Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Mylord Seymour an den Doktor B.

Ich bin seit vier Stunden von einem prächtigen und wohl ausgesonnenen Feste zurückgekommen; und da ich ungeachtet der heftigen Bewegungen, die meine Lebensgeister erlitten, keinen Schlaf finden kann, so will ich wenigstens die Ruhe suchen, welche eine Unterredung mit einem würdigen Freund einem bekümmerten Herzen gibt. Warum, o mein teurer Lehrmeister, konnte Ihre erfahrne Weisheit kein Mittel finden, meine Seele gegen die Heftigkeit guter Eindrücke zu bewaffnen, so wie Sie eins gefunden haben, mich gegen das Beispiel und die Aufmunterung der Bosheit zu bewahren. Ich will Ihnen die Ursache erzählen; so werden Sie selbst sehen, wie glücklich ich durch eine vernünftige Gleichgültigkeit geworden wäre.

Der erste Minister des Hofs gab dem Adel, oder vielmehr der Fürst gab unter dem Namen des Grafen F* dem Fräulein von Sternheim eine Fête auf dem Lande, welche die Nachahmung auf den höchsten Grad der Gleichheit führte, denn die Kleidungen, die Musik, der Platz, wo die Lustbarkeit gegeben wurde, alles bezeichnete das Landfest. Mitten auf einer Matte waren eigne Baurenhäuser und eine Tanzscheure erbaut. Der Gedanke und die Ausführung entzückte mich in den ersten zwo Stunden, da ich nichts als die Schönheit des Festes und die alles übertreffende Liebenswürdigkeit des Fräulein von Sternheim vor mir sah. Niemals, mein Freund, niemals wird das Bild der lautern Unschuld, der reinen Freude wieder so vollkommen erscheinen, als es diese zwo Stunden durch in der edeln schönen Figur der Sternheim abgezeichnet war! Verdammt sein die Künste, welche es an ihr auszulöschen wußten! Aber in einer Person von so vielem Geiste, von einer so vortrefflichen Erziehung, muß der Wille dabei gewesen sein; es war unmöglich sie zu berücken; unmöglich ist es auch, daß es allein die Würkung ihrer von Musik, Pracht und Geräusch empörten Sinnen gewesen sei. Ich weiß wohl, daß man bei diesen Umständen unvermerkt von der Bahn der moralischen Empfindungen abweicht und sie aus dem Gesichte verliert. Aber da sie die letzte Warnung ihres guten Genius verwarf, und wenige Minuten darauf der angestellten Unterredung mit dem Fürsten entgegeneilte, und sich dadurch die Geringschätzung des Elendesten unter uns zuzog; da hatte ich Mühe, den hohen Grad von Verachtung und Abscheu, die mich gegen sie einnahmen, zu verbergen. Ich muß Ihnen erklären, was ich unter dem letzten Wink ihres Genius verstehe. Es war eine Bilderbude da, wo die Damen Lotteriezettel zogen; sagen Sie, ob es wohl ein bloßes Ungefähr, oder nicht ein letzter Wink der Vorsicht war, daß das Fräulein von Sternheim die vom Apollo verfolgte Daphne bekam! Die Partie des Fürsten sah es nicht gerne; sie dachte, es würde ihre Widerspenstigkeit bestärken. Ihr gefiel es, sie wies es jedermann, und redete als eine gute Kennerin von der Zeichnung und Malerei. Meine Freude war nicht zu beschreiben; ich hielt die Besorgnisse der Hofleute gegründet, und die Freude des Fräuleins bekräftigte mich in der Idee, daß sie durch ihre Tugend eine neue fliehende Daphne sein würde. Aber wie schmerzhaft, wie niederträchtig hat mich nicht ihre Scheintugend betrogen, da sie sich gleich darauf dem Apollo in die Arme warf ! Ich sah sie mit ihrer ehrlosen Tante, und der Gräfin F* einige Zeit auf und abgehen; die zwo elenden Unterhändlerinnen schmeichelten ihr in die Wette. Endlich merkte ich, daß sie mit einer zärtlichen und sorgsamen Miene, bald die Gesellschaft, bald die Türe des Pfarrgartens ansah; und auf einmal mit dem leichtesten freudigsten Schritt durch die Zuseher drang und in den Garten eilte. Lang war sie nicht darin, aber ihr Hineingehen hatte schon Aufsehen erweckt. Wie vieles verursachte erst der Ausdruck von Zufriedenheit und Beschämung, mit welchem sie zurückkam; da der Fürst bald nach ihr heraus trat, der sein Vergnügen über sie nicht verbergen konnte, und seine Leidenschaft in vollem Feuer zeigte. Mit wie viel niederträchtiger Gefälligkeit bot sie ihm Sorbet an, schwatzte mit ihm, tanzte ihm zuliebe englisch, mit einem Eifer, den sie sonst nur für die Tugend zeigte. Und wie reizend, o Gott, wie reizend war sie! Wie unnachahmlich ihr Tanz; alle Grazien in ihr vereinigt, so wie es die Furien in meinem Herzen waren! Denn ich fühlte es von dem Gedanken zerrissen, daß ich, der ihre Tugend angebetet hatte, der sie zu meiner Gemahlin gewünscht, ein Zeuge sein mußte, wie sie Ehre und Unschuld aufgab, und im Angesicht des Himmels und der Menschen, ein triumphierendes Aussehen dabei hatte. Unbegreiflich ist mir eine Beobachtung über mein Herz in dieser Gelegenheit. Sie wissen, wie heftig ich einst eine unserer Schauspielerinnen liebte; ich wußte, daß ihre Gunst zu erkaufen war, und daß sie für ihr Herz ganz keine Achtung verdiente. Ich hatte auch keine, und dennoch dauerte meine Leidenschaft in ihrer ganzen Stärke fort. Itzt hingegen verachte, verfluche ich diese Sternheim und ihr Bild. Ihre Reize und meine Liebe liegen noch in dem Grunde meiner Seele; aber ich hasse beide, und mich selbst, daß ich zu schwach bin, sie zu vernichten.

Mein Oncle redete mir im Nachhausefahren zu, wie ein Mann dessen Leidenschaften schon lange gesättigt sind, und der, wenn er als Minister zu Vergnügung des Ehrgeizes seines Fürsten tausend Schlachtopfer für nichts achtet, natürlicherweise die Aufopferung der Tugend eines Mädchens zu Befriedigung der Leidenschaft eines Großen für eine sehr wenig bedeutende Kleinigkeit ansehen muß. O wäre sie ein gemeines Mädchen mit Papageien-Schönheit und Papageien-Verstand gewesen, so könnte ich es ansehen wie er! Aber die edelste Seele, und Kenntnisse zu besitzen, an die Verehrung der ganzen Welt Anspruch zu haben, und sich hinzuwerfen! Sie soll zur linken Hand vermählt worden sein. Elende lächerliche Larve, eine verstellte Tugend vor Schande sicher zu stellen! – Alle schmeichelten ihr; Sie, mein Freund, kennen mich genug, um zu wissen, ob ich es tat. Ich werde nicht an den Hof gehen, bis ich ruhiger bin; niemals liebte ich das Hofleben ganz, nun verabscheue ich es! Die Reisen meines Oncles will ich aushalten; aber meine Frau Mutter soll nicht fodern, daß ich Hofdienste nehme, oder mich verheirate; das Fräulein von Sternheim hat mich beidem auf ewig entsagen gemacht. Derby, der ruchlose Derby, verachtet sie auch, aber er hilft sie betäuben; denn er erzeigt ihr mehr Ehrerbietung als sonst; – der Bösewicht!


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