Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Madam Hills an Herrn Prediger Br**

Erschrecken Sie nicht, lieber Herr Prediger, daß Sie anstatt eines Briefes von Madam Leidens einen von mir bekommen. Sie ist nicht krank, gewiß nicht; aber die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage verlassen, und wohnt in einem ganz fremden Hause, wo sie viel arbeitet, und – was mir leid tut – auch gar schlecht ißt; hören Sie nur, wie dies zuging! Oh, ein solcher Engel ist noch nie in eines Reichen, noch in eines Armen Hause gewesen! Ich kann das nicht so sagen, was ich denke, und schreiben kann ich gar nicht. Doch sehen Sie: Ihre Frau weiß, wie arm der Herr G. nach Verlust seines Amts mit Frau und Kindern geworden ist. Nun, ich gab immer was; aber ich konnte die Leute nicht dulden; jedermann sagte auch, daß er hochmütig und sie nachlässig wäre, und daß alles Gute an ihnen verloren sei. Dies machte mich böse, und ich redte davon mit der Jungfer Lehne, der ich auch Hülfe gebe; sie arbeitet aber auch; Madam Leidens war dabei, und fragte die Jungfer nach den Leuten; und sie erzählte ihr den ganzen Lebenslauf, weil sie von Kind auf beisammen gewesen waren. Den andern Tag besuchte Madam Leidens die Frau G., und kam sehr gerührt nach Hause. Beim Nachtessen sagte sie mir von den Leuten so viel Bewegliches, daß ich über sie weinte, und ihnen so gut wurde, daß ich gleich sagte: ich wollte Eltern und Kinder versorgen. Aber dies wollte sie nicht haben. Den folgenden Morgen aber brachte sie mir dies Papier. Sie müssen mir's wiedergeben, es soll bei meinem Testamente liegen mit meiner Unterschrift, und ein Lob auf Madam Leidens von meiner eigenen Hand, und noch etwas für Madam Leidens, das ich itzt nicht sage. Sie ging zu ihren Mädchen, und ließ mir das Papier. Ich habe mein Tage nichts klüger ausgedacht gesehen. Zween Fische mit einer Angel zu fangen, und die Leute klug und geschickt zu machen, nun dies versteht sie recht schön. Ich verwunderte mich, und weinte zweimal, weil ich es zweimal durchlesen mußte, um es recht zu fassen. Ich schrieb darunter: »Alles, alles bewilligt, und gleich auf Morgen«, – aber dies sagte ich ihr mündlich, und ich schrieb es auch auf das Papier, wenn ich's zum Testament lege, daß sie mich nicht ihre Wohltäterin nennen soll. Was gab ich ihr dann? – Ein bißchen Essen und ein Zimmerchen. – Aber warten Sie nur, ich will schon was aussinnen; sie soll nicht aus meinem Hause kommen, wie sie meint. Wenn ich nur noch den Bau meines Gesindhauses erlebe; da laß ich ihren Namen zu dem meinigen in Stein hauen, und da heiße ich sie meine angenommene Tochter, und da wird sich jeder wundern, daß sie mein Geld nicht für sich behalten, und einen andern hübschen Mann genommen habe, und da lobt man mich und sie zusammen, und dies gönn' ich ihr recht wohl. Sie muß mir auch arme Kinder aus der Taufe heben, damit es Kinder mit ihrem Namen hier gibt, und diese sollen, wie meine Ännchens, vorzüglich in mein Gesindhaus kommen.

Meine Brille machte mich müde; ich konnte heute früh nicht weiterschreiben und da mir die Zeit nach Madam Leidens lang war: so ging ich schnurgerad hin ins Haus der Frau G. Es reute mich, weil mir die Leute so viel dankten, und vielleicht geglaubt haben, ich wäre deswegen gekommen; und es geschah doch bloß, um meine Tochter zu sehen; denn ich sag Ihnen, wenn sie zurückkömmt, muß sie mich ihre Mutter nennen.

Ich ließ mein Aufwartmädchen die Türe ein wenig aufmachen, und es war gewiß schön in dem Zimmer durch die Leute darin, nicht durch die Möbeln, denn es sind keine schöne da: – Strohstühlchen und ein paar Tische. In einer Ecke war der Vater mit dem ältesten Sohne, der bei ihm schrieb und rechnete; im halben Zimmer der andre Tisch; Frau G. strickte; Jungfer Lehne saß zwischen den zwo kleinen Mädchen, und lehrte sie nähen; Madam Leidens hatte ein Bouquet italienische Blumen vor sich, die sie für Stühle zum Verkauf abzeichnet. Der jüngere Sohn und die älteste Tochter sahen ihr auf die Finger, und sie redte recht süß und freundlich mit ihnen. Ich mußte über sie weinen, und auch über die Kinder, die sie so lieb haben, und mir so dankten. Der wilde Mann wurde rot, wie er mir dankte, und die Frau lachte ganz leichtsinnig dabei; das tut aber nichts, ich will ihnen, wie es Madam Leidens veranstaltete, aufhelfen, bis sie ganz auf den Beinen sind; und Jungfer Lehne soll den ersten Platz der Lehrmeisterinnen für Kammerjungfern haben. Ich ließ zartes Abendbrot und gutes Obst holen; Sie können nicht glauben, wie die Kinder Freude daran hatten; aber Madam Leidens war nicht damit zufrieden. Sie fürchtet, die geringen Speisen, welche das wenige Vermögen zuläßt, möchten itzt den Kindern nicht mehr so lieb sein; sie sagt: sie wolle sie nicht durch den Magen belohnen, und itzt gebe ich nichts wieder; sie aß auch nur einen Apfel und ein Stück Hausbrot. Ich fragte sie darum, und sie sagte zu der Tochter: »Solche Äpfel können wir in unserm Garten ziehen, aber dies Brot kann nur eine Madam Hills backen lassen.« Da hatte ich's! Aber ich wurde nicht böse; sie hatte recht; sie will nicht, daß man Gewöhnliches-Brot-Essen für Unglück halte. – Nun sind acht Tage vorbei, daß sie bei den Leuten ist; künftige Woche kömmt sie wieder zu mir; und da wird sie Ihnen schreiben. Beten Sie für das liebe Kind, und für mein Leben. – Oh, niemals werde ich vergessen, daß Sie mir diese Person anvertrauten; ich war mein Tage nicht so fröhlich mit allem meinem Gelde, als ich es bin, seit ich sie bei mir habe! –


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