Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Plan der Hülfe für die Familie G. und die Jungfer Lehne

Meine liebe Wohltäterin hat mir aufgetragen, meine Gedanken der Hülfe für die Familie G. aufzuschreiben. Ich möchte mit diesen aus eigner Schuld elend gewordenen Leuten gerne umgehen wie der Arzt mit einem Kranken, der seine Gesundheit mutwillig verdorben hat; er tut alles, was zur Hülfe nötig ist, aber er verbindet seine Verordnungen zugleich mit Ausübung einer Diät, die er ihm durch Vorstellung der künftigen Gefahr und der vergangenen Leiden augenscheinlich notwendig macht ; durch eine langsame, aber anhaltende Kur hilft er ihm zu neuen Kräften, so, daß er endlich wieder ohne Arzt leben kann. Zu sehr stärkende Mittel gleich anfangs gebraucht, würden das Übel in dem Körper befestigen, und also für die Zukunft schädlich sein. Der Familie G. würde es mit großen Geschenken auch so ergehen; wir wollen ihr also mit Vorsicht zu Hülfe kommen, und die Wurzel des Übels zu heilen suchen.

Die wohltätige Güte der Madam Hills gibt anfangs die nötigen Kleider, Leinen und Hausgeräte. Von den ersten würden nur die allerunentbehrlichsten Stücke schon verfertigt gegeben; das übrige aber im Ganzen, damit die Frau und ihre Töchter es mit eigner Handarbeit zurechtemachen; und wenn sie damit fertig sind, so bekommen sie einen Vorrat an Flachs und Baumwolle, um selbige zu verarbeiten, und in Zukunft das Abgehende an Leinen- und baumwollenen Zeuge ersetzen zu können, und dieses ist die Sache der Mütter und Töchter.

Die Talente und den Stolz des Herrn G. will ich dahin zu bringen suchen, seinen zerfallenen Ruhm durch die Bemühung einer guten Kinderzucht wieder aufzubauen. Erziehung ist er seinen Kindern schuldig; das Vermögen hat er nicht, Lehrmeister zu bezahlen; wie edel wär' es, wenn er mit Fleiß und Vatertreue den Schaden des verschwendeten Vermögens ersetzte, und seinen Kindern Schreib- und Rechnungsunterricht gäbe! Für das Latein der Söhne erhalten Madam Hills zween Plätze, welche armen Schülern bestimmt sind; Herr G. hält aber die Lehr- und Wiederholungsstunden selbst mit ihnen; und gewiß würde man einem Mann, der seine väterliche Pflichten so getreu erfüllte, mit der Zeit ein Amt des Vaterlandes anvertrauen. Nun kömmt die Betrachtung, daß die beschuldigte Nachlässigkeit der Frau G. alles wieder zugrunde richten würde; diesem Übel hoffe ich durch die Jungfer Lehne zuvorzukommen.

Sie war die Jugendfreundin der Frau G., und hat von ihren Eltern Gutes genossen. Ich denke, sie würde es der Tochter gerne vergelten, wenn sie nicht selbst arm wäre; da sie aber einen vorzüglichen Reichtum an Geschicklichkeit besitzt, so könnte sie dadurch eine Wohltäterin ihrer Freundin werden, wenn sie das Amt einer Aufseherin über den Gebrauch der Wohltaten und der Lehrmeisterin bei den Töchtern der Frau G. verwalten wollte. Madam Hills tun der Jungfer Lehne Gutes, ich weiß, daß sie dankbar sein möchte, und wie kann sie es auf eine rühmlichere Art werden, als wenn sie ihrer eigenen Beschützerin die Hände reicht, um ihre unglückliche Freundin aus dem Verderben zu ziehen? Und mit wie vieler Achtung wird sie von den besten Einwohnern angesehen werden, wenn sie durch die Güte ihres Herzens die Grundlage der Wohlfahrt von drei unschuldigen Kindern befestigen und bauen hilft?

Wenn meine teure Frau Hills mit diesen Gedanken zufrieden sind, so will ich sie dem Herrn und der Frau G., wie auch der Jungfer Lehne vortragen; und, dann bitte ich, mir zu erlauben, auf zwo Wochen in dem Hause des Herrn G. zu wohnen, um ihnen zu zeigen daß diese Vorschriften zu der Verwendung ihres Lebens nicht hart und nicht unangenehm sind. Denn ich will durch gute Worte und Achtung den Mann an sein Haus und an seine Familie gewöhnen, und dann einige Tage die Stelle der Mutter, und wieder einige die Stelle der Jungfer Lehne bekleiden, und daneben die Herzen der Kinder zu guten Neigungen zu lenken, und ihre Fähigkeiten ausfindig zu machen suchen, um sie mit der Zeit nach ihrem besten Geschicke anzubauen. Aber in Kleidung, Essen, Hausgeräte sollen sie noch den Mangel fühlen, und durch dieses Gefühl zu Erkenntnis und Aufmerksamkeit kommen; bis sie durch Genügsamkeit, Fleiß und gute Gesinnungen wieder in die Klasse eintreten können, aus der sie durch Verschwendung und Sorglosigkeit gefallen sind. Vorwürfe werde ich ihnen nicht machen; aber ich werde ihnen durch Erzählung einiger Umstände meines Lebens die Zufälligkeit des Glücks beweisen, und den Kindern sagen, daß mir nichts als meine Erziehung übrig geblieben sei, welche mir die Freundschaft von Madam Hills, und die Gelegenheit gegeben hätte, ihnen Dienste zu leisten. Dann werde ich auch von dem Stolze reden können, der uns bloß führen soll, einen edlen Gebrauch von Glück und Unglück zu machen. Denn ich möchte nicht bloß ihren Körper ernährt und gekleidet sehen, sondern auch die schlechten Gesinnungen ihrer Seele gebessert, und ihren Verstand mit schicklichen Begriffen erfüllet wissen.


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