Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

 << zurück weiter >> 

Einschaltung der Abschreiberin

Hier, meine Freundin, müssen Sie noch etwas von meiner Feder lesen, um eine Lücke auszufüllen, welche sich in den Papieren, wovon ich Ihnen die Auszüge mitteile, findet. Meine liebe Dame wurde nach dem Anschlag des gottlosen Lords in den Garten zu den Töchtern des Pfarrers gerufen, just, da sie eben ihren letzten Brief an meine Emilia endigte; sie steckte die ganze Rolle des Papiers zu sich, um zu verhindern, daß man nichts zum Nachteil des Lords finden möchte, ging gegen den Park zu, und da sie sich zwanzig Schritte weit an der Seite des Gartens gegen das Dorf umgesehen hatte, und niemand erblickte, ging sie zurück. Aber plötzlich zeigte sich im Park eine Weibsperson, die ihr winkte; sie eilte gegen ihr; diese Person eilte gleichfalls auf sie zu; und faßte sie an der Hand; im nämlichen Augenblicke kamen noch zwo vermummte Personen, warfen ihr eine dichte runde Kappe über den Kopf, und schleppten sie mit Gewalt fort. Ihr heftiges Sträuben, ihre Bemühung zu rufen war vergebens; man warf sie in eine Halbschäse, und jagte die ganze Nacht mit ihr fort. Essen und Trinken bot man ihr in einem Walde an; sie konnte aber und mochte nichts als ein Glas Wasser nehmen! Gleich jagte man wieder weiter; äußerst traurig und abgemattet saß sie neben einer Person in Weibskleidern, von welcher sie fest umfaßt gehalten wurde; sie bat einmal auf den Knien um Erbarmen, erhielt aber keine Antwort, und wurde endlich in der Hütte eines schottischen Bleiminenknechts auf ein elendes Bette gesetzt. Dies war alles, was sie von ihrer Entführung zu sagen wußte; denn sie war beinahe sinnlos. Ihr Tagbuch kann zum Beweis dienen, wie sehr ein heftiger Schmerz des Gemüts das edelste Herz zerritten kann. Aber eben dieses Tagbuch beweist, daß, sobald ihre Kräfte sich erholten, auch die vortrefflichen Grundsätze ihrer Erziehung wieder ihre volle Wirksamkeit erhielten.

Den Kummer, in welchen durch diesen Zufall die Lady Summers gesetzt wurde, und den Jammer meiner Emilia und den meinigen über die Nachricht von ihrem Unsichtbarwerden können Sie sich leichter selbst vorstellen, als ich ihn beschreiben könnte; zumal da alles mögliche, um auf ihre Spur zu kommen, vergebens angewandt wurde. Unvermeidliche Zufälle hielten meinen Schwager den Winter durch zurück selbst nach England zu gehen, um der Lady Summers seine Vermutungen gegen Lord Derby zu entdecken; und dieser Winter war der längste und traurigste, den jemals eine kleine Familie erlebt hat, welche durch das Unglück einer innigst geliebten Freundin elend gemacht wurde.


 << zurück weiter >>