Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Madam Leidens an Emilia

Überfluß, ist, wenn Sie ihm die Gewalt der Wohltätigkeit nehmen, kein Glück, meine liebe Emilia; er zerstört den echten Gebrauch der Güter, er zerbricht in der Seele des Leichtsinnigen die Schranken unserer Begierden, schwächt das Vergnügen des Genusses, und setzt, wie ich erfahre, ein genügsames Herz und seine mäßigen Wünsche in eine Art unangenehmer Verlegenheit. – Sie wissen vermutlich nicht, meine Freundin, wo Sie die Ursache dieses Ausfalls auf einen Zustand, der von meinem dermaligen so weit entfernt ist, suchen sollen. Aber Sie wissen doch, daß mich alle Gegenstände auf eine besondere Art rühren, und werden sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß die Gesinnungen des Lord Rich der eigentliche Anlaß zu meiner unmutigen Betrachtung des Überflusses waren. Er verfolgt mich mit Liebe, mit Bewunderung, mit Vorschlägen, und (was mir Kummer macht) mit der Überzeugung, daß ich ihn glücklich machen würde. Oh, hätte ich denken können, daß die Sympathie unsers Geschmacks an den Vergnügungen und Beschäftigungen des Geistes in ihm die Idee hervorbringen würde, daß ich auch eine sympathetische Liebe empfinden müßte, so sollte er nicht die Hälfte der Gewalt gesehen haben, womit die Reize der Schöpfung auf meine Seele würken, und niemals hätte ich mich in Gespräche mit ihm eingelassen. Aber ich war um so ruhiger, da ich wußte, daß er ein niedliches Bild griechischer Schönheiten von der Insel Scio mit sich gebracht, und in seinem Hause hatte. Ich hielt lange Zeit sein Aufsuchen meiner Gesellschaft und das Ausfragen meiner Gedanken für nichts anders als für die Lust der Befriedigung seiner Lieblingsideen, weil ich, ohne die geringste Zerstreuung, mit ununterbrochener Aufmerksamkeit bald die Historie eines Landes, bald einer Pflanze, bald eines griechischen Ruins, bald eines Metalls, bald eines Steins anhörte, nicht müde wurde, und ihm also die Freude gab, seine Kenntnisse zu zeigen, und zu sehen, daß ich die edle Verwendung seines Reichtums und Lebens zu schätzen, und zu loben wußte. Sein Umgang war mir durch seine Wissenschaft und Erzählungen unendlich wert; sein Entschluß, nach zehnjährigen Reisen durch die allerentferntesten Gegenden des Weltkreises seine übrigen Tage in Anbauung eines Teils seiner mütterlichen Erde zuzubringen, machte mir ihn vorzüglich angenehm; dieses erfreute mich; aber seine Liebe ist der Überfluß davon, der mich belästigt und in Verlegenheit setzt. Er hat sich bei der Lady um mich erkundiget; ihre Antwort hat seinen Eifer nicht vermehrt, aber anhaltender gemacht; und ein einziges Wort von mir gegen die Lady brachte ihn zu dem Entschluß seine Griechin zu verheuraten, und mit ihrem Manne nach London zu schicken. Sie können nicht glauben, wie schwer meinem Herzen dieses vermeinte Opfer wiegt, da er, wegen leerer Hoffnungen des künftigen Vergnügens meiner Gesellschaft, die Ermunterung von ihm entfernt, welche der Besitz des reizenden Mädchens ihm gegeben hätte. Sein Sekretär liebte sie, sagt er, schon lang, und das Mädchen ihn auch; beide hätten ihn auf den Knien für ihre Vereinigung gedankt. Er fühlt aber das Leere, so ihre Abreise in seinem Herzen gelassen hat, denn er ist seitdem mit aufgehender Sonne in unserm Park, und beraubt mich der Morgenluft, weil ich ihn vermeiden will, da er eine Anfoderung von Ersatz an mich zu machen scheint. Niemals, nein, niemals mehr werde ich den Witz um Hülfe bitten, mich aus einer Verwirrung zu reißen. Die Lady Summers hatte mit mir über die angehende Liebe des Lords gescherzt; ich widersprach ihr lange in gleichem Ton, und behauptete, es wäre nichts als Selbstliebe, weil ich ihm so gerne zuhörte. Sie bestrafte mich ganz ernsthaft über diese Anklage: »Lord Rich verehret Ihre edle Wißbegierde, er sucht sie durch Mitteilung seiner Kenntnisse zu befriedigen, und seine Belohnung soll in dieser beißenden Beschuldigung bestehen?« – Ich war gerührt, weil ich nicht einmal das Ansehen einer Ungerechtigkeit dulden kann, und nun selbst eine ausübte; aber meine Lady fuhr ganz gütig fort, mir viele Beweise seiner zärtlichen Hochachtung zu wiederholen, die ich als wahre Kennzeichen der edelsten Neigung ansehen müßte; ich gestund auch, daß sie eine Rückgabe verdienten; aber da sie bei allem, was ich von meinen freundschaftlichen Gegengesinnungen sagte, immer den Kopf schüttelte, und mehr für den Lord foderte: so versicherte ich sie, daß es unmöglich sei, daß Lord Rich mehr von mir wünschen könnte, da er bei seiner schönen Griechin alles fände, was die Liebe beitragen könne, ihn glücklich zu machen. Sie schwieg freundlich, und ließ mich nicht merken, sie dächte das einzige Hindernis meiner Verbindung mit Lord Rich entdeckt zu haben. Dieser war auch einige Tage still von seiner Liebe und sehr munter, besonders an dem, wo er mit dem ruhigsten und ungezwungnesten Ton von der Heurat und Abreise seiner Assy redte. Ich war betroffen, und fürchtete mich vor dem Erbteil seines ganzen Herzens, welches ihm ihre Heurat rückfällig machte; er sagt mir nichts, die Lady aber desto mehr. »Warum, liebste Lady, wollen Sie Ihre angenommene Tochter von sich entfernen? Bin ich Ihnen unangenehm geworden?« sagte ich. Sie reichte mir die Hand, »nein, mein Kind, Sie sind mir unendlich wert, und ich werde die zärtlichste Besorgerin meines Alters gewiß vermissen; aber ich habe für den Herbst meines Lebens Früchte genug gesammlet, ohne nötig zu haben, Ihren Frühling seiner schönsten Blüte zu berauben. Sie sind jung, reizend, und fremde, was wollen Sie nach meinem Tode machen?« »Wenn ich dieses Unglück erlebe, so gehe ich zu meiner Emilia zurück.« –

»Liebe Leidens, bedenken Sie sich! Ein Frauenzimmer von Ihrer Geburt und Liebenswürdigkeit muß entweder bei nahen Verwandten, oder unter dem Schutz eines würdigen Mannes sein. Lord Rich hat Ihre ganze Hochachtung; der edle Mann verdient sie auch; Sie wissen, daß Sie ihn glücklich machen können; seine Freundschaft, sein Umgang ist Ihnen angenehm; Ihr Wille, Ihre Person ist frei; die edelsten Beweggründe leiten Sie zu dieser Verbindung; machen Sie Ihrer gefundenen Mutter die Freude, in Ihnen und dem Lord Rich die echten Bildnisse männlicher und weiblicher Tugend vereint zu sehen.«

So nahe drang die teure Lady in mich. Ich legte meinen Kopf auf ihre Hand, die ich küßte, und mit den zärtlichsten Tränen benetzte; es war in meiner Seele, als ob ich den Widerhall der Stimme meiner geliebten zärtlichen Mutter gehört hätte. Ach, diese Tugenden waren das Band ihrer Ehe! Wie ungleich hatte ich gewählt! Die Verdienste des Lord Rich konnten sich an die Seite der vortrefflichen Eigenschaften meines Vaters setzen; mein Glück wäre wie das ihrige gewesen; aber meine Verwicklung, meine unselige Verwicklung! – Oh, Emilia, schreiben Sie mir bald, recht bald Ihre Gedanken. – Aber ich kann nicht mehr lieben; ich kann mich nicht mehr verschenken; ja die zärtliche Achtung selbst, welche ich für den Lord Rich habe, empört sich wider diesen Gedanken; mein Schicksal hat mich durch die Hand der Bosheit in den Staub geworfen; die Menschenfreundlichkeit nahm mich auf; an diese allein habe ich Ansprüche; meine Leichtgläubigkeit hat mich aller übrigen beraubet, und ich will kein fremdes, kein unverdientes Gut an mich ziehen.


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