Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Dritter Monat meines Elendes

Noch einen Monat hab ich durchgelebt, und finde mein Gefühl wieder, um den ganzen Inbegriff meines Jammers zu kennen. Selige Tage, wo seid ihr, an denen ich bei dem ersten Anblick des Morgenlichts meine Hände dankbar zu Gott erhob und mich meiner Erhaltung freute? Itzt benetzen immer neue Tränen mein Auge und mit neuem Händeringen bezeichne ich die erste Stunde meines erneuerten Daseins. O mein Schöpfer, solltest du wohl die bittere Zähre meines Jammers lieber sehen, als die überfließende Träne der kindlichen Dankbarkeit?

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Hoffnungslos, aller Aussichten auf Hülfe beraubt, kämpfe ich wider mich selbst; ich werfe mir meine Traurigkeit als ein Vergehen vor, und folge dem Zug zum Schreiben. Eine Empfindung von besserer Zukunft regt sich in mir. – Ach! redete sie nicht noch lauter in meinen vergangenen Tagen? – Täuschte sie mich nicht? Schicksal! Hab ich mein Glück gemißbraucht? Hing mein Herz an dem Schimmer, der mich umgab? Oder ist der Stolz auf die Seele, die ich von dir empfing, mein Verbrechen gewesen? – Arme, arme Kreatur, mit wem rechte ich! Ich beseelte Handvoll Staubes empöre mich wider die Gewalt, die mich prüft – und erhält' Willt du, o meine Seele, willt du durch Murren und Ungeduld das ärgste Übel in den Kelch meines Leidens gießen? Vergib, o Gott, vergib mir, und laß mich die Wohltaten aufsuchen, mit denen du auch hier mein empfindliches Herz umgeben hast.

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Komm, du treue Erinnerung meiner Emilia, komm und sei Zeuge, daß das Herz deiner Freundin seine Gelübde der Tugend erneuert, daß es zu dem Wege seiner Pflichten zurückkehrt, seiner eigensinnigen Empfindlichkeit absagt, und vor den Merkmalen einer liebreichen immerdauernden Vorsicht nicht mehr die Augen verschließt. – – Beinahe drei Monate sind's, daß ich durch einen betrügerischen Ruf in dem Park von Summerhall anstatt meiner gefühlvollen freundlichen Emma einem der grausamsten Menschen in die Gewalt kam, der mich Tag und Nacht reisen machte, um mich hieher zu bringen: Derby! Niemand als du war dieser Barbarei fähig! In der Zeit, wo ich für dein Vergnügen arbeitete, zetteltest du ein neues Gewebe von Kummer für mich an. – – Ehre und Großmut müssen dir sehr unbekannt sein, weil du nicht denken konntest, daß sie mich deinen Augen entziehen, und mich schweigen heißen würden! Was für ein Spiel machst du dir aus der Trübsal eines Herzens, dessen ganze Empfindsamkeit du kennst? – Warum, o Vorsicht, warum mußten alle boshafte Anschläge dieses verdorbenen Menschen in Erfüllung kommen, und warum alle guten Entwürfe der Seele, die du mir gabst, in diese traurige Gebürge verstoßen werden?

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Wie unstet macht die Eigenliebe den Gang unserer Tugend! Vor zween Tagen wollte mein Herz voll edler Entschlüsse geduldig auf dem dornichten Pfade meines unglücklichen Schicksals fortgehen, und meine Eigenliebe führt die Wiedererinnerung dazu, welche meine Blicke von dem Gegenwärtigen und Künftigen entfernt, und allein auf das unveränderliche Vergangene heftet. – Tugendlehre, Kenntnisse und Erfahrung sollen also an mir verloren sein, und ein niederträchtiger Feind soll die verdoppelte Gewalt haben, nicht nur mein äußerliches Ansehen von Glück wie ein Räuber ein Kleid von mir zu reißen, sondern meine Gesinnungen, die Übung meiner Pflichten, und die Liebe der Tugend selbst in meiner Seele zu zerstören?

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Glückliche, ja allerglücklichste Stunde meines Lebens, in der ich mein ganzes Herz wieder gefunden habe; in welcher die selige Empfindung wieder in mir erwachte, daß auch hier die väterliche Hand meines Schöpfers für die besten Güter meiner Seele gesorget hat! Er ist es, der meinen Verstand von dem Wahnsinne errettete, welcher in den ersten Wochen sich meiner bemeistern wollte; Er gab meinen rauhen Wirten Leutseligkeit und Mitleiden für mich; das reine moralische Gefühl meiner Seele erhebt sich allmählig über die Düsternheit meines Grams; die Heiterkeit des Himmels, der diese Einöde umgibt, gießt, ob ich ihn schon seufzend anblicke, ebenso viel Hoffnung und Friede in mein Herz als der zu Sternheim, Vaels und Summerhall. Diese aufgetürmten Berge reden mir von der allmächtigen Hand, welche sie schuf; überall ist die Erde mit den Zeugnissen seiner Weisheit und Güte erfüllt, und überall bin ich sein Geschöpf. Er wollte hier meine Eitelkeit begraben, und die letzten Probestunden meines Lebens sollen allein vor seinen Augen und vor dem Zeugnis meines Herzens verfließen! Vielleicht werden sie nicht lange dauern. Soll ich denn nicht suchen, sie mit dem Überrest von Tugend auszufüllen, deren Ausübung noch in meiner Gewalt geblieben ist! – Gedanke des Todes, wie wohltätig bist du, wenn du, von der Versicherung der Unsterblichkeit unserer Seele begleitet, zu uns kommst! Wie lebhaft erweckest du das Gefühl unserer Pflichten, und wie eifrig machst du unsern Willen Gutes zu tun? Dir danke ich die Überwindung meines Grams, und die erneuerten Kräfte der Tugend meiner Seele! Du machtest mich mit Lebhaftigkeit den Entschluß fassen, meine letzten Tage mit edlen Gesinnungen auszufüllen, und zu sehen, ob ich nicht auch hier Gutes tun kann.

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Ja, ich kann, ich will noch Gutes tun; oh, Geduld, du Tugend des Leidenden, nicht des Glücklichen, dem alle Wünsche gewähret sind, wohne bei mir, und leite mich zu ruhiger Befolgung der Ratschlüsse des Schicksals! – Mühsam und einzeln sammlet man die Wurzeln und Kräuter, welche unsere leiblichen Übel heilen. Ebenso besorgt sollte man die Hülfsmittel unserer moralischen Krankheiten suchen; sie finden sich oft, wie jene, am nächsten Fußsteige von unserem Aufenthalt. Aber wir sind gewohnt das Gute immer in der Ferne zu suchen, und das An-der-Hand-Liegende mit Verachtung zu übersehen. Ich machte es so; meine Wünsche und meine Klagen führten meine Empfindung weit von dem, was mich umgab; wie spät erkenne ich die Wohltat, eine ganze Rolle Papier mit mir gebracht zu haben, die mir bisher in den Sammlungsstunden meines Geistes so große Dienste getan hat. War es nicht Güte der Vorsicht, die mich auf meiner beschwerlichen Reise hieher vor aller Beleidigung schützte, und mir alles erhielt, was mir in den Zeiten meiner Ruhe nützen konnte?

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Emilia, heilige Freundschaft, geliebtes Andenken! dein Bild steigt aus dem Schutte meiner Glückseligkeit lächelnd empor. Tränen, viele Tränen kostest du mich. – Aber komm, diese Blätter sollen dir geweihet sein! Von Jugend auf ergossen sich meine geheimsten Empfindungen in dein treues zärtliches Herz; der Zufall kann diese Papiere erhalten, sie können dir noch zukommen, und du sollst darin sehen, daß mein Herz die Tugend des deinigen, und seine Güte für mich niemals vergessen hat. Vielleicht benetzt einst die Zähre deiner freundschaftlichen Liebe diese Überbleibsel deiner unglücklichen Sophie. Auf meinem Grabe wirst du sie nicht weinen können; denn ich werde das Schlachtopfer sein, welches die Bosheit des Derby hier verscharret; und da der Gedanke an Tod und Ewigkeit meine Klagen und Wünsche endiget, so will ich dir noch den jähen Absturz beschreiben, der mich in meine frühe Grube bringt. Ich konnte es nicht eher tun; ich wurde zu sehr erschüttert, so oft ich daran dachte.

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Halb leblos bin ich hier angelangt, und drei Wochen in einer Gemütsverfassung gewesen, die ich nicht beschreiben kann; was ich in dem zweiten und dritten Monat meines Aufenthalts war, zeigen die Stücke, die ich in meinen Erquickungsstunden schrieb. Urteilen Sie aber, Emilia, von der Zerrüttung meiner Empfindnisse, weil ich nicht beten konnte; ich rief auch den Tod nicht, aber, in dem vollen Gefühl des Übermaßes von Unglück, so mich betroffen, würde ich dem auf mich fallenden Blitz nicht ausgewichen sein. Ganze Tage war ich auf meinen Knien, nicht aus Unterwerfung, nicht um Gnade vom Himmel zu erflehen; Stolz, empörter Stolz war mit dem Gedanken des unverdienten Elends in meine Seele gekommen. Aber, o meine Emilia, dieser Gedanke vermehrte mein Übel, und verschloß jeder übenden Tugend meiner Umstände mein Herz; und übende Tugend allein kann den Balsam des Trosts in die Wunden der Seele träuflen. Ich empfand dieses das erstemal, als ich das arme fünfjährige Mädchen, die auf mich achthaben mußte, mit Rührung ansah, weil sie sich bemühte, meinen niedergesunknen Kopf mit ihren kleinen Händen aufzurichten; ich verstund ihre Sprache nicht, aber ihr Ton und der Ausdruck ihres Gesichts war Natur und Zärtlichkeit und Unschuld; ich schloß sie in meine Arme, und ergoß einen Strom von Tränen; es waren die ersten Trosttränen, die ich weinte, und in die Dankbarkeit meines Herzens gegen die Liebe dieses Geschöpfs mischte sich die Empfindung, daß Gott diesem armen Kinde die Gewalt gegeben hätte, mich die Süßigkeit des Mitleidens schmecken zu lassen. Von diesem Tage an rechne ich die Wiederherstellung meiner Seele. Ich fing nun an dankbar die kleinen Brosamen von Glückseligkeit aufzusammlen, die hier neben mir im Staube lagen. Meine erschöpften Kräfte, die Schmerzen, welche mir das Haberbrot verursachte, ließen mich meinen Tod nahe glauben; ich hatte keinen Zeugen meines Lebens mehr um mich; ich wollte meinem Schöpfer ein gelassenes, ihn liebendes Herz zurückgeben, und dieser Gedanke gab den tugendhaften Triebfedern meiner Seele ihre ganze Stärke wieder. Ich nahm meine kleine Wohltäterin zu mir in den armen abgesonderten Winkel, den ich in der Hütte besitze, ich teilte mein Lager mit ihr, und von ihr nahm ich die erste Unterweisung der armen Sprache, die hier geredet wird. Ich ging mit ihr in die Stube meiner Hauswirte; der Mann hatte lang in den Bleiminen gearbeitet, und ist nun aus Kränklichkeit unvermögend dazu geworden, bauet aber mit seiner Frau und Kindern ein kleines Stück Feld, das ihm der Graf Hopton nah an einem alten zerfallenen Schlosse gegeben, mit Haber und Hanf an; den Haber stoßen sie mit Steinen zum Gebrauch klein, und der Hanf muß sie kleiden. Es sind arme gutartige Leute, deren ganzer Reichtum wirklich in den wenigen Guineen besteht, welche sie für meine Verwahrung erhalten haben. Es freute sie, daß ich ruhiger wurde, und zu ihnen kam; jedes befliß sich, mir Unterricht in ihrer Sprache zu geben, und ich lernte in vierzehn Tagen so viel davon, um kurze Fragen zu machen, und zu beantworten. Die Leute wissen, wie weit sie mich außer dem Haus lassen dürfen, und der Mann führte mich an einem der letzten Herbsttage etwas weiter hinaus. Oh, wie arm ist hier die Natur! Man sieht, daß ihre Eingeweide bleiern sind. Mit tränenden Augen sah ich das rauhe magere Stück Feld, auf dem mein Haberbrot wächst, und den über mich fließenden Himmel an; die Erinnerung machte mich seufzen, aber ein Blick auf meinen abgezehrten Führer hieß mich zu mir selbst sagen: Ich habe mein Gutes in meiner Jugend reichlich genossen, und dieser gute Mann und seine Familie sind, solange sie leben, in Elend und Mangel gewesen; sie sind Geschöpfe des nämlichen göttlichen Urhebers, ihrem Körper fehlt keine Sehne, keine Muskel, die sie zum Genuß physikalischer Bedürfnisse nötig haben; da ist kein Unterschied unter uns; aber wie viele Teile der Fähigkeiten ihrer Seele schlafen, und sind untätig geblieben! Wie verborgen, wie unbegreiflich sind die Ursachen, die in unsrer körperlichen Einrichtung keinen Unterschied entstehen ließen, und im moralischen Wachstum und Handlen ganze Millionen Geschöpfe zurücklassen! Wie glücklich bin ich heute noch durch den erhaltenen Anbau meines Geistes und meiner Empfindung gegen Gott und Menschen! Wahres Glück, einzige Güter, die wir auf Erde sammlen und mit uns nehmen können, ich will aus Ungeduld euch nicht von mir stoßen; ich will die Gutherzigkeit meiner armen Wirte durch meine Freundlichkeit belohnen. – Eifrig lernte ich an ihrer Sprache fort, und erfuhr beim Nachforschen über ihre manchmalige Härte gegen das junge Mädchen, daß es nicht ihr Kind, sondern des Lords Derby wäre, daß die Mutter des Kindes bei ihnen gestorben sei, und der Lord nichts mehr zu dessen Unterhalt hergäbe. Ich mußte bei dieser Nachricht in meinen Winkel; ich empfand mit Schmerzen mein ganzes Unglück wieder. Die arme Mutter! Sie war schön wie ihr Kind, und jung, und gut; – bei ihrem Grabe wird das meinige sein. O Emilia, Emilia, wie kann, o wie kann ich diese Prüfung aushalten! Das gute Mädchen kam und nahm meine Hand, die über mein armes Bette hing, während mein Gesicht gegen die Wand gekehrt war. Ich hörte sie kommen; ihr Anrühren, ihre Stimme machte mich schauern, und widerwillig entriß ich ihr meine Hand. Derbys Tochter war mir verhaßt. Das arme Mädchen ging mit Weinen an den Fuß meines Lagers und wehklagte. Ich fühlte mein Unrecht, die unglückliche Unschuld leiden zu machen; ich gelobte mir, meinen Widerwillen zu unterdrücken, und dem Kinde meines Mörders Liebe zu erweisen. Wie froh war ich, da ich mich aufrichtete und sie rief. Auf ihre kleine Brust gelehnt legte ich das Gelübte ab, ihr Güte zu erweisen. Ich werde es nicht brechen, ich hab es zu teuer erkauft!

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O Derby! wie voll, wie voll machst du das Maß deiner Härte gegen mich! Heute kommt ein Bote, und bringt einen großen Pack Vorrat zur Tapezerei; niederträchtig spottet er: da mir bei Hofe die Zeit ohne Tapetenarbeit zu lang gewesen, so möchte es hier auch so sein; er schickte mir also Winterarbeit; im Frühjahre würde er es holen lassen. Es ist zu einem Kabinett; die Risse liegen dabei. – Ich will sie anfangen, ja ich will; er wird nach meinem Tode die Stücke kriegen; er soll die Überreste seiner an mir verübten Barbarei sehen, und sich erinnern, wie glücklich ich war, als er das erstemal meine Finger arbeiten sah; er wird auch denken müssen, in was für einen Abgrund von Elend er mich stürzte und darin zugrunde gehen machte.

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Niemals mehr, o Schicksal! niemals mehr will ich mich dem Murren meiner Eigenliebe überlassen! Wie verkehrt heißt sie uns urteilen! Ich klagte über das, was mein Vergnügen geworden ist. Meine Arbeit erheitert meine trüben Wintertage; meine Wirte sehen mir mit roher Entzückung zu, und ich gebe ihrer Tochter Unterweisung darin. Mit frohem Stolz sah das Mädchen um sich, als sie das erste Blättchen genäht hatte. Unglück und Mangel hat schon viele erfindsam gemacht; ich bin es auch worden. Ich weiß, daß der Graf von Hopton, dem die Bleiminen zugehören, einige Meilen von hier ein Haus hat, und daß er manchmal auf einige Tage hinkömmt. Auf der letzten Reise hatte er eine Schwester bei sich, die er sehr liebt, und die als Witwe oft bei ihm ist. Auf diese Dame baue ich Hoffnungen, die mit der Dauer meines Lebens wieder rege in mir sind. Ich habe meinen Wirten den Gedanken gegeben, ihre Tochter Maria in die Dienste dieser Dame zu bringen; ich versprach sie alles zu lehren, was dazu nötig sei. Schon lehre ich sie Englisch reden und schreiben; die Tapetenarbeit kann sie, und da mich der Mangel dazu trieb, aus den Spitzen meines Halstuchs noch zwo Hauben zu machen, so hat sie auch diese Kunst gelernet; vom übrigen gebe ich ihr Unterricht bei der Arbeit. Das Mädchen ist so geschickt zum Fassen und Urteilen, daß ich oft darüber erstaune. Diese soll mir den Weg zur Freiheit bahnen; denn durch sie hoffe ich der Lady Douglaß bekannt zu werden. O Schicksal, laß mir diese Hoffnung!

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Ich will meiner Emilia noch ein Nebenstück meines quälenden Schicksals erzählen. Sie wissen, wie reinlich ich immer in Wäsche war, und hier zog ich mich, ich weiß nicht wie lang, gar nicht aus; endlich kam mit meiner Überlegung das Mißvergnügen über den Kleidermangel, und beim Nachdenken war ich sehr froh, daß ich bei meiner Entführung ein ganz weißes Leinenkleid anhatte, welches ich gleich auszog, und der modischen Üppigkeit für die vielen Falten dankte, die sie darin gemacht hatte; denn ich konnte füglich drei Hemden daraus schneiden, und ein kurz Kleid daneben behalten; meine Schürze machte ich zu Halstüchern, und aus dem ersten Rock Schürzen, so daß ich mit ein wenig leichter Lauge meine Kleidung recht reinlich halten kann, und abzuwechseln weiß. Ich plätte sie mit einem warmen Stein. Die kleine Lidy hab ich auch nähen gelernt, und sie macht recht artige Stiche in meinem Tapetengrund. Meine Wirte säubern ihre Wohnung mir zulieb' alle Tage sehr ordentlich und mein gekochtes Haberbrot fängt an mir wohl zu bekommen. Die Bedürfnisse der Natur sind klein, meine Emilia; ich stehe satt von dem magern Tische auf, und meine Wirte hören mich mit Erstaunen von den übrigen Teilen der Welt erzählen. Ich habe die Bildnisse meiner Eltern noch; ich wies sie den Leuten, und erzählte ihnen von meiner Erziehung und ehemaligen Lebensart, was sie fassen konnten, und ihnen gut war. Ungekünstelte mitleidige Zähren träufelten aus ihren Augen, da ich von meinem genossenen Glücke sprach, und ihnen die Geduld erklärte, die wirklich in meinem Herzen ist. Ich rede wenig von Ihnen, meine Liebe! Ich bin nicht stark genug, oft an Ihren Verlust zu denken, an Ihren Kummer um mich zu denken. Könnte ich durch mein Leiden nur Ihres um mich, und meiner gütigen Lady ihres loskaufen, ich wollte mich bemühen nicht mehr zu sagen, daß ich leide; aber das Schicksal wußte, was mich am meisten quälen würde; es wußte, daß mich meine Unschuld und meine Grundsätze trösten und beruhigen würden, es wußte, daß ich Armut und Mangel ertragen lernen würde; daher gab es mir das Gefühl von dem Weh meiner Freunde, ein Gefühl, dessen Wunde unheilbar ist, weil es ein Vergehen wäre, wenn ich mich davon loszumachen suchte. – Wie glücklich machte mich dieses Gefühl ehemals, da ich im Besitz meiner Güter jeden belauschten Wunsch meiner Freunde befriedigen, und jeden bemerkten Schmerzen lindern konnte. Zwei Jahre sind es, daß ich glänzend unter den schimmernden Haufen trat, und Aussichten von Glück vor mir hatte, mich geliebt sah, und wählen oder verwerfen konnte. – O mein Herz, warum hütetest du dich so lange vor dieser Erinnerung! Niemals mehr getrautest du dir den Namen Seymour zu denken, nun fragst du, was würde er sagen? und weinst – – Vergessenheit! Oh! nimm diesen Teil weg, laß ihn nimmer in mein Gedächtnis kommen; – sein Herz kannte das meine für ihn niemals, und nun ist es zu spät! – Mein Papier, ach Emilia, mein Papier geht zu Ende; ich darf nun nicht mehr viel schreiben; der Winter ist lange; ich will den Überrest auf Erzählung meiner noch dunklen Hoffnungen erhalten. O mein Kind! einige Bogen Papier waren mein Glück, und ich darf es nicht mehr genießen! Ich will Cannevas sparen und Buchstaben hinein nähen.


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