Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Fräulein von Sternheim als Madam Leidens an Emilia

Erst den zehnten Tag meines Hierseins schreibe ich ihnen, meine schwesterliche Freundin! Bisher konnte ich nicht; meine Empfindungen waren zu stark und zu wallend, um den langsamen Gang meiner Feder zu ertragen. Nun haben mir Gewohnheit und zween heitere Morgen, und die Aussicht in die schönste und freieste Gegend das Maß von Ruhe wiedergegeben, das nötig war, um mich ohne Schwindel und Beängstigung die Stufen betrachten zu lassen, durch welche mein Schicksal mich von der Höhe des Ansehens und Vorzugs heruntergeführt hat. Meine zärtlichsten Tränen flossen bei der Erinnerung meiner Jugend und Erziehung; Schauer überfiel mich bei dem Gedanken an den Tag, der mich nach D. brachte, und ich eilte mit geschlossenen Augen bei der folgenden Szene vorüber. Nur bei dem Zeitpunkte meiner Ankunft in Ihrem Hause verweilte ich mit Rührung; denn nachdem mir das Verhängnis alles geraubt hatte, so war ich um so viel aufmerksamer auf den Zufluchtsort, den ich mir gewählt hatte, und auf die Aufnahme, die ich da fand. Zärtliches Mitleiden war in dem Gesichte meiner treuen Emilia, Ehrfurcht und Freundschaft in dem von ihrem Manne gezeichnet; ich sah, daß sie mich unschuldig glaubten, und mein Herz bedauerten; ich konnte sie als Zeugen meiner Unschuld und Tugend ansehen. Oh, wie erquickend war dieser Gedanke für meine gekränkte Seele! Meine Tränen des ersten Abends waren der Ausdruck des Danks für den Trost, den mich Gott in der treuen Freundschaft meiner Emilia hatte finden lassen. Der zweite Morgen war hart durch die wiederholte Erzählung aller Umstände meiner jammervollen Geschichte. Die Betrachtungen und Vorstellungen Ihres Mannes trösteten mich, noch mehr aber meine Spaziergänge in ihrem Hause, der armen, übelgebauten Hütte, worin mit ihnen alle Tugenden unsers Geschlechts, und mit ihrem Manne alle Weisheit und Verdienste des seinigen wohnen. Ich aß mit Ihnen, ich sah Sie bei Ihren Kindern; sah die edle Genügsamkeit mit Ihrem kleinen Einkommen, Ihre zärtliche mütterliche Sorgen, die vortreffliche Art, mit der Ihr Mann seine arme Pfarrkinder behandelt. Dieses, meine Emilia, goß den ersten Tropfen des Balsams der Beruhigung in meine Seele. Ich sahe Sie, die in ihrem ganzen Leben alle Pflichten der Klugheit und Tugend erfüllet hatten, mit Ihrem hochachtungswürdigen Manne und fünf Kindern unter der Last eines eisernen Schicksals, ohne daß Ihnen das Glück jemals zugelächelt hätte; Sie ertrugen es mit der rühmlichsten Unterwerfung; und ich! ich sollte fortfahren über mein selbstgewebtes Elend gegen das Verhängnis zu murren? Eigensinn und Unvorsichtigkeit hatten mich, ungeachtet meiner redlichen Tugendliebe, dem Kummer, und der Verächtlichkeit entgegengeführt; ich hatte vieles verloren, vieles gelitten; aber sollte ich deswegen das genossene Glück meiner ersten Jahre vergessen, und die vor mir liegende Gelegenheit, Gutes zu tun, mit gleichgültigen Auge betrachten, um mich allein der Empfindlichkeit meiner Eigenliebe zu überlassen? Ich kannte den ganzen Wert alles dessen, was ich verloren hatte; aber meine Krankheit und Betrachtungen zeigten mir, daß ich noch in dem wahren Besitz der wahren Güter unsers Lebens geblieben sei.

Mein Herz ist unschuldig und rein;

die Kenntnisse meines Geistes sind unvermindert;

die Kräfte meiner Seele und meine guten Neigungen haben ihr Maß behalten; und ich habe noch das Vermögen, Gutes zu tun.

Meine Erziehung hat mich gelehrt, daß Tugend und Geschicklichkeiten das einzige wahre Glück, und Gutes tun, die einzige wahre Freude eines edlen Herzens sei; das Schicksal aber hat mir den Beweis davon in der Erfahrung gegeben.

Ich war in dem Kreise, der von großen und glänzenden Menschen durchloffen wird; nun bin ich in den versetzt, den mittelmäßiges Ansehen und Vermögen durchwandelt, und grenze ganz nahe an den, wo Niedrigkeit und Armut die Hände sich reichen. Aber so sehr ich nach den gemeinen Begriffen vom Glück gesunken bin, so viel Gutes kann ich in diesen zween Kreisen ausstreuen.

Meine reiche Frau Hills laß ich durch meinen Umgang und meine Unterredungen das Glück der Freundschaft und der Kenntnisse genießen. Meinen armen Mädchen gebe ich das Vergnügen, geschickt und wohlunterrichtet zu werden, und zeige ihnen eine angenehme Aussicht in ihre künftigen Tage.

Madam Hills hat mir ein artiges Zimmer, wovon zwei Fenster ins Feld gehen, eingeräumt; von da geh ich in ihren Saal, der für die Unterrichtsstunden meiner dreizehn Mädchen bestimmt ist. Sie ernährt und kleidet sie, schafft Bücher und Arbeitsvorrat an; nicht eine Stunde versäumt sie, und hört meinen Unterricht mit vieler Zufriedenheit; manchmal vergießt sie Tränen, oder drückt mir die Hände, und wohl zwanzigmal nickt sie mir den freundlichsten Beifall zu. So oft es geschieht, fällt ein Strahl von Freude in mein Herz. Es ist angenehm um sein selbst willen geliebt zu werden! Und nun hab ich einen Gedanken, Emilia; aber Ihr Mann muß mir ihn ausarbeiten helfen.

Madam Hills hat eine Art von Stolz, aber er ist edel und wohltätig. Sie möchte ihr großes Vermögen zu einer ewig daurenden Stiftung verwenden; aber sie sagt, es müßte eine Stiftung sein, die ganz neu wäre, und die ihr Ehre und Segen brächte; und sie will, daß ich auf etwas sinne. – – Könnte itzt nicht meine kleine Mädchenschule der Anlaß dazu werden, ein Gesindhaus zu stiften, worin arme Mädchen zu guten und geschickten Dienstmädchen gezogen würden? Ich wollte an meinen dreizehn Schülerinnen die Probe machen, und teilte sie nach der Anlage von Geist und Herzen in Klassen.

  1. Sanfte, gutherzige Geschöpfe bildete ich zu Kinderwärterinnen;
  2. die Anlage zu Witz, und geschickte Finger zur Kammerjungfer;
  3. nachdenkende und fleißige Mädchen zu Köchinnen und Haushälterinnen; und
  4. die letzte Klasse von dienstfähigen zu Haus-, Küchen- und Gartenmägden. –

Dazu muß ich nun ein schickliches Haus mit einem Garten haben; einen vernünftigen Geistlichen, der sie die Pflichten ihres Standes kennen und lieben lehrte; und dann wackere und wohldenkende arme Witwen, oder betagte ledige Personen, die den verschiedenen Unterricht in Arbeiten besorgten.

Diese Idee beschäftiget mich genug, um dem vergangenen schmerzhaften Teil meines Lebens das meiste meines Nachdenkens zu entziehen, und über meinen bittern Kummer den süßen Trost zu streuen, daß ich die Ursache so vieler künftigen Wohltaten werden könnte. Aber hierbei fällt mir ein Gleichnis ein, so ich mit der Eigenliebe machen möchte; – daß sie von Polypen-Art sei; man kann ihr alle Zweige und Arme nehmen, ja sogar den Hauptstamm verwunden; sie wird doch Mittel finden, sich in neue Auswüchse zu verbreiten. Wie verwundet, wie gedemütiget war meine Seele! Und nun – lesen sie nur die Blätter meiner Betrachtungen durch, und beobachten sie es, was für schöne Stützen meine schwankende Selbstzufriedenheit gefunden hat, und wie ich allmählig zu der Höhe eines großen Entwurfs emporgestiegen bin – oh, wenn die wohltätige Nächstenliebe nicht so tiefe Wurzeln in meinem Herzen gefasset hätte, daß sie mit meiner Eigenliebe ganz verwachsen wäre, was würde aus mir geworden sein?


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