Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

 << zurück weiter >> 

Fräulein von Sternheim an Frau T*

Ich danke Ihnen, werte Madam T*, für das Vergnügen, welches Sie mir durch Ihre Offenherzigkeit gemacht haben; ich versichre Sie dagegen meiner wahren Freundschaft und eines unermüdeten Eifers Ihnen zu dienen.

Sie wissen von meinem letzten Besuch, daß das Verlangen des Herrn T* nach einem Amte durch die gnädigen Gesinnungen Ihres Fürsten zufrieden gestellt wird. Sie kennen meine Freude über den Gedanken, Sie bald aus dem sorgenvollen Stande gezogen zu sehen, in welchem Sie schmachten. Darf ich Ihnen aber auch sagen, daß diese Freude mit dem Wunsch begleitet ist: daß Sie sich bemühen möchten, Ihren künftigen Wohlstand für Sie und Ihre Kinder dauerhaft zu machen. Die Vergleichung Ihres vorigen Wohlstandes und der kummervollen Jahre, die darauf erfolgten, könnte die Grundlage eines Plans werden, den Sie itzt mit Ihren Kindern befolgten. Die Geschenke des Lord Derby haben Sie in den Stand gesetzt, sich mit Kleidung und Hausgeräte zu besorgen, so daß das Einkommen Ihres Amts ganz rein zu Unterhaltung und Erziehung Ihrer Kinder gewidmet werden kann.

Ich trauete meinen jungen Einsichten nicht zu, den Entwurf eines solchen Plans zu machen, und habe einen Freund geistlichen Standes darum gebeten, der mir folgendes zuschrieb.

Bei den drei ältern Kindern ist (wie ich aus der Nachricht ersehe) der Verstand und die Empfindung reif genug, um jene Vergleichung in ihrer Stärke und Nutzbarkeit einzusehen. Wenn Sie ihnen sodann die Berechnung ihres Einkommens und der nötigen Ausgaben machen, werden sie sich gerne nach Ihrem Plan führen lassen. Sagen Sie ihnen alsdann:

Gott habe zwo Gattungen Glückseligkeit für uns bestimmt, wovon die erste ewig für unsre Seele verheißen ist, und deren wir uns durch die Tugend würdig machen müssen.Der Herausgeber überläßt dem Herrn Pfarrer, von welchem diese Distinktion herrühren soll, die Rechtfertigung derselben. Seiner Meinung nach, welche nichts Neues ist, läßt sich auch in diesem Leben weder öffentliche noch Privatglückseligkeit ohne Tugend denken; und nach den Grundsätzen der Offenbarung gehört noch etwas mehr als nur Tugend zur Erlangung der ewigen Glückseligkeit.    H. Die zwote geht unser Leben auf dieser Erde an. Diese können wir durch Klugheit und Kenntnisse erhalten. Reden Sie ihnen von der Ordnung, die Gott unter den Menschen durch die Verschiedenheit der Stände eingesetzt hat. Zeigen Sie ihnen die Höhere und Reichere, aber auch die Ärmere und Niedrigere als Sie sind. Reden Sie von den Vorteilen und Lasten, die jede Klasse hat, und lenken Sie alsdenn ihre Kinder zu einer ehrerbietigen Zufriedenheit mit ihrem Schöpfer, der sie durch die Eltern, die er ihnen gab, zu einem gewissen Stande bestimmte, und ihnen dann ein eigenes Maß besonderer Pflichten zu erfüllen auflegte; sagen Sie ihnen, zu den Pflichten der Tugend und der Religion sei der Fürst wie der Geringste unter den Menschen verbunden.

Der erste Rang des Privatstandes habe die edle Pflicht, durch nützliche Kenntnisse und Gelehrsamkeit, auf den verschiedenen Stufen öffentlicher Bedienungen, oder in der höhern Klasse des Kaufmannsstandes dem gemeinen Wesen nützlich zu sein.

Von diesem Begriffe machen Sie die Anwendung, daß Ihre Söhne durch den Stand des Herrn Rat T* in den ersten Rang der Privatpersonen gehören, darin sie, nach Erfüllung der Pflichten für ihr ewiges Wohl, auch denen nachkommen müssen, ihre Fähigkeiten des Geistes durch Fleiß im Lernen und Studieren so anzubauen, daß sie einst als geschickte und rechtschaffene Männer ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen könnten. Der Ursprung des Adels wäre kein besonderes Geschenk der Vorsicht, sondern die Belohnung der zum Nutzen des Vaterlandes ausgeübten vorzüglichen Tugenden und Talente gewesen. Der Reichtum sei die Frucht des unermüdeten Fleißes und der Geschicklichkeit; es stünde bei ihnen, sich auch auf diese Art vor andern ihresgleichen zu zeigen, weil Tugend und Talente noch immer die Grundsteine der Ehre und des Glücks sein.

Ihren Töchtern sollen Sie sagen, daß sie neben den Tugenden der Religion auch die Eigenschaften edelgesinnter liebenswürdiger Frauenzimmer besitzen müssen, und daß sie dieses ohne großen Reichtum werden und bleiben könnten.

Unser Herz und Verstand sind dem Schicksal nicht unterworfen. Wir können ohne eine adeliche Geburt edle Seelen, und ohne großen Rang einen großen Geist haben; ohne Reichtum glücklich und vergnügt, und ohne kostbaren Putz durch unser Herz, unsern Verstand und unsre persönliche Annehmlichkeiten sehr liebenswürdig sein, und also durch gute Eigenschaften die Hochachtung unsrer Zeitgenossen als die erste und sicherste Stufe zu Ehre und Glück erlangen.

Dann sagen Sie ihnen ihre Einkünfte und die Anwendung, da sie davon, nach den Pflichten für die Bedürfnisse ihres Körpers in Nahrung und Kleider, für die Bedürfnisse ihres Geistes und Vergnügens an Lehrmeistern, Büchern und Gesellschaften machen wollten. Nennen Sie auch den zurücklegenden Pfennig als eine Pflicht der Klugheit für künftige Zufälle.

Wir brauchen Nahrung, um die Kräfte unseres Körpers zu unterhalten. Und diesen Endzweck der Natur können wir durch die simpelsten Speisen am leichtesten erreichen. Diese werden von dem kleinen Einkommen nicht zu viel wegnehmen, und wir folgen dadurch der Stimme der Natur für unsre Gesundheit, und geben zugleich unserm Schicksal nach, welches uns die Ausschweifungen unsrer Einbildung ohnehin nicht erlaubte. Und da der Reiche nach dem schwelgerischen Genuß des Überflusses seine Zuflucht zu einfachen Speisen und Wasser nehmen muß, um seine Gesundheit wieder herzustellen, warum sollten wir uns beklagen, weil wir durch unser Verhängnis gezwungen sind in gesunden Tagen den einfachen Foderungen der Natur gemäß zu leben? Kleider haben wir zur Bedeckung und zum Schutz gegen die Anfälle der Witterung nötig; diesen Dienst erhalten wir von den geringen und wohlfeilen Zeugen wie von den kostbaren. Die meinem Gesichte anständige Farbe und die Schönheit der Form muß bei dem ersten wie bei dem letzten gesucht werden; habe ich diese, so habe ich die erste Zierde des Kleides. Ein edler Gang, eine gute Stellung, die Bildung, so mir die Natur gab, können meinem netten einfachen Putz ein Ansehen geben, das der Reiche bei alle seinem Aufwand nicht allezeit erhält; und bei Vernünftigen wird mir meine Mäßigung ebenso viel Ehre machen, als der Reiche in dem Wechsel seiner Pracht immer finden kann.

Müssen wir in unserm Hausgeräte den Mangel vieles Schönen und Gemächlichen ertragen, so wollen wir in dem höchsten Grade der Reinlichkeit den Ersatz des Kostbaren suchen, und uns gewöhnen, wie der weise Araber, froh zu sein, daß wir zu unserm Glück den Überfluß nicht nötig haben. Und wie edel können einst die Töchter des Herrn Rats die Würde ihres Hauses zieren, wenn die Zimmer mit schönen Zeichnungen, die Stühle und Ruhebänke mit Tapetenarbeit von ihren geschickten Händen bekleidet sein werden! Sollten Sie nach dieser edelmütigen Ergebung in ihr Schicksal, durch den Anblick des Reichen, in eine traurige Vergleichung zwischen ihren und seinen Umständen verfallen, so halten Sie sich nicht bloß an die Idee des Vergnügens, das der Reiche in seiner Pracht und Wollust genießt, sondern wenden Sie Ihre Gedanken auf den Nutzen, den Kaufleute, Künstler und Handarbeiter davon haben; denn bei dem ersten Gedanken fühlen Sie nichts als Schmerzen der Unzufriedenheit mit Ihrem Geschicke, welches Sie alle dieser Freuden beraubte; aber bei der zweiten Betrachtung empfinden Sie das Vergnügen einer edeln Seele, die sich über das Wohl ihres Nächsten erfreut, und je kleiner Ihr Anteil an allgemeinem Glück ist, desto edler ist Ihre Freude.

Prüfen Sie das Maß der Fähigkeiten Ihrer Kinder, lassen Sie keines unbebauet, und so bescheiden sie in Kleidung und anderm Aufwand von Personen Ihres Standes sein mögen, so verwenden Sie alles auf die Erziehung, Zeichnen, Musik, Sprachen, alle schönen Arbeiten des Frauenzimmers für Ihre Töchter; für Ihre Söhne alle Kenntnisse, die man von wohlerzogenen jungen Mannsleuten fodert. Flößen Sie beiden Liebe und Geschmack für die edle und unserm Geiste so nützliche Beschäftigung des Lesens ein, besonders alles dessen, was zu der besten Kenntnis unsrer Körperwelt gehört. Es ist eine Pflicht des guten Geschöpfs die Werke seines Urhebers zu kennen, von denen wir alle Augenblicke unsers Lebens so viel Gutes genießen; da die ganze physikalische Welt lauter Werke und Zeugnisse der Wohltätigkeit und Güte unsers Schöpfers in sich faßt, deren Anblick und Kenntnis das reinste und vollkommenste, keinem Zufall, keinem Menschen unterworfene Vergnügen in unsre Seele gießt. Je mehr Geschmack Ihre Kinder an der natürlichen Geschichte unsers Erdbodens, je mehr Kenntnisse sie von seinen Gewächsen, Nutzbarkeit und Schönheit erlangen, je sanfter werden ihre Gesinnungen, Leidenschaften und Begierden sein, und um so viel mehr wird ihr Geschmack am Edeln und Einfachen gestärkt und befestigt werden, und um so weiter entfernen sie sich von der Idee, daß Pracht und Wollust das größte Glück sei.

Die Geschichte der moralischen Welt sollen Ihre Kinder auch kennen; die Veränderungen, welche ganze Königreiche und erhabne Personen betroffen, werden sie zu Betrachtungen leiten, deren Würkung die Zufriedenheit mit ihren eingeschränkten Umständen sein, und den Eifer für die Vermehrung der Tugend ihrer Seele und der Kenntnisse ihres Geistes vergrößern wird; weil sie durch die Geschichte finden werden, daß Tugend und Talente allein die Güter sind, welche Verhängnis und Menschen nicht rauben können.

Heute abend sollen Ihre Kinder alle Bücher erhalten, welche zu Erlangung dieses Nutzens erfoderlich sind. Der beste Segen meines Herzens wird den Korb begleiten, damit diese Arbeiten wohltätiger und liebenswürdiger Männer auch für Sie eine Quelle nutzbarer Kenntnisse und der besten Vergnügungen Ihres Lebens werden, gleich wie sie es für mich sind.

Noch eins bitte ich Sie, teure Madam T*. Suchen Sie ja keine Tischfreunde mehr. Beweisen Sie denen, so Ihnen in Ihrem Unglücke dienten, Ihre Dankbarkeit und Achtung, Freundschaft und alle Gesinnungen der Ehre; tun Sie nach allen Ihren Kräften andern Notleidenden Gutes, und leben Sie mit Ihren Kindern ruhig und einsam fort, bis Ihr Umgang von Rechtschaffnen gesucht wird. Halten Sie Ihre heranwachsenden Töchter, je mehr Schönheit, je mehr Talente sie haben werden, je mehr zu Hause; das Lob ihrer Lehrmeister, und die Bescheidenheit und Klugheit ihrer Lebensart soll sie bekannt machen, ehe man mit ihren Gesichtern sehr bekannt sein wird. Ich bin überzeugt, daß Sie einst sehr zufrieden sein werden, dieser Phantasie Ihrer Freundin gefolgt zu haben.


 << zurück weiter >>