Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

 << zurück weiter >> 

Madam Leidens an Emilien

Emilia! fragen Sie den metaphysischen Kopf ihres Mannes, woher der Widerspruch käme, der sich zwischen meinen stärksten immerwährenden Empfindungen und meinen Ideen zeigte, als ich von Frau Hills gebeten wurde: ihre liebste Freundin, die schöne anmutsvolle Witwe von C—, zu einem gütigen Entschluß, für einen ihrer Verehrer, bereden zu helfen? Woher kam es, daß ich der Liebe und dem aus ihr kommenden Glück irgendeines Mannes das Wort reden konnte, da die Fortdauer meiner durch die Liebe erfahrnen Leiden mich eher zur Unterstützung der Kaltsinnigkeit der schönen Witwe hätte bringen sollen? Ich kann nicht denken: daß allein der Geist des Widerspruchs, durch welchen es uns natürlich ist anders zu denken als andre Leute, daran Ursache sei. Oder wäre es möglich, daß in einem Stücke meines durch die Hände der Liebe zerrissenen Herzens noch ein Abdruck der wohltätigen Gestalt geblieben wäre, worunter ich mir einst in den heitern Tagen meiner lächelnden Jugend ihr Bild vormalte? Oder konnte wohl der lange Gram meine junge Vernunft zu dem Grade der Reife gebracht haben, welcher nötig ist: mich über die Umstände einer andern Person ohne alle Einmischung meiner eignen Empfindungen nachdenken und urteilen zu lassen? Sie sehen, daß ich über mich zweifelhaft bin; helfen Sie mir zurechte.

Hier ist mein Gespräch mit der Witwe.

»Vier rechtschaffene Männer bewerben sich um Ihre Gunst, woher kömmt es, teuerste Frau von C—, daß Sie so lange wählen?«

»Ich wähle nicht; ich will meine Freiheit genießen, die ich durch so viele Bitterkeit erkaufen mußte.«

»Sie haben nicht unrecht Ihre Freiheit zu lieben, und auf alle Weise zu genießen, der edelste Gebrauch davon wäre aber doch derjenige: aus freiem Willen jemanden glücklich zu machen.«

»Oh, das Glück, wovon Sie reden, ist meistens nur in der feurigen Phantasie eines itzt brennenden Liebhabers, und verschwindet, sobald die erloschene Flamme ihr Zeit gibt, sich wieder abzukühlen.«

»Dieses, meine geliebte Frau von C—, kann wahr sein, wenn die Liebe eines jungen Mannes allein durch die Augen entstanden ist, und an der Seite des blühenden Mädchens lodert, deren unausgebildeter Charakter diesem Feuer keine dauerhafte Nahrung geben kann. Aber Sie, die wegen Ihrem Geist, wegen Ihrem edlen Herzen geliebet werden, Sie sind sicher es unauslöschlich zu machen.«

»Meine Verdienste hätten also die Eigenschaft des persischen Naphtha; aber in welchem meiner Liebhaber liegt das Herz, welches ein gleichdauerndes Feuer aushalten könnte?«

»In jedem; denn Liebe und Glückseligkeit sind der unverzehrbare Stoff, woraus unsere Herzen gebauet sind.«Der ziemlich ins Preziöse fallende und von der gewöhnlichen schönen Simplizität unsrer Sternheim so stark abstechende Stil dieses Dialogen scheint zu beweisen, daß sie bei dieser Unterredung mit Frau von C. nicht recht à son aise war.

»Jeder hat aber auch eine eigene Idee von der Glückseligkeit; ich könnte also bei meiner zwoten Wahl wieder just das Herz treffen, dessen Begriffe von Glückseligkeit nicht mit meinem Charakter übereinstimmten, und da verlören wir beide.«

»Ihre Ausflucht ist fein, aber nicht richtig. Zehn Jahre, welche zwischen der ersten und letzten Wahl stehen, haben durch viele Erfahrungen Ihren Einsichten die Kraft gegeben, die Verschiedenheit der Personen und Umstände zu beurteilen, und besonders die Gewalt zu bemerken, mit welcher die letztere Sie in Ihre erste Verbindung hineingezogen.«

»Wie genau Sie alles hervorsuchen; aber sagen Sie, liebe Madam Leidens, wen würden Sie wählen, wenn Sie an meiner Stelle wären?«

»Den, von dem ich hoffte, ihn am meisten glücklich machen zu können.«

»Und dies wäre in ihren Augen –«

»Der liebenswürdige Gelehrte, dessen schöner und aufgeklärter Geist Ihnen das Vergnügen gewährte, daß nicht die geringste Schattierung Ihrer Verdienste ungefühlt, und ungeliebt blieben, in dessen Umgang der edelste Teil Ihres Wesens unendliche Vorteile genießen könnte, indem er Sie an der Hand der Zärtlichkeit durch das weite Gebiet seiner Wissenschaft führen würde, wo sich Ihr Geist so angenehm unterhalten und stärken könnte. Wie glücklich würde sein gefühlvolles Herz durch das Vergnügen, durch die Verdienste und die Liebe seiner schätzbaren Gattin werden; und wie glücklich würde Ihre empfindsam Seele durch das von Ihnen geschaffene Glück dieses würdigen Mannes sein! Wie süß wäre Ihr Anteil an seinem Ruhm, und an seinen Freunden!«

»O Madam Leidens! wir stark malen Sie die schöne Seite! Soll ich nicht sehen, daß alle Stärke dieser schätzbaren Empfindlichkeit sich auch bei meinen wahren, und zufälligen Fehlern zeigen würde, und wohin neigt sich da die Waagschale der Glückseligkeit?«

»Dahin, wo Ihre angeborne Sanftmut, und Gefälligkeit sie festhalten wird.«

»Gefährliche Frau, wie viele Blumen Sie auf die versteckte Kette streuen!«

»Sie tun mir unrecht, ich zeige nur den Vorrat von Blumen, deren Wert ich kenne, und die Ihnen die Liebe anbietet, um eine Kette von Zufriedenheit daraus zu binden –«

»Und übersehen die Menge von Dornen, welche unter diesen Rosen verborgen sind –«

»Darauf antworte ich nicht, ich würde Ihre Klugheit und Billigkeit beleidigen.«

»Werden Sie nicht böse, und weisen Sie mir noch die schönen Farben der übrigen Bänder, wovon Sie mir Schleifen knüpfen wollen.«

»Kommen Sie, vielleicht wird der artige Übermut, den Ihnen Ihre vorzügliche Liebenswürdigkeit gibt, durch die Eigenschaften der Geburt und Person eines der edelsten Söhne des preußischen Kriegesgotts leichter gezähmt als durch die sanfte Hand der Musen: dies Band ist schön, ein glänzender Name, Edelmütigkeit der Seele, wahre Liebe und Verehrung Ihres Charakters ist darein verwebt; goldene Streifen des angesehenen Rangs, des neuen schönen Kreises, in den Sie dadurch versetzt werden, liegen im Grunde, Blicke in angenehme Gegenden, wo Ihnen die Briefe der hochachtungswürdigen Frau von *** zeigen, daß seine Liebe Ihnen schon Freundinnen und Verehrer bereitet hat; und verdiente nicht schon die großmütige Aufopferung aller Vorrechte des alten Adels das Gegenopfer Ihrer Unschlüssigkeit und Ihres Mißtrauens?«

»Zauberin! wie künstlich mischen Sie Ihre Farben!«

»Warum Zauberin, liebste Frau von C—? Fühlen Sie den starken Reiz der strahlenden Fäden, womit der Zufall dies Band umwunden hat?«

»Ja, aber dem Himmel sei Dank, Sie schrecken mich just deswegen, weil Sie mich blenden.«

»Liebenswürdige Schüchternheit, oh, könnte ich dich in die Seele jedes gefühlvollen Geschöpfs legen, welches von den schönen Farben eines Kunstfeuers angelockt, verblendet, und auf einmal in der grausamen Finsternis eines traurigen Schicksals verlassen wird!«

»Liebe Frau! wie rührend loben Sie mich; wie sehr erwecken Sie die mütterliche Sorgen für meine anwachsende Tochter!«

Zärtlich umarmte ich sie für diese edle Bewegung ihres, von wahrer Güte belebten Herzens; »gönnen Sie mir«, sagte ich, »in diesem, der Empfindung geweihten Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit, für die in Wahrheit wenig schimmernde, aber fest gegründete Zufriedenheit, die Sie in dem artigen Landhause des Herrn T. erwartet, worin Sie durch einen edelmütigen Entschluß zugleich drei der heiligsten Pflichten erfüllen könnten; – die sehnlichen Wünsche eines verdienstvollen angenehmen Mannes zu krönen, der Sie nicht um der Reize Ihrer Person willen (denn diese kennt er nicht), sondern wegen dem reizenden Bilde liebt, so ihm von Ihrer Seele gemacht wurde; der, nachdem er allen Ausdruck seiner Empfindungen für Sie erschöpft hatte; mit der edelsten Bewegung, die jemals das Herz eines Reichen erschütterte, hinzusetzte: Ihre Tochter sollte das Kind Ihres Herzens werden, und alles sein Vermögen ihr zugewandt sein. Würden sie nicht dadurch zugleich der mütterlichen Pflicht, auch für die äußerliche Glückseligkeit Ihres Kindes zu sorgen, genug tun? Und konnte die gehorsame Ergebung des Willens Ihrer jugendlichen Jahre dem Herzen Ihres ehrwürdigen Vaters jemals so viele Freude machen, als Sie ihm in den itzigen Jahren Ihrer Freiheit machen würden, wenn Sie seinen Rat, seine zärtlichen Wünsche für eine Verbindung befolgten, wodurch Sie ihm genähert, und in den Stand gesetzt würden, sein väterliches Herz in dem letzten Teile seines Lebens für alle Mühe der Erziehung seiner Kinder zu belohnen? Bedenken Sie sich, liebreiche und gegen alle Menschen leutselige und wohltätige Frau! Ich will Ihnen nichts von der hochachtungswürdigen Hand sagen, die in einer unsrer schönsten Residenzstädte auf den gütigen Wink der Ihrigen wartet, wo eine Anzahl verdienstvoller Personen Ihnen Bürge für die Tugend des Herzens, für die Kenntnisse des Geistes, und für die zärtliche Neigung sind, die einer der schönsten und besten Männer für Sie ernährt, und der darum der glücklichste wurde, weil er in Ihnen die beste würdigste Mutter für seine zwei Kinder zu erhalten hoffte. Sie wissen, daß er ein edler Besitzer eines schönen Vermögens ist, und kennen alle gesellschaftlichen Annehmlichkeiten, die in dieser Stadt auf sie warten. – – Aber tun Sie, liebenswürdige Frau von C., was Sie wollen, ich habe Ihnen die Beweggründe meines Herzens gesagt; ich weiß wohl, daß wir alle einen verschiedenen Gesichtspunkt über den nämlichen Gegenstand haben, und unser Gefühl darnach richten; doch ist eine Seite, die wir alle betrachten müssen – die Glückseligkeit unsers Nächsten ebensosehr als die unsrige zu lieben, und sie nicht aus kleinen Beweggründen zu verzögern.«

»Sie haben mein Herz in die äußerste Verlegenheit gebracht (sagte sie mir mit Tränen) aber meine traurige Erfahrung empört sich wider jede Idee von Verbindung; ich wünsche diesen Männern würdigere Gattinnen, als sie sich mich abschildern; aber mein Nacken ist von dem ersten Joche so verwundet worden, daß mich das leichteste Seidenband drücken würde.«

»Ich habe die Bitte Ihrer Freundin erfüllt, und nichts anders bei Ihrem Entschlusse zu sagen, als daß Sie immer glücklich sein mögen.«

Sie umarmte mich, und ich bat Madam Hills: bei meiner Zurückkunft die liebe Frau ruhig zu lassen; wunderte mich aber in meinem Zimmer über den Eifer, womit ich mich in diese Sache gemischt hatte.

Klären Sie mir das Dunkle in meiner Seele darüber auf; es dünkt mich: daß ich lauter unrechte Ursachen hasche.


 << zurück weiter >>