Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Fräulein von Sternheim an Emilien

Kommen Sie, meine Emilia, Sie sollen auch einmal eine aufgeweckte Erzählung von mir erhalten. Sie wissen, daß ich gerne tanze, und daß F* einen Ball geben wollte. Dieser ist nun vorbei, und ich war so vergnügt dabei, daß das Andenken davon mir noch itzt angenehm ist. Alle Anstalten dieses niedlichen Festins waren völlig nach meinem Geschmack, nach meinen eigensten Ideen eingerichtet. Ländliche Einfalt und feine Hofkünste fanden sich so artig miteinander verwebt, daß man sie nicht trennen konnte, ohne dem einen oder dem andern seine beste Annehmlichkeit zu rauben. Ich will versuchen, ob eine Beschreibung davon diese Vorstellung bei Ihnen bekräftigen wird.

Der Graf F* wollte auf dem Gut, wo seine Gemahlin die Kur gebraucht, und die Besuche des ganzen Adels empfangen hatte, zum Beweis seiner Freude über das Wohlsein der Gräfin und seines Danks für die ihr bewiesene Achtung an dem nämlichen Orte eine Ergötzung für uns alle anstellen. Wir wurden acht Tage voraus geladen, und gebeten, paarweise in schönen Bauerkleidungen zu erscheinen, weil er ein Landfest vorstellen wollte. Der junge Graf F*, sein Nepote, wurde in der Liste ein Bauer und ich bekam die Kleidung eines Alpenmädchens; lichtblau und schwarz; die Form davon brachte meine Leibesgestalt in das vorteilhafteste Ansehen, ohne im geringsten gesucht oder gezwungen zu scheinen. Das feine ganz nachlässig aufgesetzte Strohhütgen und meine simpel geflochtnen Haare machten meinem Gesicht Ehre. Sie wissen, daß mir viele Liebe für die Einfalt und die ungekünstelten Tugenden des Landvolks eingeflößt worden ist. Diese Neigung erneuerte sich durch den Anblick meiner Kleidung. Mein edel einfältiger Putz rührte mich; er war meinem die Ruhe und die Natur liebenden Herzen noch angemeßner als meiner Figur, wiewohl auch diese damals, in meinen Augen, im schönsten Lichte stund. Als ich völlig angezogen den letzten Blick in den Spiegel warf und vergnügt mit meinem ländlichen Ansehen war, machte ich den Wunsch, daß, wenn ich auch diese Kleidung wieder abgelegt haben würde, doch immer reine Unschuld und unverfälschte Güte meines Herzens den Grund einer heitern wahren Freude in meiner Seele erhalten möchte! Mein Oncle, meine Tante, und der Graf F* hörten nicht auf, mein zärtliches und reizendes Aussehen zu loben, und so kamen wir auf das Gut; wo wir in der halben Allee, die auf schönen Wiesengrund gepflanzt ist, abstiegen, und gleich den Ton der Schalmei hörten, verschiedene Paare von artigen Bauten und Bäuerinnen erblickten, und im Fortfahren, bald eine Maultrommel, bald eine kleine Landpfeife, oder irgendein andres Instrument dieser Art, das völlige Landfest ankündigen hörten. Simpel gearbeitete hölzerne Bänke waren zwischen den Bäumen gesetzt, und zwei artige Bauerhäuser an beiden Seiten der Allee erbaut, wo in einem auf alle mögliche Art zubereitete Milch und andre Erfrischungen in kleinen porcelainen Schüsselchen bereit waren. Jedes hatte seinen hölzernen Teller und seinen Löffel von Porcelain. Unter der Türe dieses Hauses war die Gräfin F* als Wirtin gekleidet, und bewillkommte die Gäste mit einer reizenden Gefälligkeit. Alle Bedienten des Hauses waren als Kellerjungen oder Schenkknechte, und auch die Musikanten nach bäuerischer Art angezogen; auf einem Platzl waren Bäcker und Bilderkrämer, wo unsre Bauren uns hinführten und eine Bäuerin eine Prezel oder sonst ein Stück aus feiner Pastille gearbeitetes Brod bekam, welches der Bauer zerbrach und dann entweder ein Stück Spitzen, Bänder oder andre artige Sachen darin fand. Bei dem Bilderkrämer bekamen wir niedliche Miniatur-Gemälde zu sehen, welche wie aus einer Lotterie gezogen wurden. Ich bekam die vom Apollo verfolgte Daphne, ein feines niedliches Stück; es schien auch, daß mich andere darum beneideten, weil es für das schönste gehalten wurde. Es dünkte mich vielerlei Veränderungen und Ausdrücke auf den Gesichtern einiger Damen zu lesen, da sie es ansahen.

Wie der ganze Adel beisammen war, wurden wir junge Fräulein gebeten, die ältern Damen und Kavaliere mit Erfrischungen bedienen zu helfen; unsre Geschäftigkeit war artig zu sehen; für eine fremde Person aber müßten die forschenden halb verborgnen Blicke, die immer eine Dame nach der andern schickte, zu vielen kleinen Betrachtungen Anlaß gegeben haben. Ich war voll herzlicher Freude; es war Grasboden, den ich betrat, Bäume, unter deren Schatten ich eine Schüssel Milch verzehrte, frische Luft, was ich atmete, ein heitrer offner Himmel um mich her, nur zwanzig Schritte von mir ein schöner Bach und wohlangebaute reiche Kornfelder! Mir schien's, als ob die unbegrenzte Aussicht in das Reich der Natur meinen Lebensgeistern und Empfindungen eine freiere Bewegung verschaffte, sie von dem einkerkernden Zwang des Aufenthalts in den Mauren eines Palastes voller gekünstelten Zieraten und Vergoldungen, in ihre natürliche Freiheit und in ihr angebornes Element setzte. Ich redete auch mehr und freudiger als sonst, und war von den ersten, die Reihentänze zwischen den Bäumen anfingen. Diese zogen alle Einwohner des Dorfs aus ihren Hütten, um uns zuzusehen. Nach einigem Herumhüpfen ging ich mit meiner Tante und der Gräfin F*, die mich sehr lobten und liebkosten, auf und ab; wo mir denn bald der fröhliche und glänzende Haufen von Landleuten, die wir vorstellten, in die Augen fiel, bald auch der, welchen unsre Zuseher ausmachten, darunter ich viele arme und kummerhafte Gestalten erblickte. Ich wurde durch diesen Kontrast und das gutherzige Vergnügen, womit sie uns betrachteten, sehr gerührt, und sobald ich am wenigsten bemerkt wurde, schlüpfte ich in den Pfarrgarten, der ganz nahe an die Wiese stößt, wo wir tanzten; gab dem Pfarrer etwas für die Armen des Dorfs und ging mit einem glücklichen Herzen zurück in die Gesellschaft. Mylord Derby schien auf meine Schritte gelauert zu haben; denn wie ich aus dem Pfarrgarten heraus trat, sah ich, daß er an dem einem Ende des Milchhauses stand, und seine Augen unverwandt auf die Türe des Gartens geheftet hatte; mit forschenden und feurigen Blicken sah er mich an, ging mir hastig entgegen, um mir einige außerordentliche, ja gar verliebte Sachen über meine Gestalt und Physionomie zu sagen. Dieses und die neugierige Art, womit mich alle ansahen, machte mich erröten und die Augen zur Erde wenden; als ich sie in die Höhe hob, war ich einem Baume, an welchen sich Mylord Seymour ganz traurig und zärtlich aussehend lehnte, so nahe, daß ich dachte, er müßte alles gehört haben, was Mylord Derby mir gesagt hatte. Ich weiß nicht ganz, warum mich diese Vorstellung etwas verwirrte; aber bestürzt wurde ich, da ich alles aufstehen und sich in Ordnung stellen sah, weil der Fürst eben aus dem Pfarrgarten kam. Der Gedanke, daß er mich da hätte antreffen können, machte mir eine Art Entsetzen, so daß ich zu meiner Tante floh, gleich, als ob ich fürchtete allein zu sein. Aber meine innerliche Zufriedenheit half mir wieder zu meiner Fassung, so daß ich dem Fürsten meine Verbeugung ganz gelassen machte. Er betrachtete und lobte meine Kleidung in sehr lebhaften Ausdrücken. Die Gräfin F*, welche mich nötigte, ihm eine Schale Sorbet anzubieten, brachte mich in eine Verlegenheit, die mir ganz zuwider war; denn ich mußte mich zu ihm auf die Bank setzen, wo er mir über meine Person und zum Teil auch über den übrigen Adel, ich weiß nicht mehr was für wunderliches Zeug, vorsagte. Die meisten fingen an einsam spazieren zu gehen. Da ich ihnen mit Aufmerksamkeit nachsahe, fragte mich der Fürst: ob ich auch lieber herumgehen, als bei ihm sein wollte? Ich sagte ihm, ich dächte, es würden wieder Reihen getanzt, und ich wünschte dabei zu sein. Sogleich stund er auf, und begleitete mich zu den übrigen. Ich dankte mir den Einfall, und mengte mich eilends unter den Haufen junger Leute, die alle beisammen stunden. Sie lächelten über mein Eindringen, waren aber sehr höflich bis auf Fräulein C*, die immer ganz mürrisch den Kopf nach einer Seite kehrte. Ich wandte mich auch hin, und erblickte Seymourn und Derby, die einander am Arm führten und mit hastigen Schritten am Bach auf und nieder gingen. Indessen wurde es etwas dunkel, und man lud uns zu dem Abendessen, welches in der andern Bauerhütte bereit stund. Man blieb nicht lange bei Tische; denn alles eilte in den Tanzsaal, der in einer dazu aufgebaueten Scheuer versteckt war. Niemand konnte über das Ende der Tafel froher sein als ich; denn als die Ranglose gezogen wurden, setzte mich mein widriges Geschicke gleich an den Fürsten, der beständig mit mir redte, und mich alle Augenblicke etwas kosten machte. Dieser Vorzug des UngefährWenige Leser werden der Erinnerung bedürfen, daß es der Unschuld und Unerfahrenheit des Fräuleins von St. in den Wegen der Welt ganz natürlich war, für eine Würkung des Zufalls zu halten, was Absicht und Kunst war. An Höfen versteht man keine Kunst besser, als ungefähre Zufälle zu machen, wenn die Absicht ist, die Leidenschaften des Herrn auf eine feine Art zu befördern.    H. zeigte mir die Hofleute in einem neuen aber sehr kleinen Lichte; denn ihr Betragen gegen mich war, als ob ich eine große Würde erhalten hätte, und sie sich mir gefällig machen müßten. Es war niemand, der mir nicht irgendeine schickliche oder unschickliche Schmeichelei sagte, den einzigen Seymour ausgenommen, welcher nichts redete. Sein Oncle G. und Mylord Derby sagten mir dagegen desto feinere Höflichkeiten vor; besonders hatte dieser die gefälligste Ehrerbietigkeit in seinem ganzen Bezeugen gegen mich. Er sprach vom Tanzen mit dem eigentlichen Ton, der für diesen Gegenstand gehört, so daß er mir aufs neue Achtung für seine Talente und Bedauern über die schlimme Verwendung derselben einflößte. Ich fand bei dem Tanzen, daß es nicht für alle vorteilhaft ist, daß der Ball sich mit Menuetten anfängt, weil dieser Tanz so viel Anmut in der Wendung und so viel Nettigkeit des Schritts erfodert, daß es manchen Personen sehr schwer fiel, diesen Gesetzen Genüge zu leisten. Der außerordentliche Beifall, den ich erhielt, führte mein Herz auf ein zärtliches Andenken meiner teuren Eltern zurück, die unter andern liebreichen Bemühungen für meine Erziehung auch das frühzeitige und öftere Tanzen betrieben, weil mein schnelles Wachsen eine große Figur versprach, und mein Vater sagte. daß der frühe Unterricht im Tanzen einer großen Person am nötigsten sei, um durch die Musik ihre Bewegungen harmonisch und angenehm zu machen, indem es immer bemerkt worden sei, daß die Grazien sich leichter mit einer Person von mittlerer Größe verbinden als mit einer von mehr als gewöhnlicher Länge. Dieses war die Ursache, warum ich alle Tage tanzen, und bei meinen Handarbeiten, wenn wir alleine waren, eine Menuett-Arie singen mußte, denn mein Vater behauptete, daß durch diese Übung unvermerkt alle meine Wendungen natürliche Grazien erhalten würden. Sollte ich alles Lob glauben, das man meinem Tanzen und Anstand gibt, so sind seine Vermutungen alle eingetroffen; so wie ich seinen Ausspruch über den Vorzug der Anmut vor der Schönheit ganz wahr gefunden habe, weil ich gesehen, daß die holdselige Miene der mit sehr wenig Schönheit begabten Gräfin Zin*** ihr beinahe mehr Neiderinnen zuzog, als die Fräulein von B* mit ihrer Venus-Figur nicht hatte; und die Neiderinnen waren selbst unter der Zahl der Frauenzimmer von Verdiensten. Woher dieses Emilia? Fühlen etwan vernünftige Personen den Vorzug der Anmut vor der Schönheit stärker als andere, und wünschen sie daher begieriger zu ihrem Eigentum? Oder kam dieser Neid von der Beobachtung, daß die ganz anmutsvolle Gräfin Z*** die hochachtungswürdigste Mannspersonen an sich zog? Oder wagt die feine Eigenliebe eher einen Anfall auf Reize des Angenehmen als auf die ganze Schönheit, weil jene nicht gleich von allen Augen bemerkt werden, und der Mangel der äußersten Vollkommenheit sehr leicht mit dem Gedanken eines fehlerhaften Charakters oder Verstandes verbunden wird, und also der Tadlerin wohl noch den Ruhm eines scharfen Auges geben kann, da hingegen die kleinsten Schmähungen über ein schönes Frauenzimmer von jedem Zuhörer an die Rechnung des Neides kommen? Edle und kluge Eigenliebe sollte sich immer die Gunst der Huldgöttinnen wünschen, weil sie ihre Geschenke niemals zurücknehmen, und weder Zeit noch Zufälle uns derselben berauben können. Ich gestehe ganz aufrichtig, daß wenn ich in den schönen griechischen Zeiten geboren gewesen wäre, so hätte ich meine besten Opfer dem Tempel der Grazien geweiht. – Aber, ich sehe meine Emilia, ich errate, was sie denkt; denn indem sie dieses Schreiben liest, fragt der Ausdruck ihrer Physionomie: »War meine Freundin Sternheim so ganz fehlerfrei, weil sie die von den andern so dreuste bezeichnet? Neid mag sie nicht gehabt haben, denn der Plan, dem sich ihre Eitelkeit nachzugehen vorgenommen hatte, meint durch nichts gestört worden zu sein; der Dank für die Tanzübungen in ihrer Erziehung zeigt es an; oft ist es bloß ein großer Grad der Zufriedenheit mit sich selbst, was uns vom Neide frei macht, anstatt, daß es die wahre Tugend tun sollte.«

Sein Sie ruhig, meine liebe strenge Freundin, ich empfinde, daß Sie recht haben; ich war eitel und sehr mit mir zufrieden; aber ich wurde dafür gestraft. Ich hielt mich für ganz liebenswürdig, aber ich war es nicht in den Augen desjenigen, bei dem ich es vorzüglich zu sein wünschte. Ich befließ mich so sehr gut englisch zu tanzen, daß Mylord G. und Derby zu dem Fürsten sagten, eine geborne Engländerin könnte den Schritt, die Wendungen und den Takt nicht besser treffen. Man bat mich, mit einem Engländer eine Reihe durchzutanzen. Mylord Seymour wurde dazu aufgefodert, und, Emilia, er schlug es aus; mit einer so unfreundlichen, beinahe verächtlichen Miene, daß es mir eine schmerzliche Empfindung gab. Mein Stolz suchte diese Wunde zu verbinden; doch beruhigte mich sein düstres Bezeugen gegen alle Welt am allermeisten; er redete mit gar niemand mehr als mit seinem Oncle und Herrn Derby, welcher mit entzückter Eilfertigkeit der Auffoderung entgegenging. Ich suchte ihn auch dafür durch mein bestes Tanzen zu belohnen, und zugleich Seymourn durch meine Munterkeit zu zeigen, daß mich sein Widerwille nicht gerührt habe. Sie kennen mich. Sie urteilen gewiß, daß dieser Augenblick nicht angenehm für mich war; aber meine voreilige Neigung verdiente eine Strafe! Warum ließ ich mich durch die Lobreden der Liebhaberin des Mylord Seymour so sehr zu seinem Besten einnehmen, daß ich die Gerechtigkeit für andre darüber vergaß, und auf dem Wege war, die Achtung für mich selbst zu vergessen? Aber ich habe ihm Dank, daß er mich zum Nachdenken und Überlegen zurückführte; ich bin nun ruhiger in mir selbst, billiger für andre, und habe auch deswegen neue Ursache mit diesem Feste vergnügt zu sein. Ich habe für meinen Nächsten eine Pflicht der Wohltätigkeit ausgeübt, und für mich eine Lektion der Klugheit gelernt, und nun hoffe ich, meine Emilia ist mit mir zufrieden, und liebt mich wie sonst.


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