Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

 << zurück weiter >> 

Fräulein von Sternheim an Emilien

Oh – noch einmal so lieb sind mir meine Mädchen geworden, seitdem Mylord da war; denn durch die Freude an den unschuldigen Kreaturen hat sich mein Geist und mein Herz gestärkt. Mylord liebt das Ernsthafte meiner Gemütsart nicht; er will nur meinen Witz genährt haben; meine schüchterne und sanfte Zärtlichkeit ist auch die rechte Antwort nicht, die ich seiner raschen und heftigen Liebe entgegensetze, und über das Verbrennen seiner Bücher hat er einen männlichen Hauszorn geäußert. Er war drei Wochen da. Ich durfte meine Mädchen nicht sehen; seine Gemütsverfassung schien mir ungleich: bald äußerst munter, und voller Leidenschaft; bald wieder düster und trocken; seine Blicke oft mit Lächeln, oft mit denkendem Mißvergnügen auf mich geheftet. Ich mußte ihm die Ursachen meines anfänglichen Widerwillens gegen ihn, und meine Ändrung erzählen; sodann fragte er mich über meine Gesinnungen für Lord Seymour. Mein Erröten bei diesem Namen gab seinem Gesicht einen mir entsetzlichen Ausdruck, den ich Ihnen nicht beschreiben kann, und in einer noch viel empfindlichern Gelegenheit merkte ich, daß er eifersüchtig über Mylord Seymour ist; ich werde also beständig wegen anderer zu leiden haben. Mylord liebt die Pracht, und hat mir viel kostbare Putzsachen gegeben, ich werde in seine Gesinnung eingehen, ungeachtet ich mich lieber in Bescheidenheit als in Pracht hervortun möchte. Gott gebe, daß dieses der einzige Punkt sein möge, in welchem wir verschieden sein; aber ich fürchte mehrere. – O Emilie, beten Sie für mich! – Mein Herz hat Ahnungen; ich will keine Gefälligkeit, keine Bemühung versäumen, meinem Gemahl angenehm zu sein; aber ich werde oft ausweichen müssen; wenn ich nur meinen Charakter, und meine Grundsätze nicht aufopfern muß! – Ich wählte ihn, ich übergab ihm mein Wohl, meinen Ruhm, mein Leben; ich bin ihm mehr Ergebenheit, und mehr Dank schuldig, als ich einem Gemahl unter andern Umständen schuldig wäre.

O wenn ich einst in England in meinem eigenen Hause bin, und Mylord in Geschäften sein wird, die dem Stolz seines Geistes angemessen sind: dann wird, hoffe ich, sein wallendes Blut im ruhigen Schoße seiner Familie sanfter fließen lernen, sein Stolz in edle Würde sich verwandeln, und seine Hastigkeit tugendhafter Eifer für rühmliche Taten werden. Diesen Mut werd ich unterhalten, und, da ich nicht so glücklich war, eine Griechin der alten Zeiten zu sein, mich bemühen, wenigstens eine der besten Engländerinnen zu werden.


 << zurück weiter >>