Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Mylord Derby an seinen Freund

Verwünscht seist Du mit Deinen Vorhersagungen; was hattest Du sie in meine Liebesgeschichte zu mengen? Meine Bezauberung würde nicht lange dauern, sagtest Du! Wie, zum Henker, konnte Dein Dummkopf dieses in Paris sehen, und ich hier so ganz verblendet sein? – Aber Kerl, Du hast doch nicht ganz recht! Du sprachst von Sättigung; diese hab ich nicht, und kann sie nicht haben, weil mir noch viel von der Idee des Genusses fehlt; und dennoch kann ich sie nicht mehr sehen! – Meine Sternheim, meine eigene Lady nicht mehr sehen! Sie, die ich fünf Monate lang bis zum Unsinn liebte! Aber ihr Verhängnis hat mein Vergnügen, und ihre Gesinnungen gegeneinandergestellt; mein Herz wankte zwischen beiden; sie hat die Macht der Gewohnheit mißkannt; sie hat die feurigen Umarmungen ihres Liebhabers bloß mit der matten Zärtlichkeit einer frostigen Ehefrau erwidert; kalte – mit Seufzern unterbrochene Küsse gab sie mir, sie, die so lebhaft mitleidend, sie, die so geschäftig, so brennend eifrig für Ideen, für Hirngespenster sein kann! Wie süß, wie anfesselnd hab ich mir ihre Liebe, und ihren Besitz vorgestellt! Wie begierig war ich auf die Stunde, die mich zu ihr führte! Pferde, Postknechte, und Bedienten hätte ich der Geschwindigkeit meiner Reise aufopfern wollen. Stolz auf ihre Eroberung, sah ich den Fürsten und seine Helfer mit Verachtung an. Mein Herz, mein Puls klopften vor Freude, als ich das Dorf erblickte, wo sie war, und beinah hätt' ich aus Ungeduld meine Pistole auf den Kerl losgefeuert, der meine Chaise nicht gleich aufmachen konnte. In fünf Schritten war ich die Treppe hinauf. Sie stand oben in englischer Kleidung, weiß, schön, majestätisch sah sie aus; mit Entzückung schloß ich sie in meine Arme. Sie bewillkommte mich stammelnd; wurde bald rot, bald blaß. Ihre Niedergeschlagenheit hätte mich glücklich gemacht, wenn sie nur einmal die Miene des Schmachtens der Liebe gehabt hätte; aber alle ihre Züge waren allein mit Angst und Zwang bezeichnet. Ich ging mich umzukleiden, kam bald wieder, und sah durch eine Türe sie auf der Bank sitzen, ihre beiden Arme um den Vorhang des Fensters geschlungen, alle Muskeln angestrengt, ihre Augen in die Höhe gehoben, ihre schöne Brust von starkem tiefen Atemholen langsam bewegt; kurz, das Bild der stummen Verzweiflung! Sage, was für Eindrücke mußte das auf mich machen? Was sollt' ich davon denken? Meine Ankunft konnte ihr neue, unbekannte Erwartungen geben; etwas bange mochte ihr werden; aber wenn sie Liebe für mich gehabt hätte, war wohl dieser starke Kampf natürlich? Schmerz und Zorn bemächtigten sich meiner; ich trat hinein; sie fuhr zusammen, und ließ ihre Arme, und ihren Kopf sinken; ich warf mich zu ihren Füßen, und faßte ihre Knie mit starren bebenden Händen.

»Lächeln Sie, Lady Sophie, lächeln Sie, wenn Sie mich nicht unsinnig machen wollen –« schrie ich ihr zu.

Ein Strom von Tränen floß aus ihren Augen. Meine Wut vergrößerte sich, aber sie legte ihre Arme um meinen Hals, und lehnte ihren schönen Kopf auf meine Stirne.

»Teurer Lord, oh, sein Sie nicht böse, wenn Sie mich noch empfindlich für meine unglückliche Umstände sehen; ich hoffe, durch Ihre Güte alles zu vergessen.

Ihr Hauch, die Bewegung ihrer Lippen, die ich, indem sie redte, auf meiner Wange fühlte, einige Zähren, die auf mein Gesicht fielen, löschten meinen Zorn, und gaben mir die zärtlichste, die glücklichste Empfindung, die ich in dreien Wochen mit ihr genoß. Ich umarmte, ich beruhigte sie, und sie gab sich Mühe den übrigen Abend, und beim Speisen zu lächeln. Manchmal deckte sie mir mit allem Zauber der jungfräulichen Schamhaftigkeit die Augen zu, wenn ihr meine Blicke zu glühend schienen. Reizende Kreatur, warum bliebst du nicht so gesinnt? Warum zeigtest du mir deine sympathetische Neigung zu Seymour.

Die übrigen Tage suchte ich munter zu sein. Ich hatte ihr eine Laute mitgebracht, und sie war gefällig genug, mir ein artiges welsches Liedchen zu singen, welches sie selbst gemacht hatte, und worin sie die Venus um ihren Gürtel bat, um das Herz, so sie liebte, auf ewig damit an sich zu ziehen. Die Gedanken waren schön und fein ausgedrückt, die Melodie rührend, und ihre Stimme so voll Affekt, daß ich ihr mit der süßesten und stärksten Leidenschaft zuhörte. Aber mein schöner Traum verflog durch die Beobachtung, daß sie bei den zärtlichsten Stellen, die sie am besten sang, nicht mich, sondern mit hängendem Kopfe die Erde ansah, und Seufzer ausstieß, welche gewiß nicht mich zum Gegenstande hatten. Ich fragte sie am Ende, ob sie dieses Lied heute zum erstenmale gesungen? »Nein«, sagte sie errötend; dieses veranlaßte noch einige Fragen, über die Zeit, da sie angefangen hätte, gut für mich zu denken, und über ihre Gesinnungen für Seymour. Aber verdammt sei die Freimütigkeit, mit welcher sie mir antwortete; denn damit hat sie alle Knoten losgemacht, die mich an sie banden. Hundert Kleinigkeiten, und selbst die Mühe, die es sie kostete, zärtlich und fröhlich zu sein, überzeugten mich, daß sie mich nicht liebte. Ein wenig Achtung für meinen Witz und für meine Freigebigkeit, die Freude nach England zu kommen, und kalter Dank, daß ich sie von ihren Verwandten, und dem Fürsten befreit hatte: dies war alles, was sie für mich empfand, alles, was sie in meine Arme brachte! Ja, sie war unvorsichtig genug, mir auf meine verliebte Bitte, die Eigenschaften zu nennen, die sie am meisten an mir lieben würde – nichts anders als ein Gemälde von Seymour vorzuzeichnen; und immer betrieb sie unsere Reise nach Florenz; deutliches Anzeigen, daß sie nicht für das Glück meiner Liebe, sondern für die Befriedigung ihres Ehrgeizes bedacht war! Denn sie vergiftete alle Tage ihres Besitzes durch diese Erinnerung, welcher sie alle mögliche Wendungen gab, sogar, daß sie mich versicherte, sie würde mich erst in Florenz lieben können. Sie vergiftete, sagt' ich Dir, mein Glück, aber auch zugleich mein Herz, welches närrisch genug war, sich zuweilen meine falsche Heurat gereuen zu lassen, und sehr oft ihre Partie wider mich ergriff. In der dritten Woche fraß das Übel um sich. Ich hatte ihr englische Schriften gegeben, die mit den feurigsten und lebendigsten Gemälden der Wollust angefüllt waren. Ich hoffte, daß einige Funken davon die entzündbare Seite ihrer Einbildungskraft treffen sollten: aber ihre widersinnige Tugend verbrannte meine Bücher, ohne ihr mehr zu erlauben, als sie durchzublättern, und zu verdammen. Der Verlust der Bücher, und meiner Hoffnung brachte einen kleinen Ausfall von Unmut hervor, den sie mit gelassener Tapferkeit aushielt. Zween Tage hernach kam ich an ihren Nachttisch, just wie ihre schönen Haare gekämmt wurden; ihre Kleidung war von weißen Musselin, mit roten Taft, nett an den Leib angepaßt, dessen ganze Bildung das vollkommenste Ebenmaß der griechischen Schönheit ist; wie reizend sie aussah! Ich nahm ihre Locken, und wand sie unter ihrem rechten Arme um ihre Hüften. Miltons Bild der Eva kam mir in den Sinn. Ich schickte ihr Kammermensch weg, und bat sie, sich auf einen Augenblick zu entkleiden, um mich so glücklich zu machen, in ihr den Abdruck des ersten Meisterstücks der Natur zu bewundern.Welche Zumutung, Mylord Derby? Konnten Sie ihre Zeit nicht besser nehmen.    H. Schamröte überzog ihr ganzes Gesicht; aber sie versagte mir meine Bitte geradezu; ich drang in sie, und sie sträubte sich so lange, bis Ungeduld und Begierde mir eingaben ihre Kleidung vom Hals an durchzureißen, um auch wider ihren Willen zu meinem Endzweck zu gelangen. Solltest Du glauben, wie sie sich bei einer in unsern Umständen so wenig bedeutenden Freiheit gebärdete? – »Mylord«, rief sie aus, »Sie zerreißen mein Herz, und meine Liebe für Sie; niemals werd ich Ihnen diesen Mangel feiner Empfindungen vergeben! O Gott, wie verblendet war ich!« – Bittere Tränen, und heftiges Zurückstoßen meiner Arme, begleiteten diese Ausrufungen. Ich sagte ihr trocken: ich wäre sicher, daß sie dem Lord Seymour diese Unempfindlichkeit für sein Vergnügen nicht gezeigt haben würde. »Und ich bin sicher«, sagte sie im hohem tragischen Ton, »daß Mylord Seymour mich einer edlern, und feinern Liebe wert gehalten hätte.«

Hast Du jemals die Narrenkappe einer sonderbaren Tugend mit wunderlichern Schellen behangen gesehen, als daß ein Weib ihre vollkommenste Reize nicht gesehen, nicht bewundert haben will? Und wie albern, eigensinnig war der Unterschied, den sie zwischen meinen Augen, und meinem Gefühl machte? Ich wollt' es nachmittags von ihr selbst erklärt wissen, aber sie konnte mit allem Nachsinnen nichts anders sagen, als daß sie bei Entdeckung der besten moralischen Eigenschaften ihrer Seele die nämliche Widerstrebung äußern würde, ungeachtet sie mir gestund, daß sie mit Vergnügen bemerkte, wenn man von ihrem Geist, und von ihrer Figur vorteilhaft urteile; dennoch wolle sie lieber dieses Vergnügen entbehren, als es durch ihre eigene Bemühung erlangen.In der Tat löset diese Antwort das Rätsel gar nicht auf. Mylord Derby ersparte ihr ja diese eigene Bemühung. – Warum wurde sie dennoch so ungehalten? Warum sagte sie, er zerreiße ihr Herz, da er doch nur ihr Deshabille zerriß? – Vermutlich, weil sie ihn nicht liebte, nicht zu einer solchen Szene durch die gehörige Gradation vorbereitet, und überhaupt in einer Gemütsverfassung war, welche einen zu starken Absatz von der seinigen machte, um sich zur Gefälligkeit für einen Einfall, in welchem mehr Mutwillen als Zärtlichkeit zu sein schien, herabzulassen.    H. Denkst Du wohl, daß ich mit diesem verkehrten Kopfe vergnügt sollte leben können? Dieses Gemische von Verstand und Narrheit hat ihr ganzes Wesen durchdrungen, und gießt Trägheit und Unlust über alle Bewegungen meiner muntern Fibern aus. Sie ist nicht mehr die Kreatur, die ich liebte; ich bin also auch nicht mehr verbunden, das zu bleiben, was ich ihr damals zu sein schien. – Sie selbst hat mir den Weg gebahnt, auf welchem ich ihren Fesseln entfliehen werde. Der Tod meines Bruders stimmt ohnehin die Saiten meiner Leier auf einen andern Ton; ich muß vielleicht bald nach England zurücke, und dann kann Seymour sein Glücke bei meiner Witwe versuchen; denn ich denke, sie wird's bald sein; und bloß ihrem eigenen Betragen wird sie dies zu danken haben. Da sie sich für meine Ehefrau hält, war es nicht ihre Pflicht, sich in allem nach meinem Sinne zu schicken? Hat sie diese Pflicht nicht gänzlich aus den Augen gesetzt? Liebt sie nicht sogar einen andern? Und ist es also nicht billig und recht, daß der Betrug, den ihr Ehrgeiz an mir begangen, auch durch mich an ihrem Ehrgeiz gerächet werde? Freudig seh ich um mich her, wenn ich bedenke, das ich das auserwählte Werkzeug war, durch welches die Niederträchtigkeit ihres Oheims, die Lüsternheit des Fürsten, und die Dummheit der übrigen Helfer gestraft wurde! Es ist ja ein angenommener Lehrsatz; daß die Vorsicht sich der Bösewichter bediene, um die Vergehungen der Frommen zu ahnden. Ich war also nichts als die Maschine, durch welche das Weglaufen der Sternheim gebüßt werden sollte; dazu wurde mir auch das nötige Pfund von Gaben und Geschicklichkeit gegeben. Meine Belohnung hab ich genossen. Sie mögen sich nun samt und sonders ihre erhaltene Züchtigung zunutz machen!

Wisse übrigens, daß ich würklich der Vertraute von Seymourn geworden bin. Auf einem Dorfe saß er, und beheulte den Verlust der Tugend des Mädchens, während, daß ich es in aller Stille auf der andern Seite unter Dach brachte, und ihn belachte. Er wollte von mir wissen, wer wohl der Gemahl, mit dem sie, nach ihrem Briefe, entflohen wäre, sein könnte? Er hat Kuriere nach Florenz abgeschickt; aber ich hab ein Mittel gefunden, seinen Nachspürungen Einhalt zu tun, da ich in dem letzten Billet, das mir die Sternheim nach D. geschrieben hatte, alle Worte abriß, die mich hätten verraten können, und das übrige Stück unter die Papiere des Sekretärs John warf, über dessen Ausbleiben man stutzig wurde, und sein Zimmer auf mein Anraten aussuchte. Bei diesem Stück Papier wurden dann die Vermutungen auf ihn festgesetzt, und er für den Erlöser erklärt, den sich das feine Mädchen erwählt habe. Eine Sache, die man als den Beweis ansah, daß lauter bürgerliche Begriffe und Neigungen in ihrer Seele herrschen; und ein Text, worüber nun die adelichen Mütter ihren Töchtern gegen die Heuraten außer Stand jahrelang predigen werden. Seymours Liebe versinkt in Unmut und Verachtung; er nennt ihren Namen nicht mehr, und schickt keine Kuriere mehr fort – ich aber erwarte einen aus England, und dann wirst du erfahren, ob ich zu dir komme oder nicht.


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