Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Mylord Derby an seinen Freund

Sie ist mein, unwiderruflich mein; nicht eine meiner Triebfedern hat ihren Zweck verfehlt. Aber ich hatte eine teuflische Gefälligkeit nötig, um bei ihr gewisse Gesinnungen zu unterhalten, und daneben zu hindern, daß andre keinen Gebrauch von ihrer Empfindlichkeit machten. Aber ihr guter Engel muß sie entweder verlassen haben, oder er ist ein phlegmatisches träges Geschöpfe; denn er tat auf allen Seiten nichts, gar nichts für sie. – Sagte ich Dir nicht, daß ich sie durch ihre Tugend fangen würde? Ich habe ihre Großmut erregt, da ich mich für sie aufopfern wollte; dafür war sie, um nicht meine Schuldnerin zu bleiben, so großmütig, und opferte sich auf. Solltest Du es glauben? Sie willigte in ein geheimes Bündnis; einige Bedingungen ausgenommen, die nur einer Schwärmerin, wie sie ist, einfallen konnten. Meine satirischen Briefe hatten ihr gesagt, daß ihr Oncle sie dem Interesse seines Prozesses habe aufopfern wollen; daß man sich um so weniger darüber bedacht hätte, weil man gesagt, die Mißheirat ihrer Mutter verdiene ohnehin nicht, daß man für sie die nämliche Achtung trüge als für eine Dame.

Nun war alles aufgebracht; Tugend, Eigenliebe, Eitelkeit; und ich bekam das ganze Paquet satirischer Briefe zu lesen. Sie schrieb einen Auszug aus den meinigen, und fragte mich: ob ich durch meine Beobachtungen über ihren Charakter genugsame Kenntnis ihres Herzens und Denkungsart hätte, um der Falschheit dieser Beschuldigungen überzeugt zu sein? Sie wisse, daß man in England einem Manne von Ehre keinen Vorwurf mache, wenn er nach seinem Herzen und nach Verdiensten heirate. Sie könne an meiner Edelmütigkeit nicht zweifeln, weil sie solche mich schon oft gegen andre ausüben sehen; sie hätte mich deswegen hochgeschätzt; und nun, da das Schicksal sie zu einem Gegenstande meiner Großmut gemacht habe, so trüge sie kein Bedenken, die Hülfe eines edeln Herzens anzunehmen; ich könnte auf ewig ihres zärtlichen Danks und ihrer Hochachtung versichert sein; sie ginge alle Bedenklichkeiten wegen der Bekanntmachung unsers Bündnisses ein; es wäre ihr selbst angenehm, wenn alles stille bleiben könnte, und wenn sie mich nichts als die Sorgen der Liebe kostete. Nur bäte sie mich um die Gewährung von vier Bedingnissen, davon die erste beschwerlich, aber unumgänglich nötig für ihre Ruhe sei, nämlich zu sorgen, daß ich mit ihr vermählt würde, ehe sie das Haus ihres Oncles verließe, indem sie nicht anders als an der Hand eines würdigen Gemahls daraus gehen wolle. Die zweite; daß ich ihr erlauben möchte, von den Einkünften ihrer Güter auf drei Jahre eine Vergabung zu machen. (Die gute Haustaube!) Drittens möchte ich sie gleich zu ihrem Oncle, dem Grafen R*, nach Florenz führen, denn diesem wolle sie ihre Vermählung sagen; ihre Verwandten in D* verdienten ihr Vertrauen nicht. Von Florenz aus wäre sie mein, und würde in ihrem übrigen Leben keinen andern Willen als den meinigen haben; übrigens und viertens möchte ich ihre Kammerjungfer bei ihr lassen.

Ich machte bei dem ersten Artikel die Einwendung der Unmöglichkeit, weil Lord G., oder der Fürst alles erfahren würden: wir wollten uns an einem andern sichern Orte trauen lassen. Aber da war die entscheidende Antwort; so bliebe sie da, und wollte ihr Verhängnis abwarten. – Nun rückte John an, und ich schrieb ihr in zween Tagen, daß ich unsern Gesandtschafts-Prediger gewonnen hätte, der uns trauen würde; sie möchte nur ihre Jungfer schicken, um abends selbst ihn zu sprechen. Dies geschah; das Mädchen brachte ihm einen in englischer Sprache geschriebenen Brief, worin meine Heldin die Ursachen einer geheimen Heirat auskramte und ihren Entschluß entschuldigte, sich seinem Gebet und seiner Fürsorge empfahl und einen schönen Ring beilegte.

John, der Teufel, hatte die Kleider des Doktors an, und seine Perucke auf; und redete gebrochen, aber sehr pathetisch deutsch. Das Kätzchen kroch sehr andächtig um ihn herum; ich gab ihr eine Verschreibung mit, die John unterzeichnete, und sagte ihr, daß das bevorstehende Fest den besten Anlaß geben würde unser Vorhaben auszuführen, weil man sie wegen ihrer andaurenden Kränklichkeit nicht einladen und nicht beobachten würde.

Alles geschah nach Wunsche; sie war froh über mein Papier und meine Gefälligkeit gegen ihre Vorschriften. Warum haben doch gute Leute so viel Schafmäßiges an sich, und warum werden die Weibsbilder nicht klug, ungeachtet der unzählichen Beispiele unserer Schelmereien, welche sie vor sich haben? Aber die Eitelkeit beherrscht sie unumschränkt, daß eine jede glaubt, sie hätte das Recht eine Ausnahme zu fodern, und sie sei so liebenswürdig, daß man unmöglich nur seinen Spaß mit ihr treiben könne. Da mögen sie nun die angewiesne natürliche Bestrafung ihrer Torheiten annehmen, indessen wir die Belohnung unsers Witzes genießen. Gewiß, da meine Sternheim keine Ausnahme macht, so gibt es keine in der Welt. Indessen ist ihr Verderben deswegen nicht beschlossen. Wenn sie mich liebt, wenn mir ihr Besitz alle die abwechselnden lebhaften Vergnügungen gibt, die ich mir verspreche; so soll sie Lady Derby sein, und mich zum Stammvater eines neuen närrisch genug gemischten Geschlechtes machen. Für mein erstes Kind ist es ein Glücke, daß seine Mutter eine so sanfte fromme Seele ist; denn wenn sie von dem nämlichen Geist angefeurt würde wie ich, so müßte der kleine Balg zum Besten der menschlichen Gesellschaft in den ersten Stunden erstickt werden; aber so gibt es eine schöne Mischung von Witz und Empfindungen, welche alle Junge von unsrer Art auszeichnen wird. Wie zum Henker komme ich zu diesem Stücke von Hausphysik! Freund, es sieht schlimm aus, wenn es fortdauert; doch ich will die Probe bis auf den letzten Grad durchgehen.

Mein Mädchen ließ sich noch Medizin machen, und packte daneben einen Koffer mit Weißzeug und etwas leichten Kleidern voll, den ich und John an einem Abend fortschleppten. Sie schrieb einen großen Brief im gigantischen Ton der hohen Tugend, worin sie sagt, daß sie mit einem würdigen Gemahl von der Gefahr und Bosheit fliehe; sie wies ihrem Oncle den dreijährigen Genuß aller ihrer Einkünfte an, um seinen Prozeß damit zu betreiben; sie hoffte, sagt sie, er würde dadurch mehr Segen für seine Kinder erlangen, als er durch die Grausamkeit erhalten, die er an ihr ausgeübt habe. Von Florenz werde er Nachricht von ihr erhalten. Ihre reichen Kleider schenkte sie in die Pfarre für Arme. Von dieser Art von Testamente schickte sie auch dem Fürsten und dem Lord G. Kopien zu.

Den Tag, wo das große Festin auf dem Lande gegeben wurde, waren meine Anstalten gemacht, ich war den ganzen Tag bei Hofe überall mit vermengt. Als das Getümmel recht arg wurde, schlich ich in meinen Wagen, und flog nach D*. John eilte mit mir in den kleinen Gartensaal des Grafen Löbau, wo ich in Wahrheit mit einem das erstemal pochenden Herzen das artige Mädchen erwartete. Sie wankte endlich am Arm ihres Kätzchens herein, niedlich gekleidet, und vom Haupt bis zu den Füßen mit Adel und rührender Grazie bewaffnet. Sie zagte einen Augenblick an der Türe, ich lief gegen ihr, sie machte einen Schritt, und ich kniete bei ihr mit einer wahren Bewegung von Zärtlichkeit. Sie gab mir ihre Hände, konnte aber nicht reden; Tränen fielen aus ihren Augen, die sich zu lächeln bemühten; ich konnte ihre Bestürzung genau nachahmen, denn ich fühlte mich ein wenig beklemmt, und John sagte mir nachher, daß es Zeit gewesen wäre, ihm das Zeichen zu geben, sonst würde er nichts mehr geantwortet haben, indem ihn seine Entschlossenheit beinahe verlassen habe.

Doch das waren leere Ausstoßungen unserer noch nicht genug verdauten jugendlichen Vorurteile.

Ich drückte die rechte Hand meines Mädchens an meine Brust.

»Ist sie mein, diese segensvolle Hand? Wollen Sie mich glücklich machen?« sagte ich mit dem zärtlichsten Tone.

Sie sagte ein stotterndes »Ja!« und zeigte mit ihrer linken Hand auf ihr Herz. John sah mein Zeichen und trat herbei, tat auf englisch eine kurze Anrede, plapperte die Trauformel her – segnete uns ein, und ich – hob meine halb ohnmächtige Sternheim triumphierend auf, drückte sie das erstemal in meine Arme, und küßte den schönsten Mund, den meine Lippen jemals berührten. Ich fühlte eine mir unbekannte Zärtlichkeit und sprach ihr Mut zu. Einige Minuten blieb sie in stillschweigendes Erstaunen verhüllt. Endlich legte sie mit einer bezaubernden Vertraulichkeit ihren schönen Kopf an meine Brust, erhob ihn wieder, drückte meine Hände an ihren Busen; und sagte:

»Mylord, ich habe nun niemand auf der Erde als Sie, und das Zeugnis meines Herzens. Der Himmel wird Sie für den Trost belohnen, den Sie mir geben, und dieses Herz wird Ihnen ewig danken.«

Ich umarmte sie und schwur ihr alles zu. Nachdem mußte sie mit ihrem Mädchen beiseite gehen und Mannskleider anziehen. Ich ließ sie allein dabei, weil ich meiner Leidenschaft nicht trauete, und die Zeit nicht verlieren durfte. Wir kamen unbemerkt aus dem Hause, und da wegen des Festes, welches man dem Prinzen von ** gab, viel Kutschen aus und einfuhren, achtete man die meinige nicht, in welcher ich meine Lady und ihr Mädchen fortschickte. John, der seine eigne Gestalt wieder angenommen, war ihr Begleiter. Ich redete ihren Ruheplatz in dem Dorfe Z* unweit B* mit ihm ab, und eilte zum Ball zurück, wo niemand meine Abwesenheit wahrgenommen hatte.Heureusement! Ich tanzte meine Reihen mit Fröhlichkeit durch, und lachte, als der Fürst dem Englischtanzen nicht zusehen wollte, indem ihn das Andenken der Sternheim quälte.

Das Gelärme, Mutmaßen und Nachschicken des zweiten Tages will ich Dir in einem andern Briefe beschreiben. Ich reise itzt auf acht Tage zu meiner Lady, die, wie mir John schreibt, sehr tiefsinnig ist und viel weint.

 

Sie sehen, meine Freundin, aus den Briefen des ruchlosen Lords Derby, was für abscheuliche Ränke gebraucht wurden, um die beste junge Dame an den Rand des größten Elendes zu führen. Sie können sich auch vorstellen, wie traurig ich die Zeit zugebracht habe, von dem Augenblick an, da sie vom Ball kam, krank war und dabei immer aus einer bekümmernden Unruhe des Gemüts in die andre gestürzt wurde. Da sie von keinem Menschen mehr Briefe bekam, vermuteten wir, der Fürst und der Graf Löbau ließen sie auffangen. Die Art, mit welcher ihr abgeschlagen wurde auf ihre Güter zu gehn, und ein Besuch des Fürsten beförderten die Absichten des Lord Derby. Unglücklicherweise betäubte mich der unmenschliche Mann auch, daß ich zu allem half, um meine Fräulein aus den Händen ihres Oncle zu ziehen. Sie sehen aus seinen Briefen, wie viel Arglist und Verstand er hatte. Daneben war er ein sehr schöner Mann; und mein Fräulein freuete sich, ihre Begierde nach England zu befriedigen.

O wie viel werden Sie noch zu lesen bekommen, worüber Sie erstaunen werden. Ich will so fleißig sein, als mir möglich ist, um Sie nicht lange darauf warten zu lassen.


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