Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Fräulein Sternheim an Emilien

O meine Emilia, wenn aus diesem Abgrunde von Elend die Stimme Ihrer Jugendfreundin noch zu Ihrem Herzen dringt, so reichen Sie mir Ihre liebreiche Hand; lassen Sie mich an Ihrer Brust meinen Kummer und mein Leben ausweinen. O wie hart, wie grausam werde ich für den Schritt meiner Entweichung bestraft! O Vorsicht –

Ach! ich will nicht mit meinen Schicksal rechten. Das erstemal in meinem Leben erlaubte ich mir einen Gedanken von Rache, von heimlicher List; muß ich es nicht als eine billige Bestrafung annehmen, daß ich in die Hände der Bosheit und des Betrugs gefallen bin? Warum glaubte ich dem Schein? – Aber, o Gott! wo soll ein Herz wie dies, das du mir gabst, wo soll es den Gedanken hernehmen, bei einer edlen, bei einer guten Handlung böse Grundsätze zu argwöhnen!

Eigenliebe, du machtest mich elend; du hießest mich glauben, Derby würde durch mich die Tugend lieben lernen! – Er sagt: er hätte nur meine Hand, ich aber sein Herz betrogen. Grausamer, grausamer Mann! was für einen Gebrauch machst du von der Aufrichtigkeit meines Herzens, das so redlich bemüht war, dir die zärtlichste Liebe und Achtung zu zeigen! Du glaubst nicht an die Tugend, sonst würdest du sie in meiner Seele gesucht und gefunden haben.

Wahr ist es, meine Emilia, ich hatte Augenblicke, wo ich meine Befreiung von den Händen des Mylord Seymour zu erhalten gewünscht hätte; aber ich riß den Wunsch aus meinem Herzen; Dankbarkeit und Hochachtung erfüllten es für den Mann, den ich zu meinem Gemahl nahm – tötender Name, wie konnte ich dich schreiben – aber mein Kopf, meine Empfindungen sind verwüstet, wie es mein Glück, mein Ruhm, und meine Freude sind. Ich bin in den Staub erniedriget; auf der Erde liege ich, und bitte Gott, mich nur so lange zu erhalten, bis ich bei Ihnen bin, und den Trost genieße, daß Sie die Unschuld meines Herzens sehen, und eine mitleidige Träne über mich weinen. Alsdann, o Schicksal, dann nimm es, dieses Leben, welches mit keinem Laster beschmutzt, aber seit vier Tagen durch deine Zulassung so elend ist, daß es ohne die Hoffnung eines baldigen Endes unerträglich wäre.


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