Jakob Wassermann
Das Gänsemännchen
Jakob Wassermann

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4

Jason Philipp Schimmelweis hatte das Haus an der Museumsbrücke verlassen müssen. Die Miete war zu teuer geworden, und die Geschäfte gingen schlecht. Der Zufall wollte, daß in dem Haus am Kornmarkt, von welchem er vor zwanzig Jahren seinen Aufstieg genommen, eine billige Wohnung frei war, und er zog dort ein.

Verstand Jason Philipp seine Zeit nicht mehr? War er zu alt, zu stumpf, um dem Publikum die literarische Nahrung mundgerecht zu machen? Waren seine Anpreisungen ohne Kraft, die Reizmittel, die er ersann, ohne Würze? Niemand wollte mehr Prachtwerke und Lexika auf Raten bei ihm kaufen, auch die reichen alten Herren, die nach zweideutiger Lektüre lüstern waren, kamen nicht mehr. Jason Philipp war ein säumiger Zahler geworden, die Verleger schickten ihm keine Kommissionsexemplare, er kam auf die schwarze Liste.

Und er schimpfte über die neueren Schriftsteller und sagte, es sei kein Wunder, daß das Bücherschreiben von lauter nichtswürdigen Subjekten ausgeübt werde, da ja die ganze Nation am Gehirnschwund leide.

Es half aber kein Räsonieren, der Zusammenbruch war nicht aufzuhalten. Ein Mann namens Rindskopf kaufte die Lagerbestände zu Makulaturpreisen, und die Firma Schimmelweis hatte aufgehört, zu sein.

In seiner Bedrängnis hatte Jason Philipp bei der liberalen Partei Unterstützung gesucht. Er pochte auf die Freundschaft, die ihn mit dem vormaligen Führer, dem Freiherrn von Auffenberg, verbunden hatte. Da kam er übel an. Ein Renegat beruft sich auf den andern, hieß es; natürlich, gleich und gleich gesellt sich gern.

Dann ging er den Freimaurern um den Bart und wollte in die Loge eintreten. Doch gab man ihm zu verstehen, daß man einigen Grund habe, der Reinheit seiner Gesinnung zu mißtrauen und daß seine Bemühungen deshalb vergeblich seien.

Eine Zeitlang wurde es ihm schwer, das tägliche Brot aufzubringen. Die Agentenstelle bei der Prudentia hatte er schon längst gekündigt. Seit einer Interpellation im Reichstag und einem großen Prozeß, der kurz hernach gegen die Gesellschaft anhängig gemacht worden war, und den sie verloren hatte, war es mit dem Ansehen des klug ersonnenen Brandschatzungs-Unternehmens vorbei.

Jason Philipp hatte keine andere Wahl: er mußte wieder zur Buchbinderei seine Zuflucht nehmen. Er mußte wieder leimen, schneiden und falzen. Von wo er als ehrgeiziger, plänereicher, selbstsicherer, streitbarer Mann ausgegangen war, dorthin kehrte er am Abend seines Lebens arm und verbittert zurück. Nichts hatte gefruchtet, Beredsamkeit nicht, Pfiffigkeit nicht, Wechsel der Überzeugung nicht, Einsicht in die wirtschaftlichen Konjunkturen nicht und Spekulation nicht. Er hatte niemals an eine gerechte Weltordnung geglaubt, weder als Sozialist noch als ehrenfester Bürger, jetzt schien sie ihm nicht einmal passend für einen Merkspruch in einer Kinderfibel.

Willibald war nach wie vor ein braver Handlungskommis; Markus bekam einen Posten in einem Möbelgeschäft und lernte Volapük, denn er verfocht die Ansicht, daß sich alle Völker der Erde binnen kurzem nur noch dieser verbrüdernden Sprache bedienen würden.

Therese siedelte so ruhig in das Haus am Kornmarkt über, als sei sie schon seit Jahren mit dem Gedanken vertraut. Es befand sich dort ein Erkerfenster, an diesem saß sie, wenn die Arbeit in der Küche getan war, und strickte Strümpfe für ihre Söhne. Bisweilen kratzte sie mit der Nadel ihren grauen Kopf, bisweilen griff sie nach einem Schälchen ungezuckerten, kalten Kaffees, das stets neben ihr stand. Ihr Blick war der trübste Menschenblick, den man wahrnehmen konnte, ihre Hand die schwieligste, runzligste Bauernhand, die je eine Städterin gehabt.

Ununterbrochen mußte sie an das viele Geld denken, das in den zwei Dezennien, die sie am Ladentisch in der Plobenhofgasse verbracht hatte, durch ihre Hand gegangen war.

Sie malte sich aus, wohin das viele Geld gerollt sein konnte, wem es jetzt diente, wen es jetzt quälte. Denn sie war nun seiner ledig, und sie freute sich in ihrem Innern, daß sie seiner ledig war.

Eines Tages trat Jason Philipp aus seinem Arbeitsraum in die Stube, eine Zeitung in der Hand, und rief mit strahlender Miene: »Endlich, meine Liebe, endlich! Ich bin gerächt. Jason Philipp Schimmelweis war doch ein guter Prophet. Nun, was meinst du?« fuhr er fort, als ihn Therese ohne sonderliche Neugier anschaute, »was meinst du? Rate mal. Ich lass' was draufgehen, wenn du's errätst. Aber du errätst es ja nicht, das kann kein Weiberschädel fassen.« Er stieg auf einen Stuhl, hielt die Zeitung wie eine Fahne in die Höhe und jubelte: »Mit Bismarck ist's aus! Er wird gegangen! Der Kaiser hat ihn geschaßt! Nun kann kommen, was will, ich habe nicht umsonst gelebt.«

Jason Philipp hatte das Gefühl, als sei es hauptsächlich seinem Wirken zuzuschreiben, daß dem großen Kanzler die Zügel der Regierung entrissen worden waren. Seine Befriedigung äußerte sich auch weiterhin auf eine ebenso geräuschvolle wie seinem Alter unangemessene Weise. Er fiel die Bekannten auf der Gasse an und forderte Gratulationen von ihnen. Er spendierte in seinem Stammwirtshaus ein Faß Bier und legte in einer mit allerlei Sarkasmen und volkstümlichen Wendungen gespickten Rede die Gründe dar, weshalb er diesen Tag als den glücklichsten seines Lebens betrachte.

Er sprach: »Erwiese mir das Schicksal die Gunst, vor diesem Schädling, diesem gewissenlosen Tyrannen einmal Mann gegen Mann zu stehen, wahrhaftig, ich nähme mir kein Blatt vors Maul, und er sollte Dinge von mir zu hören kriegen, die ihm noch kein Sterblicher gesagt hat.«

Mehrere Monate vergingen, und eines Tages unternahm der mit seinem Geschick hadernde Bismarck von seinem Sitz im Sachsenwald eine Reise nach München. Eine gewaltige Erregung machte sich in Nürnberg bemerkbar, als es hieß, der eiserne Kanzler werde um die und die Stunde den Bahnhof passieren.

Alles wollte ihn sehen, jung und alt, vornehm und gering, schon in der Morgenfrühe drängte sich das Volk in dichten Scharen durchs Königstor.

Bei diesem Schauspiel durfte Jason Philipp nicht fehlen. »Einen Tiger, dem die Krallen abgeschnitten und die Zähne ausgebrochen worden sind, zu beaugapfeln, ist ein Vergnügen, das sich meiner Mutter Sohn nicht entgehen läßt,« sagte er.

Seine Ellenbogenkraft leistete ihm nützliche Dienste, und als der Zug in die Halle fuhr, stand unser Rebell in der vordersten Reihe der zu einer undurchdringlichen Masse zusammengekeilten Menschen.

Der Zug hatte einige Minuten Aufenthalt, und unter dem betäubenden Hurrageschrei des Volkes verließ der Fürst seinen Wagen. Er drückte dem Bürgermeister die Hand und begrüßte einige hohe Offiziere.

Jason Philipp rührte sich nicht. Es fiel ihm nicht ein, Hurra zu rufen. Nein, es fiel ihm nicht ein. Ein säuerlich höhnisches Lächeln umspielte seinen Mund, und sein schon weißer Bart zuckte, wenn er die Lippenwinkel in satanischer Genugtuung auseinanderzog. Es fiel ihm nicht ein, den Hut zu ziehen, trotzdem in seiner Nähe ein unheildrohendes Murren vernehmbar wurde. Ich bin konsequent, mein lieber Bismarck, dachte er; ich, Jason Philipp Schimmelweis, bin unbestechlich.

Doch schien ihm die Genugtuung, die wir als satanisch bezeichneten, nicht ganz begründet, da sie in einem zu schroffen Gegensatz zu dem rings um ihn herrschenden Enthusiasmus stand. Was war in den dummen Pöbel gefahren? Was raste er? Sah den Feind vor sich, den Henker, sah ihn unschädlich, im bürgerlichen Kleid, und gebärdete sich, als sei der Messias aus dem Extrazug gestiegen!

Da dünkte es Jason Philipp, wie wenn die Blicke des Fürsten sich geradeaus gegen ihn richteten, wie wenn der furchtbar große Mann mit dem seltsam kleinen Kopf und den ungeheuerlich blauen Augen Anstoß an seinem Schweigen genommen, wie wenn er von seiner Gesinnung irgendwie Kunde erhalten hätte.

Das säuerlich höhnische Lächeln erstarb in Jason Philipps Gesicht, er verspürte eine laue Unkraft, Angstschweiß perlte auf seiner Stirn, unwillkürlich drückte er die Knie durch und die Brust heraus, riß den Hut herunter, öffnete den Mund und schrie: »Hurra!«

Er schrie Hurra. Der Blick des Fürsten wandte sich wieder von ihm ab.

Aber Jason Philipp hatte Hurra geschrien.

Er schlich beschämt nach Hause. Er zog die Pantoffeln an die Füße (»dem Müden zum Trost«); sie waren schon recht zerfranst, die Pantoffeln, sie hatten gelitten im Lebenskampf; er streckte sich auf dem Sofa aus, das Gesicht zur Wand, den Rücken gegen das Fenster, gegen die Welt gekehrt.


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