangte; denn da mich die Gräfin in ihr Zimmer führte, um mir sein Bildnis in Lebensgröße zu weisen, konnte ich wohl sagen, daß die Figur schön sei, wie sie es denn würklich ist. – Ich soll auch gemalt werden, will meine Tante. Ich kann es leiden; und schicke dann meiner Emilia eine Kopie; ich weiß, daß sie mir dafür dankt. Ich bitte mir die Gedanken meines Pflegvaters über diesen Brief aus.


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