Sophie von La Roche
Geschichte des Fräuleins von Sternheim
Sophie von La Roche

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Mylord Derby an seinen Freund in Paris

Bald werde ich Deinen albernen Erzählungen ein Ende machen, die ich bisher nur deswegen geduldet, weil ich sehen wollte, wie weit Du deine Prahlerei in dem Angesichte deines Meisters treiben würdest. Auch solltest Du heute die Geißel meiner Satire fühlen, wenn ich nicht im Sinne hätte, Dir den Entwurf einer deutsch-galanten Historie zu zeigen, zu deren Ausführung ich mich fertigmache. Was wollen die Pariser Eroberungen sagen, die Du nur durch Gold erhältst? Dann was würde sonst eine Französin mit Deinem breiten Gesicht und hagern Figürchen machen; die Eroberungen der Herren Mylords in Paris, was sind die? Eine Kokette, eine Aktrice, beide artig, einnehmend; aber sie waren es schon für so viele Leute, daß man ein Tor sein muß, sich darüber zu beloben. War ich nicht auch da, meine schönen Herren? Und weiß ich nicht ganz sicher, daß die wohlerzogne Tochter eines angesehenen Hauses und die geistvolle achtungswerte Frau gar nicht die Bekanntschaften sind, die man uns machen läßt? Also prahle mir nicht mehr, mein guter B*, denn von Siegen wie die eurige, ist kein Triumphlied zu singen. Aber ein den Göttern gewidmetes Meisterstück der Natur und der Kunst zu erbeuten, den Argus der Klugheit und Tugend einzuschläfern, Staatsminister zu betrügen, alle weithergesuchte Vorbereitungen eines gefährlichen und geliebten Nebenbuhlers zu zernichten, ohne daß man die Hand gewahr wird, welche an der Zerstörung arbeitet; dies verdient angemerkt zu werden!

Du weißt, daß ich der Liebe niemals keine andre Gewalt als über meine Sinnen gelassen habe, deren feinstes und lebhaftestes Vergnügen sie ist. Daher war die Wahl meiner Augen immer fein, daher meine Gegenstände immer abgewechselt. Alle Klassen von Schönheiten haben mir gefrönet; ich wurde ihrer satt, und suchte nun auch die Häßlichkeit zu meiner Sklavin zu machen; nach dieser mußten mir Talente und Charakter unterwürfig werden. Wie viel Anmerkungen könnten nicht die Philosophen und Moralisten über die feinen Netze und Schlingen machen, in denen ich die Tugend, oder den Stolz, die Weisheit, oder den Kaltsinn, die Koketterie, und selbst die Frömmigkeit der ganzen weiblichen Welt gefangen habe. Ich dachte schon mit Salomo, daß für mich nichts Neues mehr unter der Sonne wäre. Aber Amor lachte meiner Eitelkeit. Er führte aus einem elenden Landwinkel die Tochter eines Obersten herbei, deren Figur, Geist und Charakter so neu und reizend ist, daß meinen vorigen Unternehmungen die Krone fehlte, wenn sie mir entwischen sollte. Wachsam muß ich sein; Seymour liebt sie, läßt sich aber durch Mylord G. leiten, weil diese Rose für den Fürsten bestimmt ist, bei dem sie einen Prozeß für ihren Oheim gewinnen soll. Der Sohn des Grafen F. bietet sich zur Vermählung mit ihr an, um den Mantel zu machen; wenn sie ihn aber liebt, so will er die Anschläge des Grafen Löbau und seines Vaters zunichte machen; der schlechte Pinsel! Er soll sie nicht haben. Seymour mit seiner schwermütigen Zärtlichkeit, die auf den Triumph ihrer Tugend wartet, auch nicht; und der Fürst – der ist sie nicht wert! Für mich soll sie geblüht haben, das ist festgesetzt; allem meinem Verstand ist aufgeboten, ihre schwache Seite zu finden. Empfindlich ist sie; ich hab es ihren Blicken angesehen, die sie manchmal auf Seymouren wirft, wenn es gleich ich bin, der mit ihr redet. Freimütig ist sie auch; dann sie sagte mir, es dünkte sie, daß es meinem Herzen an Güte fehle. »Halten Sie Mylord Seymour für besser als mich?« fragte ich sie. Sie errötete, und sagte, er wäre es. Damit hat sie mir eine wütende Eifersucht gegeben, aber zugleich den Weg zu ihrem Herzen gezeigt. Ich bin zu einer beschwerlichen Verstellung gezwungen, da ich meinen Charakter zu einer Harmonie mit dem ihrigen stimmen muß. Aber es wird eine Zeit kommen, wo ich sie nach dem meinigen bilden werde. Dann mit ihr werd ich diese Mühe nehmen, und gewiß, sie soll neue Entdeckungen in dem Lande des Vergnügens machen, wenn ihr aufgeklärter und feiner Geist alle seine Fähigkeiten dazu anwenden wird. Aber das Lob ihrer Annehmlichkeiten und Talenten rührt sie nicht; die allgemeinen Kennzeichen einer eingeflößten Leidenschaft sind ihr auch gleichgültig. Hoheit des Geistes und Güte der Seele scheinen in einem seltenen Grad in ihr verbunden zu sein; so wie in ihrer Person alle Reize der vortrefflichsten Bildung mit dem ernsthaften Wesen, welches große Grundsätze geben, vereinigt sind. Jede Bewegung, die sie macht, der bloße Ton ihrer Stimme, lockt die Liebe zu ihr; und ein Blick, ein einziger ungekünstelter Blick ihrer Augen, scheint sie zu verscheuchen; so eine reine unbefleckte Seele wird man in ihr gewahr. – Halt einmal: Wie komme ich zu diesem Geschwätz? – So lauteten die Briefe des armen Seymour, da er in die schöne Y** verliebt war: Sollte mich diese Landjungfer auch zum Schwärmer machen? So weit es zu meinen Absichten dient, mag es sein; aber, beim Jupiter, sie soll mich schadlos halten! Ich habe Mylord G**s zweiten Sekretär gewonnen! Der Kerl ist ein halber Teufel. Er hatte die Theologie studiert, aber sie wegen der strengen Strafe, die er über eine Büberei leiden müssen, verlassen; und seitdem sucht er sich an allen frommen Leuten zu rächen. »Es ist gut, wenn man ihren Stolz demütigen kann«, sagte er; durch ihn will ich Mylord Seymouren ausforschen. Er kann den letzten wegen der Moral, die er immer predigt, nicht ausstehen. Du siehst, daß der Theologe eine starke Verwandlung erlitten hat; aber so einen Kerl brauche ich itzt, weil ich selbst nicht frei agieren kann; heute nichts mehr, man unterbricht mich.


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