Jeremias Gotthelf
Die Käserei in der Vehfreude
Jeremias Gotthelf

 << zurück weiter >> 

Also Peterli, statt etwa hundert oder mehr Gulden, die er hätte haben können, sollte noch zehn Kreuzer herausgeben. Es waren die Meisten mehr oder weniger getäuscht, und namentlich durch den Rückstand von Eglihannes. Man rechne: zwischen vierzig bis fünfzig Zentner Käs, der Zentner, wenn nicht à dreizehn, so doch an zwölf Taler, und manches Pfund Butter und manche Maß Nidle verbraucht, was mancher Mann nicht wußte; aber herausgeben mußte doch Keiner, das Unglück des Einen machte alles andere gut, die Übrigen mit ihrem Los ganz zufrieden. So geht es in der wüsten Welt, das Unglück der Einen ist der beste Trost der Andern. Einer machte den Antrag, Peterli die zehn Kreuzer zu schenken; einer wollte ihm eine Leibwache mitschicken, den Senn und den Eglihannes, oder Eisi herunterkommen lassen, damit es die Rechnung prüfe und gutheiße, wollte ihm den bekannten Jungen als Boten schicken, kurz man trieb es arg, und darob ward der Handel mit Eglihannes vergessen. Als ihn der Ammann wieder aufnehmen wollte, waren schon Viele weg; diese hatten nicht erwarten können, die Geschichte mit Eisi heimzubringen, sie wußten, die war noch willkommener als das Geld. Der Handel mußte auf eine andere Käsgemeinde aufgeschoben werden. Sie sollten nur machen, was sie könnten, drohte Eglihannes; er sei auch noch da und fürchte die Bauern von zehn Dörfern nicht. Es sei Keiner, der nicht Dreck am Stecken und sich in acht zu nehmen habe, daß man ihn nicht stinkend mache.

»So hat mans mit diesem Volk«, sagte der Ammann, »es macht, was ihm gefällt, und am Ende sollte man es noch fürchten!« »Warum hört man doch auf solche Leute und gibt ihnen dazu noch dSach i dHänd?« fragte man. »Einmal ich stimmte ihm nicht und werde ihm nie stimmen, so dumm bin ich nicht«, »und ich nicht«, »und ich nicht«, schrie man, und am Ende hatten alle nicht dazu gestimmt und alle vorausgewußt, wie es gehen werde, und der Teufel wußte, woher Eglihannes die Stimmen gekommen waren. Aber nach einigen Tagen oder Monaten, je nachdem, hätten alle ihm wieder gestimmt und nach einigen Tagen oder Wochen behauptet, sie hätten es nie über das Gewissen gebracht, einem solchen Menschen zu stimmen, wo man ja besser innen und außen kenne als des Vaters Werktagskutte. So ist der Mensch, und namentlich seit die Welt und die Schulmeister radikal geworden.

Als nun keine Versammlung mehr erhältlich war, so meinte einer:»He nu so de, su gange ih is Wirtshus u ha e Schoppe; für zehn Kreuzer bekomme ich einen.« Man lachte, und wie dem Rattenfänger von Hameln die Kinder liefen diesem Schoppenfreund die Männer nach und mit diesen in beständigem Gezänke wie an einer Kette gezogen auch Peterli. Dem war es nicht wohl, der war in engen Hosen, der durfte nicht heim, der wollte was bessern und wußte nicht wie. So ein armer Fösel ist doch wahrlich übel daran, ein Gespött der Männer, ein Plumpsack der Weiber. Es war ein lustiger Abend im Wirtshause; die Meisten ließen die gute Laune los über allerlei und namentlich über Peterli und sein Eisi, aber so, wie es am verflümertsten ist, nach und nach, immer mehr unter der Maske der innigsten Freundschaft. Anfangs gab es Stichelreden, ob er heim dürfe, ob er mit dem Nägelibodenbauer gmeinet, wie manchmal er habe Kindbetti halten müssen usw. Er gab bösen Bescheid; der Nägelibodenbauer, der diesmal auch da war, hatte Erbarmen mit ihm, wollte einlenken, und zwar im Ernste. Er sagte, das erstemal fehle man leicht, aber das zweitemal werde es schon besser gehen, Erfahrung bringe Wissenschaft; alle Dinge müßten gelernt werden, anfangs wisse man mit keiner Sache recht umzugehen. Allweg seien die Käsereien ein großer Vorteil, sie brächten sehr viel Geld ins Land, und viel, viel tausend Säume Milch würden zu Geld gemacht, die sonst zuschanden gegangen. Aber man müsse Verstand brauchen, nichts übertreiben, aller Sache eine Rechnung machen und nicht die Natur ändern und zwingen wollen von Land und Vieh.

»Du hast gut reden«, sagte Peterli, der noch böse war, »wenn mir so viel Geld nebenbei einginge wie dir, ich wollte auch nicht klagen.« Sepp verstund den Stich nicht, wie es oft geht, sondern sagte: »Das hat zu dieser Sache nichts zu sagen, das kam ungsinnet, ich vermag mich dessen nichts, und mit einem Male ists vorbei. Aber mit dem Käsen ist es nicht so, das kommt alle Jahre wieder, das muß man recht nutzen lernen, dann kommt es gut. Du bist gerade der rechte Mann dazu, einen Fleißigern gibt es nicht; ich habe schon manchmal zu meiner Frau gesagt: Lue doch, Peterli arbeitet noch, und schon seit einer halben Stunde hocke ich auf der Bank und habe Feierabend.« Sepp sagte dies gutmütig, um Peterli guten Mut zu machen, ihm den Stachel aus dem Herzen zu ziehen. Peterli nahm es auch gut auf, denn das Rühmen ist ein Angel, an welchem man nicht bloß Frösche, sondern, zu rechter Zeit ausgeworfen, die schönsten Krebse und Fische fängt.

Alsbald merkten einige Schälke, daß Peterli gebissen, und zogen sachte an der Schnur den mächtigen Fisch. Sie rühmten Peterli, nicht nur wie er fleißig sei, sondern auch wie er den Handel verstehe, wie er keinen Kreuzer zUnnutz ausgebe, wie gar weise sei, was er sage, wie man schon oft zusammen geredet, er sollte ins Sittengericht, wie ihn da der Pfarrer nicht wolle, oder in den Gemeinderat, aber da halte ihm der Ammann den Fuß vor. Er wüßte nicht, was er diesem zwiderdienet hätte, meinte Peterli. »He«, sagte einer, »ich weiß, was es ist. Ich glaube, Peter wäre ihnen recht, aber sie scheuen seine Frau. Der sagt er in Gottes Namen alles, was er weiß, und was das für eine ist und wie sie alles ausbrieft, weiß man.« »Ho«, sagte Peterli, »sie weiß doch noch Sachen, ihr würdet die Augen auftun, wenn sie damit ausrückte.« »Bin nicht dawider«, sagte einer, »sie wird vielleicht den Teufel fürchten. Habe einen Ton davon gehört, der solle ihr stark aufsätzig sein. Wird nit höhn«, setzte dieser hinzu, »es ist nur zum Lachen, und wir sind da unter Freunden. Aber Spaß apart, wir haben schon oft zusammen gesagt, wir Manne unter einander: Peter im Dürluft wäre einer von den Ersten, wenn seine Frau wäre wie er. Nit, wir wollen sie nicht gescholten haben, sie ist wie manche Andere, ja es gibt noch viel Bösere; aber sie ist einmal nicht wie er, sie weiß sich nicht zu rangieren und macht zu viel mit dem Maul. So eine rechte Bäuerin sollte mit den Händen das Meiste machen. Nit, daß sie nichts macht, hat viel Kinder; aber, Peterli, du bist ihr doch Meister, und wenn du eine Frau hättest, die dir so recht beistünde, so eine von deinem Schlage, du wärest ein anderer Mann; es ist so an einer Frau grusam viel gelegen, man glaubt es nicht!«

Das waren alles Worte, welche ein Herz breiweich machen mußten, besonders wenn noch Wein dazugegossen wurde. Es wurde Peterli nach und nach seltsam im Gemüte, wohl und weh, und dazu ward er ganz weich wie eine abgestandene Birne. Er begann zu seufzen und sagte: Man könne nicht alles zwingen, sehe nicht alles voraus, wer alles wüßte, würde bald reich; ungsinnet trappe man manchmal hinein und nehme einen Schuh voll heraus. Über Eisi wolle er nicht klagen, es schaffe eben nach seinem Verstand, komme in Gottes Namen nirgendshin, nehme jede Sache siebenmal in die Finger statt nur einmal und trage sie siebenmal von einem Orte zum andern statt gleich ans rechte. Er habe es manchmal brichten wollen, aber es sei ihm verleidet; es habe zehn auf eins gewußt, und er habe gefunden, er sei am wöhlsten, wenn er sich drein schicke und es nehme, wie es komme. Je mehr Peterli von seinen Kameraden bedauert wurde, desto weicher wurde sein Herz, desto weiter ging es auf, er schüttete den ganzen Braten aus. Die Andern bersteten fast vor Lachen, während sie sich ganz treuherzig gebärdeten. Sie begannen nun den zweiten Teil ihres Spaßes: sie fingen an zu brichten, wie sie es ihren Weibern machten, wenn sie nicht nach ihrem Sinn täten, und wie sie dieselben dressierten, bis sie wüßten, was Trumpf sei und wo es durchgehen müsse. Worauf dann Peterli gewöhnlich antwortete: »Geh und probiere das bei Meiner, die würde dich schön rangieren, daß du wüßtest, daß Eisi nicht Babi wär.« »Und ist Eisi nicht Babi, so mußt du der Mann sein, welcher Eisi kuranzen kann, so gut als ich Babi«, antwortete ein Anderer. »Und das mußt, wenn du in den Gemeinderat oder ins Sittengericht kommen willst, und schade wärs, wenn du nicht darein kämest, du stündest dem einen wie dem andern wohl an, und die ganze Gemeinde könnte sich fry meinen mit einem solchen Vorgesetzten.« Wir fragen, wo ist wohl ein Peterli, welcher solchen Zaubersprüchen widerstanden wäre? Ach, es dünkte ihn so schön, Sittenrichter zu sein, und Eisi machte ihm so angst, und bald fühlte er großen Mut, tat Gelübde, wie es fortan gehen müsse, dann fing er an zu weinen und kriegte das trunkene Elend jämmerlich. Das war eine Freude! Der Nägelibodenbauer hatte endlich doch Erbarmen, mahnte ans Heimgehen und sprach Peterli Trost ein. Es werde noch gut kommen, sagte er ihm. Seine Kinder wüchsen nach, könnten ihm alle Jahre mehr helfen das Land besser bearbeiten, Dienstboten überflüssig machen, und dann gebe er einen rechten Mann ab. »Aber sie folgen nicht, sie folgen in Gottes Namen nicht! Gäb was ich sie heiße, machen sie, was sie wollen; sie ästimieren mich nicht, es ist, als ob ich nichts sei, gar nichts«, und somit heulte Peterli wiederum erbärmlichst.

Die Neckenden wußten nicht mehr, sollten sie lachen oder mitweinen. Dem Nägelibodenbauer ward angst, er redete ernstlichst vom Heimgehen. Bekanntlich ist mit dem trunkenen Elend zumeist eine große Zärtlichkeit verbunden. »Ach Herzensfreund, o Sepp, o mein Sepp, verlaß mich nicht, du bist mein Bruder! Ach, wenn ich dich nicht hätte, ach! Ja, heim will ich auch«, fuhr Peterli auf, »heim, will Eisi dr Gring abhaue, Eisi mueß e angere Gring ha! Dr Dräyher macht ihm scho e angere us ere alte Keygelkugle. Abhaue, ja abhaue! Ja, du liebe Seel, du Herzensbruder, chumm, mueßt mr helfe! Häb de Eisi dHäng, sust kräblets mih, byßt mr zerst dFinger ab u de dr Gring!« Das wär es strubs Byße, er möchte seine Zähne nicht dazu geben, aber von weitem zusehen, wie das ginge, selb wäre ihm schon recht, meinte einer. »Ja, Zeit wärs«, sagte Sepp, »daß wir gingen; er kann mich doch erbarmen. Aber eine Maß zahlte ich, wenn er heim wäre, das Heimführen kommt doch an mich.« »Wir lassen dich nicht im Stich«, sagten die Andern. »Geh mit ihm voran, wir sind dir immer bei der Hand, am Ende gibts doch noch was zum Lachen.« Nun hatten sie aber ihre liebe Not mit Peterli, der bald nicht fort wollte, bald ein Messer oder einen Säbel verlangte, dann dem Nägelibodenbauer um den Hals fiel und ihn fast zu Boden riß. »O Sepp, o Sepp, o Freund! «rief er, »denk an mich; bin ich mal Sittenrichter, so will ich dich schonen und helfen, zähl auf mich! Deine Frau soll mir beim Donner nie vors Sittengericht, aber Ammanns Felix wohl, der Donners Schelm, und deiner Frau Schwester auch nicht, das Donners Täschli, ich will ihm auch schonen, aber es soll mannen, u wärs dr Tüfel! Aber Eisi muß mir vors Sittengericht, aber zerst mueß ihm dr Gring ab! Denk, wenns dr Gring no hätt, so wärs nicht richtig; es sagte allen wüst, mir und dm Pfarrer am meisten, und wenn ich heimkomme, so prügelt es mich, prügelt mich, prügelt, prügelt -« und Peterli heulte wieder jämmerlich. So kamen sie auf den Dürluft, es war wohl weit über Mitternacht.

Was derweilen Eisi für einen Zorn verwerchet hatte, kann jede Frau sich denken, deren Mann zuweilen nach Mitternacht heimkommt, und zwar dann gewöhnlich, wenn man ihn am liebsten früh wollte, wenn er etwas heimbringen sollte, Geld oder sonst was Rares. Eisi hörte, daß der Mann nicht allein sei, und wollte nicht öffnen. Als es aber Peterli erst heulen, dann fluchen hörte, wie dem Donner dr Gring ab müsse, als er sagte: »Sepp, o Sepp! Häbs de fry vrfluecht, daß es mih nit byße cha«, und dann das Lachen der Andern hörte, kam der Zorn über ihns, es riß die Türe auf und kam heraus. Die Begleiter versteckten sich bestmöglichst in dem Dunkel, Sepp hätte es auch gerne getan, aber er konnte nicht, Peterli hielt sich an ihm; ihn also erkannte Eisi.

Nun ging es aber los, daß Sepp gewollt hätte, er wäre sieben Meilen hinter Danzig. Eisi legte los, wie es noch niemand gehört hatte. Peterli fluchte und heulte. Es war da oben ein Sabbat, wie er sicher schöner und bezeichnender auf dem Blocksberg nicht erlebt wurde. Sepp war am übelsten dabei. Peterli klammerte sich zitternd an ihn an, bat, er solle Eisi halten, er wolle den Kopf abmachen. Eisi überschüttete ihn mit den ärgsten Schimpfreden, sagte, er werde wieder daheim Ammanns Bub Platz gemacht haben, indes er da herumlaufe. Der Bub habe es gut, der finde die Eine daheim, wann er wolle, die Andere hinter jedem Zaune. »Häb nit Kummer«, tröstete Peterli, »wenn ich Sittenrichter bin, so mußt du nicht vors Sittengericht und deine Frau auch nicht, es soll dir niemand was tun!«

Sepp begriff das Ganze nicht, wurde aber zornig und verlegen; denn was sollte er machen, jetzt war er zum Hund im Kegelspiel geworden, über den das Publikum am meisten lachte. Weglaufen durfte er nicht, mit Eisi sich in Kampf einlassen, handgreiflich oder mündlich, mochte er nicht; da kam ihm das Rechte. Plötzlich trat er auf Eisi zu und sagte langsam mit tiefer Stimme: »Schweige! Redest du noch ein Wort, ehe am Morgen der Hahn gekräht hat, so holt dich der Teufel lebig, und wer am Morgen aufsteht und will luegen, was für Zeit es ist, sieht dich dort oben auf dem Kirchturme auf dem Hahne reiten! Denk daran, du weißt, was der Teufel kann!«

Das stellte Eisi alsbald das Redewerk, es war ein radikales Pflaster auf seinen Mund. Es nahm den Peterli und riß ihn gegen die Türe, trotz seinem Protestieren, er sei Sittenrichter, es solle sich in acht nehmen vor ihm, sonst müsse es ihm vor. Unterdessen verschwand Sepp, die Andern auch, und wie das Ehepaar die Nacht, bis der Hahn krähte, verbrachte, wissen wir nicht, was die Andern machten, daheim ihren Weibern sagten, ebenso wenig. Der ganze Spuk verstob eben auch wie der Spuk auf dem Blocksberg – in alle Winde.


 << zurück weiter >>