Jakob Wassermann
Das Gänsemännchen
Jakob Wassermann

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2

Der Baron Siegmund von Auffenberg war von München zurückgekehrt, wo er eine Konferenz mit dem Minister gehabt hatte.

Er hatte außerdem mit vielen andern Leuten gesprochen und sich beständig herablassend, jovial und witzig gezeigt, denn seine Liebenswürdigkeit im Umgang war beinahe sprichwörtlich.

Jetzt saß er mit düsterem Gesicht am Kamin, und keiner von denen, die noch vor wenigen Stunden durch seine Plauderkunst entzückt worden waren, hätte ihn so wiedererkannt.

Die Stille und Einsamkeit peinigte ihn. Eine Gewalt, der er nicht mehr widerstreben konnte, zog ihn zu seiner Frau. Seit sieben Wochen hatte er sie nicht einmal gesehen, obwohl er in demselben Haus lebte wie sie.

Es zog ihn hin, weil er wissen wollte, ob sie eine Nachricht erhalten hatte von ihm, dessen Namen er nicht denken mochte, von dem Sohn, dem Feind, dem Erben. Nicht als ob er hätte fragen wollen; in ihr Gesicht wollte er schauen und darin lesen. Da niemand in seiner Umgebung von Eberhard zu sprechen wagte, war er auf Vermutungen angewiesen und auf die Feinheit seines Spürsinns. Er durfte die Begierde nicht merken lassen, mit der er darauf lauerte, daß ihm endlich einer den Untergang des Verhaßten ankündigen würde.

Sechs Jahre waren verflossen und noch immer vernahm er die freche Stimme, von der er das Ungeheuerliche hatte hören müssen, das ihn aus der Dämmerung seiner Selbstgenügsamkeit und Selbstfreude gerissen hatte; das Wort, welches keine Seelennot in der Heimlichkeit seines Schlafzimmers ihm entgegengeworfen und das ihm alle Genüsse des Daseins für alle Zeiten verbittert hatte.

»Depêche-toi, mon bon garçon,« schnarrte nebenan der Papagei.

Der Baron erhob sich und schritt zu den Gemächern seiner Frau. Die Baronin erschrak, als sie ihn eintreten sah. Sie lag auf einem Polstersessel, das Haupt von Kissen gestützt, über den Beinen eine schwere, indische Decke.

Sie hatte ein breites, aufgeschwemmtes Gesicht mit dicken Lippen und außerordentlich großen schwarzen Augen von krankhaftem Glanz. In ihrer Jugend hatte sie für schön gegolten, aber von dieser Schönheit war nichts mehr übrig als eine gewisse Frische der Haut und die würdevolle Haltung der geborenen Weltdame.

Sie schickte ihre Zofe hinaus und schaute ihren Gatten schweigend an. Als sie die jesuitisch freundlichen Falten in seinem Gesicht bemerkte, vermittelst welcher er dessen wahres Gepräge verbarg, steigerte sich die Angst in ihrem Blick.

»Du hast heute noch gar nicht musiziert,« begann er mit süßer Stimme; »da ist einem zumut, als fehle dem Haus etwas. Du sollst dich ja sehr vervollkommnet haben, höre ich; du sollst dir einen neuen künstlerischen Beirat zugelegt haben. Emilie hat es mir erzählt.«

Emilie war die an den Rittmeister Graf Urlich verheiratete Tochter des Ehepaars.

In den Augen der Freifrau war ein Ausdruck wie bei einem angeketteten Tier, dem man sich mit dem Schlachtbeil nähert. Die schmiegsame Glätte des Mannes, von dem sie seit fünfundzwanzig Jahren nur Brutalität und Hohn hinzunehmen gehabt, und der ihr die schlimmste Erniedrigung nicht erspart hatte, wenn kein Lauscher nah gewesen, war ihr qualvoll.

»Was willst du von mir, Siegmund?« stieß sie zitternd hervor.

Der Baron trat dicht vor sie hin, kniff die Lippen zusammen und schaute sie mit einem furchtbaren Blick zehn bis zwölf Sekunden lang fest an.

Da packte sie mit ihren beiden Händen seinen linken Arm. »Was ist mit Eberhard?« schrie sie. »Du weißt etwas von ihm! Sag mir alles!«

Der Baron schüttelte ihre Hände mit einer Bewegung des Widerwillens ab und wandte sich kalt zum Gehen.

»O du,« stammelte die Frau, sinnlos vor Schmerz und zum erstenmal im Leben entschlossen, ihm zu sagen, was in tausend Stunden des Schreckens und der Bedrängnis ihr Herz verbrannt hatte, »du Unmensch, warum denn hat dich das Schicksal auf meinen Weg geführt! Wo in der Welt ist noch ein Weib, dem ein solches Los beschieden ist! Die ohne Freude, ohne Liebe, ohne Achtung, ohne Freiheit und ohne Ruhe sich hinschleppt, den Menschen eine Last und sich selber am meisten! Die in Sammet und Seide geht und sich täglich den Tod wünscht; die von allen für glücklich gehalten wird, weil der Teufel, der sie martert, alle mit seiner Falschheit betrügt; die ihrer Kinder beraubt worden ist, schmählich beraubt; denn ist nicht meine Tochter die Gefangene und Konkubine eines halbwahnsinnigen Strebers, und mein Sohn, ist er mir nicht genommen worden durch die Niedertracht, die man gegen seine Schwester geübt hat und durch das jämmerliche Schauspiel, das ihm meine Schwäche bot? Wo gibt es, großer Gott, noch ein solches Leben auf der weiten Erde!«

Sie warf sich auf die Brust und wühlte das Gesicht in die Polster.

Der Freiherr war überrascht von der fieberhaften Beredsamkeit einer Frau, an deren stumme Geduld er sich so gewöhnt hatte wie an das gleichmäßige Pendeln einer Wanduhr. Er war gespannt, wie sich die ihm neue Erscheinung weiter entwickeln würde, und deshalb blieb er an der Türe stehen.

Aber während er kühl und abwartend dastand und sein hageres Gesicht Hohn und Verwunderung ausdrückte, verspürte er plötzlich einen peinigenden Überdruß vor seiner eigenen Person. Es war der Überdruß eines Mannes, dessen Wünsche stets erfüllt, dessen Gelüste stets befriedigt worden waren; der die Menschen nur als hab- und zwecksüchtige Bittsteller kannte, der der Herr seiner Freunde, der Tyrann seiner Diener, der Mittelpunkt jeder Geselligkeit gewesen war, vor dem alles zurückwich, alles sich beugte, alles nickte, alles gefügig wurde und der nichts entbehrt hatte als das Gefühl der Entbehrung.

»Ich verkenne nicht,« fing er langsam zu sprechen an, als hielte er eine Rede vor seinen Wählern, »ich verkenne nicht, daß unsere Ehe keine segensreichen Früchte getragen hat. Es bedarf deiner Deklamationen nicht, um mich davon zu überzeugen. Wir heirateten, weil die Umstände günstig waren. Wir hatten Ursache, den Entschluß zu bereuen. Lohnt es sich, die Ursache zu untersuchen? Ich bin ein Mensch ohne sentimentale Bedürfnisse. Ich bin es in einem solchen Grad, daß mir bei andern jede Rührung, jeder Überschwang, jede Unhärte eine tödliche Abneigung einflößt. Schlimm genug, daß die politische Laufbahn mich nötigte, in dieser Beziehung dem allgemeinen Hang der Masse entgegenzukommen. Ich heuchelte mit vollem Bewußtsein, um so mehr war ich in meinem Privatleben bemüht, alle Gefühle zu verbergen.«

»Es ist leicht, etwas zu verbergen, was man nicht besitzt,« kam es bitter von den Lippen der Freifrau.

»Möglich; es zeugt aber von wenig Takt, wenn der Reiche den Armen durch Verschwendung beständig aufreizt. Und das hast du getan. Du hast auf einen Besitz, über dessen Wert ich nicht streiten will, einen Nachdruck gelegt, der meine Verachtung herausforderte. Es war dir ein Vergnügen, zu weinen, wenn ein Sperling von einer Katze gefressen wurde. Ein ordinärer Zeitungsroman konnte dein geistiges Gleichgewicht zerstören. Du warst immer aufgelöst, immer in Ekstase, gleichviel, ob es sich um das erste Veilchen, um ein Gewitter, um einen verdorbenen Braten, um eine Halsentzündung oder um ein Gedicht handelte. Du hattest immer große Worte im Mund, und ich war der großen Worte müde. Du merktest nicht, wie mein Mißtrauen gegen alle Äußerungen dieser sogenannten Gefühle in Kälte, in Ungeduld und in Haß überging. Dann kam die Musik. Was dir anfangs eine Zerstreuung gewesen war, die man billigen konnte oder nicht, wurde allmählich die Entschädigung für ein tätiges Leben und für alle Mängel deines Charakters. Du hast dich der Musik hingegeben wie eine Dirne, die den ersten anständigen Liebhaber findet,« – die Freifrau zuckte, als hätte ein Peitschenhieb ihren Rücken getroffen, – »ja, wie eine Dirne, wie eine Dirne,« wiederholte er bleich, mit funkelnden Augen; »da zeigte sich deine ganze Verwahrlosung und Haltlosigkeit, dein wurmhaftes Kleben an unbestimmten Zuständen und deine Unfähigkeit zur Disziplin. Bin ich ein Teufel für dich geworden, so hat mich deine Musik dazu gemacht; nur deine Musik. Jetzt weißt du es.«

»Das also,« flüsterte die Freifrau mit stockendem Atem. »Hast du mir denn etwas anderes übrig gelassen als die Musik? Hast du nicht wie ein Tiger in meinem Leben gehaust? Aber es ist ja nicht wahr,« schrie sie auf, »so schlecht bist du nicht, sonst würde ich selbst zur Lüge vor dem ewigen Richter, und daß ich Kinder von dir empfangen habe, wäre wider die Natur. Geh hinaus, damit ich noch glauben kann, es ist nicht wahr.«

Der Baron rührte sich nicht.

In namenloser Erregung und so schnell als es ihr verfetteter Körper erlaubte, richtete sich die Freifrau empor. »Ich kenne dich besser,« sagte sie mit bebenden Lippen; »ich ahne, was dich umhertreibt, ich spüre, was dich nicht ruhen läßt. Du bist nicht der, der du zu sein vorgibst, du bist nicht der kalte Unempfindliche. In deiner Brust ist eine Stelle, wo du zu treffen gewesen bist, und dort bist du getroffen worden. Dort blutest du, Mann! Und wenn wir alle, ich und deine Tochter und deine Brüder und deine Freunde und deine feigen Kreaturen, wenn wir dir auch so gleichgültig und so lästig wie Fliegen sind, einer hat dich verwunden können und das nagt an dir. Und weißt du, warum er dich verwunden konnte? Weil du ihn geliebt hast. Sieh mich an und leugne. Du hast ihn geliebt, deinen Sohn, du hast ihn vergöttert, und daß er deine Liebe fortgeworfen hat, daß sie ihm nichts wert war, diese Liebe, die auf den zertrümmerten Existenzen seiner Mutter und seiner Schwester blühte, das ist das Leiden, das an deine Stirn geschrieben ist. Und daß du leidest, daran leidest, das ist meine Rache.«

Der Baron antwortete mit keiner Silbe, mit keinem Blick. Sein Unterkiefer schob sich leer kauend von links nach rechts; das Gesicht schien einzutrocknen und plötzlich um Jahre älter zu werden. Die aus ihren Hinterhalten gescheuchte Frau stand noch immer wie eine entflammte Sibylle da, als er sich schweigend umdrehte und das Zimmer verließ.

»Es ist ihre Rache, daß ich leide,« murmelte er draußen wie geistesabwesend vor sich hin. »Leide ich wirklich?« fragte er sich.

Er schraubte eine Gasflamme ab, die über einer Konsole brannte. Ja, ich leide, bekannte er widerwillig, ich leide. Mit schlürfenden Schritten ging er an der Wand entlang und kam in einen Raum, in welchem es hell war. Denselben Überdruß, den ihm vorhin seine Person eingeflößt, empfand er nun beim Anblick der geschnitzten Sessel, der bemalten Porzellane, der kostbaren Tapeten und der goldgerahmten Ölgemälde.

Er trug Verlangen nach einfacheren Dingen. Ihn verlangte nach kahlen Mauern, nach einem Strohlager, nach trockenem Brot, nach Kargheit und Strenge. Es war nicht zum erstenmal, daß sein erschöpfter Organismus in dem Gedanken einer klösterlichen Abgeschiedenheit Trost suchte. Längst war dieser Protestant, Nachkomme eines uralten Geschlechts von Protestanten, des protestantischen Wesens müde und betrachtete die römische Kirche als die heilsamere und begnadetere.

Aber der Wandel der Gesinnung war sein sorgfältig behütetes Geheimnis und mußte Geheimnis bleiben, bis er, der Zuchtlose, der Sohn seiner Mutter, den begangenen Frevel gesühnt haben würde. Darauf zu harren, war sein Entschluß, und wie ein Hypnotiseur durch innere Sammlung das Medium unterwirft, wähnte er, den Eintritt dieses Ereignisses beschleunigen zu können, wenn er ihm eine ausschließliche Herrschaft über seinen Geist einräumte.


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