Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Fräulein von Sternheim an Emilien

Ich danke Ihnen, meine wahre Freundin, daß Sie mich an den Teil meiner Erziehung zurückgewiesen, der mich anführte, mich an den Platz der Personen zu stellen, wovon ich urteilen wollte; aber nicht allein, um zu sehen, was ich in ihren Umständen würde getan haben, sondern auch mir die so nötige menschenfreundliche Behutsamkeit zu geben, »nicht alles, was meinen Grundsätzen, meinen Neigungen zuwider ist, als böse oder niedrig anzusehen«. Sie haben mich daran erinnert, weil Ihnen meine Unzufriedenheit mit den Hofleuten zu unbillig und zu lebhaft und beinahe ungerecht schien. Ich habe Ihnen gefolgt, und dadurch die zwote Quelle meiner Verbesserung gefunden, indem ich meine Abneigung vor dem Hofe durch die Vorstellung gemäßigt, daß gleichwie in der materiellen Welt alle mögliche Arten von Dingen ihren angewiesenen Kreis haben, darin sie alles antreffen, was zu ihrer Vollkommenheit beitragen kann: so möge auch in der moralischen Welt das Hofleben der Kreis sein, in welchem allein gewisse Fähigkeiten unsers Geistes und Körpers ihre vollkommene Ausbildung erlangen können; als z. E. die höchste Stufe des feinen Geschmacks in allem, was die Sinnen rührt, und von der Einbildungskraft abhängt; dahin nicht allein eine unendliche Menge Sachen aller Künste und beinahe aller Notdürftigkeiten von Nahrung, Kleidung, Gerätschaft nebst allen Arten von Verzierungen gehören, deren alle Gattungen von äußerlichen Gegenständen fähig sind, sich beziehen. Der Hof ist auch der schicklichste Schauplatz die außerordentliche Biegsamkeit unsers Geistes und Körpers zu beweisen; eine Fähigkeit die sich daselbst in einer unendlichen Menge feiner Wendungen in Gedanken, Ausdruck und Gebärden, ja selbst in moralischen Handlungen äußert, je nach dem Politik, Glück oder Ehrgeiz von einer oder andern Seite eine Bewegung in der Hofluft verursachen. Viele Teile der schönen Wissenschaften haben ihre völlige Auspolierung in der großen Welt zu erhalten; gleichwie Sprachen und Sitten allein von den da wohnenden Grazien eine ausgesuchte angenehme Einkleidung bekommen. Alles dieses sind schätzbare Vorzüge, die auf einen großen Teil der menschlichen Glückseligkeit ihren Einfluß haben, und wohl ganz sicher Bestandteile davon ausmachen. Das Pflanzen- und Tierreich hat seine Züge von Schönheit und Zierlichkeit in Form, Ebenmaß und Farbenmischung; auch die rauhesten Nationen haben Ideen von Verschönerung. Unser Gesicht, Geschmack und Gefühl sind auch nicht umsonst mit so großer Empfindlichkeit im Vergleichen, Wählen, Verwerfen und Zusammensetzen begabt, so daß es ganz billig ist, diese Fähigkeiten zu benutzen, wenn nur die Menschen nicht so leicht und so gerne über die Grenzen träten, die für alles gezogen sind. Doch wer weiß, ob nicht selbst dieses Überschreiten der Grenzen seine Triebfeder in der Begierde nach Vermehrung der Vollkommenheit unsers Zustandes hat? Einer Begierde, die der größte Beweis der Güte unsers Schöpfers ist, weil sie, so sehr sie in gesunden und glücklichen Tagen irrig und übel verwendet wird, dennoch im Unglück, in dem Zeitpunkt der Auflösung unsers Wesens, ihre Aussicht und Hoffnung auf eine andre Welt, und dort immer daurende unabänderliche Glückseligkeiten und Tugenden wendet, und dadurch allein einen Trost erteilt, welchen alle andre Hülfsmittel nicht geben können. Sie denken leicht, meine Emilia, in wie viel Stunden des Nachdenkens und Überlegens sich alle diese, hier nur flüchtig berührte Gegenstände abteilen lassen, und Sie sehen auch, daß mir dabei neben den übrigen Zerstreuungen, die mir das Haus meiner Tante gibt, kein Augenblick zu Langerweile bleibt.

Nun will ich Sie zu dem Stück urbaren Erdreichs führen, das ich angetroffen habe. Dieses geschah auf dem Landgute des Grafen von F*. Eine Brunnenkur, deren sich die Gräfin bedient, gab Gelegenheit, daß wir auf ein paar Tage zu einem Besuch dahin reisten. Meine Tante hatte die Gräfin B* und das Fräulein R. auch hinbestellt, und der Zufall brachte den Lord Derby dazu. Gut, Haus und Garten ist sehr schön. Die Damen hatten viel kleine weibliche Angelegenheiten unter sich auszumachen; man schickte also das Fräulein R. und mich mit Herrn Derby auf einen Spaziergang. Erst durchliefen wir das ganze Haus und den Garten, wo Mylord in Wahrheit ein angenehmer Gesellschafter war, indem er uns von der Verschiedenheit unterhielt, die der Nationalgeist eines jeden Volks in die Bauart und die Verzierungen legte. Er machte uns Beschreibungen und Vergleichungen von englischen, italienischen und französischen Gärten und Häusern, zeichnete auch wohl eines und das andre mit einer ungemeinen Fertigkeit und ganz artig ab. Kurz, wir waren mit unserm Spaziergang so wohl zufrieden, daß wir Abrede nahmen, den andern Tag nach dem Frühstück auf das freie Feld und in dem Dorfe herumzugehen.

Es waren zween glückliche Tage für mich. Landluft, freie Aussicht, Ruhe, schöne Natur, der Segen des Schöpfers auf Wiesen und Kornfeldern, die Emsigkeit des Landmanns. – Mit wie viel Zärtlichkeit und Bewegung heftete ich meine Blicke auf dies alles! Wie viel Erinnerungen brachte es in mein Herz von verflossenen Zeiten, von genossener Zufriedenheit! Wie eifrig machte ich Wünsche für meine Untertanen; für Segen zu ihrer Arbeit, und für die Zurückkunft meiner Tante R.! Sie wissen, meine Emilia, daß mein Gesicht allezeit die Empfindungen meiner Seele ausdrückt. Ich mag zärtlich und gerührt ausgesehen haben; der Ton meiner Stimme stimmte zu diesen Zügen. Aber Lord Derby erschreckte mich beinahe durch das Feuer, mit dem er mich betrachtete, durch den Eifer und die Hastigkeit, womit er mich bei der Hand faßte, und auf englisch »Gott! Wenn die Liebe einmal diese Brust bewegt, und diesen Ausdruck von zärtlicher Empfindung in diese Gesichtszüge legt, wie groß wird das Glück des Mannes sein, der – –«

Meine Verwirrung, die Art von Furcht, die er mir gab, war ebenso sichtbar als meine vorige Bewegungen; sogleich hielt er in seiner Rede inne, zog seine Hand ehrerbietig zurück, und suchte in allem seinem Bezeugen den Eindruck von Heftigkeit seines Charakters zu mildern, den er mir gegeben hatte.

Wir gingen in die Hauptgasse des schönen Dorfs; da wir in der Hälfte waren, mußten wir einem Karrn ausweichen, der hinter uns gefahren kam. Er war mit einer dichten Korbflechte bedeckt, doch sah man eine Frau mit drei ganz jungen Kindern darin. Die rührende Traurigkeit, die ich auf dem Gesichte der Mutter erblickte, das blasse, hagere Aussehen der Kinder, die reinliche, aber sehr schlechte Kleidung von allen zeugte von Armut und Kummer dieser kleinen Familie. Mein Herz wurde bewegt; die Vorstellung ihrer Not und die Begierde zu helfen, wurden gleich stark. Froh sie an dem Wirtshaus absteigen zu sehen, bedacht' ich mich nicht lange. Ich gab vor, ich kennte diese Frau und wollte etwas mit ihr reden; und bat den Lord Derby, das Fräulein R. zu unterhalten, bis ich wiederkäme. Er sah mich darüber mit einem ernsthaften Lächeln an, und küßte den Teil seines Ärmels, wo ich im Eifer meine Hand auf seinen Arm gelegt hatte. Ich errötete und eilte zu der armen Familie.

Bei dem Eintritt in das Haus fand ich alle im Gang an einer Stiege sitzen; die Frau mit weinenden Augen beschäftigt aus einem kleinen Sack ein seiden Halstuch und eine Schürze zu nehmen, die sie der Wirtin zu kaufen anbot, um Geld genug zu bekommen den Fuhrmann zu bezahlen. Zwei Kinder riefen um Brod und Milch; ich faßte mich, so äußerst gerührt ich war, näherte mich, und sagte der armen Frau mit der Miene einer Bekannten, es wäre mir lieb sie wiederzusehen. Ich tat dieses, um ihr die Verwirrung zu vermeiden, die ein empfindliches Herz fühlt, wenn es viele Zeugen seines Elends hat, und weil der Unglückliche eine Art von Achtung, so ihm Angesehene und Begüterte erweisen, auch als einen Teil Wohltat aufnimmt. Ich sagte der Wirtin, sie sollte mir ein Zimmer anweisen, in welchem ich mit der Frau allein reden könnte, und bestellte, den Kindern ein Abendbrod zurechte zu machen. Während ich dieses sagte, machte die Wirtin ein Zimmer auf, und die gute arme Frau stund mit ihrem kleinen Kind im Arm da, und sah mich mit fremdem Erstaunen an. Ich reichte ihr die Hand und bat sie in das Zimmer zu gehen, wohin ich die zwei ältern Kinder führte. Da ich die Türe zugemacht, leitete ich die zitternde Mutter zu einem Stuhl mit dem Zeichen, sich zu setzen; bat sie ruhig zu sein, und mir zu vergeben, daß ich mich ihr so zudringe. Ich wollte auch nicht unbescheiden mit ihr handeln; sie solle mich für ihre Freundin ansehen, die nichts anders wünsche, als ihr an einem fremden Orte nützlich zu sein. Eine Menge Tränen hinderten sie zu reden, dabei sah sie mich mit einem von Hoffnung und Jammer bezeichneten Gesichte an.

Ich reichte ihr wehmütig die Hand. »Sie leiden für Sie und Ihre Kinder unter einem harten Schicksal«, sagte ich, »ich bin reich und unabhängig, mein Herz kennt die Pflichten, welche Menschlichkeit und Religion den Begüterten auflegen; gönnen Sie mir das Vergnügen diese Pflichten zu erfüllen, und Ihren Kummer zu erleichtern.« Indem ich dieses sagte, nahm ich von meinem Gelde, bat sie, es anzunehmen, und mir den Ort ihres Aufenthalts zu sagen. Die gute Frau rutschte von ihrem Stuhle auf die Erde, und rief mit äußerster Bewegung aus:

»O Gott, was für ein edles Herz läßt du mich antreffen!«

Die zwei größern Kinder liefen der Mutter zu, fielen um ihren Hals und fingen an zu weinen. Ich umarmte sie, hob sie auf, umfaßte die Kinder, und bat die Frau sich zu fassen und stille zu reden. Es sollte hier niemand als ich ihr Herz und ihre Umstände kennen; sie sollte glauben, daß ich mich glücklich achten würde, ihr Dienste zu beweisen; voritzt aber wollte ich nichts als den Ort ihres Aufenthalts wissen, und ihr meinen Namen aufschreiben, welches ich auch sogleich mit Reißblei tat, und ihr das Papier überreichte.

Sie sagte mir, daß sie wieder nach D*, wo ihr Mann wäre, zurückginge, nachdem sie von einem Bruder, zu dem sie Zuflucht hätte nehmen wollen, abgewiesen worden wäre. Sie wollte mir alle Ursachen ihres Elends aufschreiben, und sich dann meiner Güte in Beurteilung ihrer Fehler empfehlen. Nach diesem las sie mein Papier. »Sind Sie das Fräulein von Sternheim? O was ist der heutige Tag für mich? Ich bin die Frau des unglücklichen Rats T. Wenn Sie mich Ihrer Tante, der Gräfin L., nennen, so verliere ich vielleicht Ihr Mitleiden; aber verdammen Sie mich nicht ungehört!« Dies sagte sie mit gefalteten Händen. Ich versprach es ihr gerne, umarmte sie und die Kinder, und nahm Abschied mit dem Verbot, daß sie nichts von mir reden, und die Wirtin glauben lassen sollte, daß wir einander kenneten. Im Weggehen befahl ich der Wirtin, der Mutter und den Kindern gute Betten, Essen, und den folgenden Morgen eine gute Kutsche zu geben, ich wollte für die Bezahlung sorgen. Mylord und das Fräulein R. waren in dem Garten des Wirtshauses, wo ich sie antraf und ihnen für die Gefälligkeit dankte, daß sie auf mich gewartet hätten. Mein Gesicht hatte den Ausdruck des Vergnügens etwas Gutes getan zu haben; aber meine Augen waren noch rot von Weinen. Der Lord sah mich oft und ernsthaft an, und redete den ganzen übrigen Spaziergang sehr wenig mit mir, sondern unterhielt das Fräulein R.; dies war mir desto angenehmer, weil es mich an einen Entwurf denken ließ, dieser ganzen Familie so viel mir möglich aufzuhelfen, und dies, meine Emilia, ist das Stück urbaren Erdreichs, so ich angetroffen: wo ich Sorgen, Freundschaft und Dienste aussäen will. Die Ernte und der Nutzen soll den drei armen Kindern zugute kommen. Denn ich hoffe, daß die Eltern der Pflichten der Natur getreu genug sein werden, um davon keinen andern Gebrauch als zum Besten ihrer unschuldigen und unglücklichen Kinder zu machen. Gelingt mir alles, was ich tun will, und was mir mein Herz angibt, so will ich meinen Aufenthalt segnen; dann nun achte ich die Zeit, die ich hier bin, nicht mehr für verloren. Ich soll in wenigen Tagen von den Ursachen des Unglücks dieser Familie Nachricht erhalten, nach dem werde ich erst eigentlich wissen, was ich zu tun habe. Der Rat T*, ist sehr krank, deswegen konnte die Frau noch nicht schreiben. Vorgestern kamen wir zurück.


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