Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Graf R— an Lord Seymour

Sie geben mir Nachricht von meiner teuren unglücklichen Nichte. Aber, o Gott, was für Nachrichten, Mylord! Das edelste, beste Mädchen der Raub eines teuflischen Bösewichts! Ich dachte wohl, als Sie mir den Sekretär Ihres Oheims nannten, daß ein gemeiner schlecht denkender Mensch ihre Hand niemals hätte erhalten können. Ein Heuchler, ein die Klugheit und Tugend lebhaft spielender Heuchler mußte es sein, der ihren Geist blendete, und sie aus den Schranken zu führen wußte. Ich flehe den Lord Crafton um seine Beihülfe an, den nichtswürdigen Mann auch unter dem Schutze der ganzen Nation zur Verantwortung zu ziehen.

Nichts als die schlechten Gesundheitsumstände meiner Gemahlin, und meines einzigen Sohns hindern meine Abreise von hier; aber ich habe für das Andenken dieser liebenswürdigen Person doch dieses getan: von dem Fürsten zu begehren, daß er ihre Güter durch einen fürstlichen Rat besorgen lasse. Die Einkünfte sollen ihrer Gesinnung gemäß für die Kinder des Grafen Löbau gesammlet werden; aber der Vater und die Mutter sollen nichts davon genießen, sie, die zuerst das Herz des guten Kindes zerrissen haben, und allein die Ursache sind, daß sie von Angst betäubt ihrem Verderben zulief. –

Käme ich nur bald nach D. und hätten wir nur einiges Licht von ihrem Aufenthalt! Aber es geschehe das eine und das andere, wenn es will: so soll der Elende, der ihren Wert nicht zu schätzen wußte, Rechenschaft von ihrer Entführung und Verlassung geben.

Ich bedaure Sie, Mylord, wegen der Leiden Ihres Gemüts, die nun durch die wiederkehrende Liebe vergrößert sind. – Aber wie konnte ein Mann, dem die weibliche Welt bekannt sein muß, dieses auserlesene Mädchen mißkennen, und den allgemeinen Maßstab vornehmen, um ihre Verdienste zu prüfen? Unterschied sie sich nicht in allem? Verzeihen Sie, Mylord, es ist unbillig Ihren Kummer zu vermehren! Die Zärtlichkeit meiner nahen Verwandtschaft übertrieb meinen Unmut, und machte mich das Geschehene und Ungeschehene mit gleichem Haß verfolgen.

Fliehen Sie keinen Aufwand, um den Aufenthalt des geliebten Kindes zu erfahren; ich fürchte, oh, ich fürchte, daß wir sie nur tot wiederfinden werden!

Wehe dem Lord Derby; – Wehe Ihnen, wenn Sie nicht Ihre Hand mit der meinigen vereinigen, um sie zu rächen! Aber alles, was Sie tun werden, um Ihre edelmütige Liebe, obwohl zu spät, zu beweisen, soll Sie in dem Oheim des edelsten Mädchens den besten Freund und Diener finden lassen. Allen Aufwand teile ich mit Ihnen, wie ich alle Ihre Sorgen und Schmerzen teile. – Hier halte ich alles geheim, weil ich meiner Gemahlin zärtliches Herz nicht mit unmäßigem Jammer beladen will.


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