Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Madam Leidens an Emilien aus Spaa

Sagen Sie mir, meine Freundin, woher kommt die Gewalt, mit welcher Ihr Mann über meine Seele herrschet? Erst führte er mich in den geschäftigen Kreis, den ich bei Madam Hills durchlief; dann brachte er mich, ungeachtet meines Widerstandes, nach Spaa, macht mich den vierten Tag mit Lady Summers bekannt, und nun, meine Liebe, bin ich durch seine Hände an die Lady gebunden, und ich werde mit ihr nach England gehen.

Sie wissen von ihm, daß unsere Reise glücklich war; daß der Reichtum der Madam Hills uns vier sehr bequeme Zimmer verschaffte, und uns ein Ansehen gibt, so wir nicht einmal suchten. – Er ging gleich den ersten Abend zur Lady; den zweiten Tag wies er mir sie auf dem Spaziergang. Ihre Gestalt ist edel, obgleich sehr schwächlich; ihre Gesichtsbildung lauter Leutseligkeit; ihr schönes großes Auge voller Empfindung, und alle ihre Bewegungen Würde voller Anmut. Sie grüßte und betrachtete uns zwei Frauenzimmer mit Aufmerksamkeit, ohne uns etwas zu sagen, ob sie schon den Herrn B. von uns wegrief. Den folgenden Tag nahm sie ihn auch von unsrer Seite weg zum Mittagsessen, und sagte nur auf englisch zu mir: »Diesen Abend sollen Sie meine Gesellschaft sein.« Als ich mich verbeugt hatte, und antworten wollte, war sie schon weit weg. Aber ich würde auch gestottert haben, denn Sie können nicht glauben, was für einen Schmerzen der Seele ich bei dem wahren Akzent der englischen Sprache fühlte; schnell wie die Würkung des Blitzes fühlte ich ihn, und ebenso schnell drangen sich traurige Erinnerungen und Bilder in meine Seele. Gut war es, Emilia, daß die Lady mich nicht gleich mit sich begehrte, meine Verlegenheit war zu sichtbar. Abends speisete Madam Hills und Herr B. mit mir bei der Lady; sie war sehr gütig, aber mit untersuchenden Blicken war ihr Auge bei allem, was ich vornahm und redete. Sie lobte Madam Hills wegen der Stiftung des Gesindhauses, und setzte hinzu, daß sie ihrem Beispiel folgen, und auch eins in England errichten wollte. Herr B., welcher der Madam Hills dieses übersetzte, machte der guten Frau viel Freude damit, und ihr redliches Herz lächelte durch tränende Augen, da sie schnell meine Hand nahm und zu Herrn B. sagte: er möchte die Lady unterrichten: daß sie nur ein überflüssiges Geld, ich aber die Erfindung dazu gegeben hätte. Ich errötete außerordentlich dabei, und die Lady streichelte meine Wange, indem sie sagte: »Das ist gut, meine Tochter, wahre Tugend muß bescheiden sein.«

Die Achtsamkeit, welche ich hatte, Madam Hills zu unterhalten, und ihr alles zu übersetzen, wovon die Lady mit mir oder Herrn B. in gleichgültigen Dingen redte, erhielt auch den ganzen Beifall der Lady.

»Sie muß noch gute Tage erleben«, sagte sie, »weil ihre Tugend das Alter glücklich zu machen sucht.«

Diese Anweisung auf meine künftige Tage bewegte mein Innerstes, und unmöglich war's meine Augen trocken zu erhalten. Die Lady sah es, und neigte sich gegen mich mit festem zärtlichem Blick.

»Arme, gute Jugend«, sagte sie, »ich weiß eine Hand, die alle deine künftige Zähren abwischen wird.«

Ich verbeugte mich und sah Herrn B. an; er antwortete mir mit munterm Nicken; die Lady winkte ihm. »Heute nichts«, sagte sie; »aber morgen sollen Sie alles versichern.«

Und dieser Morgen war vor sechs Tagen, wo mein Herz zwischen Vorschlägen und Entschließungen wankte, und endlich auf dem Gedanken befestigt wurde, dieses Jahr bei der Lady auf ihrem Landhause zuzubringen, und künftige Wasserszeit wieder mit ihr zurückzukommen.

Nach London würde ich nicht gegangen sein; Gott bewahre mich vor der Gelegenheit Engländer, die ich schon kenne, zu sehen! Aber keiner von diesen wird eine alte Frau in ihrem einsamen Wohnorte suchen, und ich kann ruhig meine lange Begierde stillen, dieses Land zu sehen, und nach der Familie Watson mich zu erkundigen. Herr B. hat der Madam Hills eine Pflicht daraus gemacht: mich nicht aufzuhalten, weil ich ein Gesindhaus einrichten solle, und hat sie am meisten durch den Gedanken beruhiget: daß es in England heißen werde, es sei nach dem Plan des ihrigen und durch ihr edles Beispiel erbauet worden.

Meine Lady, Emilia – Oh! diese ist ein Engel, der lange Jahre unter den Menschen wandelte, um den süßen Balsam der edelsten Freundschaft in fühlbare Seelen zu gießen. Meine Seele lebt wieder ganz auf.


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