Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

 << zurück weiter >> 

Madam Leidens an Emilien

Nun bin ich wieder zu Haus, und wollte Ihnen von der Aussaat reden, wovon mein letzter Brief sagte, daß ich sie einer dritten Hand anvertrauen würde; aber Madam Hills erzählt mir: daß sie Ihnen alles geschrieben habe. O meine Freundin! wie schön wäre der moralische Teil unsers Erdkreises, wenn alle Reichen so dächten wie Madam Hills, die sich freut, wenn man ihr Gelegenheit gibt, ihre Glücksgüter wohl anzuwenden! Sie, meine Emilia, sollen die Beweggründe sehen, die mich dazu brachten, der Jungfer Lehne das Verwaltungsamt zu geben. Sie wissen: wie ich die arme Familie kennenlernte: eben diese Person redte bei Frau Hills von ihren Umständen. Ich bemerkte in ihrem halb mitleidigen, halb anklagendem Ton eine Art von Neid über die Wohltaten, welche jene genossen, und die Begierde, sie allein an sich zu ziehen. Sie sprach zugleich viel davon, wie sie es an der Stelle von Frau G. machen würde. Ich ärgerte mich, so kalte, und übeltätige Überbleibsel einer so stark gewesenen Jugendfreundschaft anzutreffen, und hatte Mut genug den Plan zu fassen, dieses halb vermoderte Herz zu dem Nutzen seiner ersten Freundin brauchbar zu machen. Ich ließ sie nichts von meinen Betrachtungen über sie merken, und sagte ihr nur, daß sie mich in das Haus führen sollte. Der Anblick des Elends, und die Zärtlichkeit, welche ihr die Frau bewies, rührte sie, und in dieser Bewegung nahm ich sie in mein Zimmer, las ihr meinen Plan vor, und malte mit den lebhaftesten Farben die Schönheit der Rolle, die ich ihr auftrüge, worin sie sich das Wohlgefallen Gottes, und die Achtung und die Segnungen aller Rechtschaffenen zu versprechen hätte. Ich überzeugte sie, daß sie mehr Gutes tue als Frau Hills, welche bei ihren Geldgaben nur das Vergnügen genösse, von ihrem Überflusse von Zeit zu Zeit etwas abzugeben; da hingegen ihre tägliche Bemühungen und ihre Geduld die Tugenden des edelsten Herzens sein würden. Ich gewann sie um desto leichter, weil ich ihr das Lob der Madam Hills dadurch zuzog, daß ich sagte: der Einfall wäre ihr selbst gekommen. Mein Plan wurde bewilligt, und ich führte ihn die ersten zwo Wochen selbst aus.

Die Annahme einer Verwalterin schien beschwerlich, aber ich erhielt doch die Einwilligung, besonders da ich sagte, daß ich selbst vierzehn Tage bei ihnen wohnen würde.

Den ersten Tag legte ich ihnen die Geschenke der Madam Hills vor, teilte jedem das Seinige, mit Ermahnung zur Sorgfalt, zu, und sagte ihnen: daß sie durch Schonen, und sparsamen Gebrauch der Wohltaten, teils ihre Dankbarkeit, teils ein edles Herz zeigen würden, welches die Güte, die man ihm beweist, nicht mißbrauchen möchte. Hierauf sagte ich, wie ich ihre Umstände ansähe, und was ich für einen Plan ihres Lebens, und ihrer Beschäftigungen daraus gezogen hätte; bat aber jedes: mir seine Wünsche, und Einwendungen zu sagen.

Ehe ich diese beantwortete, machte ich ihnen einen kurzen und nützlichen Auszug meiner eigenen Geschichte. Ich blieb besonders bei dem Artikel des Ansehens und Reichtums stehen, worin ich geboren und erzogen worden; sagte ihnen meine ehemaligen Wünsche und Neigungen, auch wie ich mir sie itzt versagen müsse, und schloß diese Erzählung mit freundlichen Anwendungen, und Zusprüchen für sie. Durch dieses öffnete sich ihr Herz zum Vertrauen, und zur Bereitwilligkeit meinem Rate zu folgen. Die besten Sachen, so eine reiche und glückliche Person gesagt hätte, würden wenig Eindruck gemacht haben; aber der Gedanke, daß auch ich arm sei, und andern unterworfen leben müsse, brachte Biegsamkeit in ihre Gemüter. Ich fragte: was sie an meiner Stelle würden getan haben? Sie fanden aber meine Moral gut, und wünschten auch so zu denken. Darauf ging ich in den Vorschlag ein, was ich an ihrem Platze tun würde; und sie waren es herzlich zufrieden. Oh, dachte ich, wenn man bei Beweggründen zum Guten allezeit in die Umstände und Neigungen der Leute einginge, und der uns allen gegebenen Eigenliebe nicht schnurstracks Gewalt antun wollte, sondern sie mit eben der Klugheit zum Hülfsmittel verwände, wodurch der schmeichelnde Verführer sie zu seinem Endzweck zu lenken weiß: so würde die Moral schon längst die Grenzen ihres Reichs und die Zahl ihrer Ergebenen vergrößert haben.

Eigenliebe! angenehmes Band, welches die liebreiche Hand unsers gütigen Schöpfers dem freien Willen anlegte, um uns damit zu unsrer wahren Glückseligkeit zu ziehen; wie sehr hat dich Unwissenheit und Härte verunstaltet, und die Menschen zu einem unseligen Mißbrauch der besten Wohltat gebracht! Lassen Sie mich zurückkommen.

Am zweiten Tage stellte ich die Frau G. vor, und in ihrer Person sprach ich mit Jungfer Lehne von unsrer alten Liebe, und wie gern ich ihr die Stelle gönnte, die sie in meinem Hause zu vertreten hätte, da ich glaubte: sie würde den Gebrauch eines guten Herzens davon machen. Ich sagte, was ich (nach dem Willen der Frau G., mit der ich allein vorher gesprochen hatte) von ihr wünschte, wies die Töchter an sie an, und setzte hinzu: daß wir allezeit alles gemeinschaftlich überlegen und vornehmen wollten. Sodann war ich zween Tage Jungfer Lehne – und die folgenden drei in der Stelle der drei Töchter.

Unter dem Arbeiten machte ich sie durch Hülfe der Religion mit dem beruhigenden Vergnügen bekannt, welches die Betrachtung der Natur in verschiedenem Maße in unser Herz gießt. Frau Hills schaffte Bücher an, die ich ausgesucht hatte, und die beiden Söhne mußten wechselsweise etwas daraus vorlesen, wobei ich die Kinder immer Betrachtungen und Anwendungen machen lehrte. Die zwo ältesten Mädchen haben viel Geschicke und Verstand. Ich lehrte sie meine Tapetenarbeit, und die älteste Zeichnungen dazu zu machen. Ich ermunterte ihren Fleiß durch den Stolz, indem ich ihnen sagte: daß sie diese Arbeit entweder ganz an Kaufleute verhandeln, oder sich um die Hälfte wieder neue Wolle schaffen, und für die andre etwas eintauschen könnten, so ihnen nötig wäre; ich versprach ihnen auch, diese Arbeit sonst niemanden zu lehren. Nun sitzen des Tags die zwo Mädchen und die Mutter daran, weil die Vorstellung vom Verhandeln ihrer Eitelkeit schmeichelt.

Jungfer Lehne sagt: daß alles gut fortgehe, und ist selbst ungemein vergnügt, da sie wegen ihrer Aufsicht und Probe einer wahren Freundschaft so sehr gelobt wird.

Ich habe das Haus mit Tränen verlassen, und werde alle Wochen zween halbe Tage hingehen. Die vierzehn Tage, die ich da zubrachte, flossen voll Unschuld und Friede dahin; eine jede Minute davon, war mit einer übenden Tugend erfüllt, da ich Gutes tat und Gutes lehrte. Nun bitten Sie Gott, liebste Emilia, daß er diese kleine Saat meiner verarmten Hand zur reichen Ernte für das Wohl dieser Familie werden lasse. Niemals, nein, niemals haben mir die Einkünfte meiner Güter, welche mich in Stand setzten, dem Armen durch Geldgaben zu Hülfe zu kommen, so viel wahre Freude gegeben, als der Gedanke: daß mein Herz ohne Gold, allein durch Mitteilung meiner Talente, meiner Gesinnungen, und etlicher Tage meines Lebens das Beste für diese Familie getan hat.

Meine kleinen Zeichnungen sind Ursache, daß der zweite Sohn zu einem Mignatürmaler kömmt, weil der junge Knabe sie mit der größten Pünktlichkeit und außerordentlich fein nachahmte.

Die ganze Familie liebt und segnet mich. Madam Hills läßt bereits die Steine zum Gesindhaus führen und behauen. Denken Sie nicht, beste Freundin, daß sich zu gleicher Zeit dauerhafte Grundteile eines neuen moralischen Glücksbaues in meiner Seele sammlen, worin meine Empfindungen Schutz und Nahrung finden werden, bis der Sturm von sinnlichem Unglück vorüber sein wird, der den Wohnplatz meines äußerlichen Wohlergehens zerstörte?


 << zurück weiter >>