Jeremias Gotthelf
Die Käserei in der Vehfreude
Jeremias Gotthelf

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»Was hats gegeben?« sagte der Ammann; »das ist eine vaterländische Prügelten, so eine sah ich doch lange nicht«, und halb zog es ihn, halb stieß es ihn näher und immer näher, und hinter ihm her die übrigen Vehfreudiger. »Es wäre doch der Donner, wenn wir nicht zu unsern Fuhrwerken dürften«, grollte der Ammann dumpf, als ihm einer rief, er solle das Drücken lassen, sonst vertreibe er es ihm ohne Aarwangenbalsam. »Du wenigstens wirst es nicht wehren wollen!« rief der Ammann, Patsch, hatte der Letztere eins, und wie es dann so geht, die Vehfreudiger waren mitten im Streit, kriegten und gaben, ehe sie daran dachten. Es ist kurios, die Alten fangen nicht gern an zu schlagen, aber kommen sie einmal ungsinnet dazu, so tun sie es mit wahrer Burgerlust und können fast nicht aufhören. Sie hatten weder Freunde noch Feinde da, schlugen, als sie einmal dabei waren, um so unparteiischer los auf jeden Buckel, jeden Kopf, der in ihren Bereich kam; und da sie eben ihrer Sieben waren, welche ohne Sonderzwecke zusammenhielten und gerade vor sich hin Weg schlugen wie die Amerikaner in einem Urwald, so kriegten sie freilich manch tüchtigen Schlag, so daß das Blut nachkam, aber sie kamen doch ans Ziel, an die Treppe des Wirtshauses, kamen nach hartem Kampfe die Treppe hinauf, denn aus dem Hause stürzte sich immer noch kampffertige Mannschaft in die wogende Schlacht. Als sie oben waren, ergriff es sie wie mit Himmelsgewalt, und wäre der Ammann nicht gewesen, ihrer Sechse hätten sich wieder ins Getümmel gestürzt, so wonniglich und heimelig kam es ihnen vor. Aber der Ammann hielt sie. »Nit, nit«, sagte er. »Es dünkte mich auch lustig, aber wir müssen heim, und wenn einem ein Unglück widerführe, was hätten die Andern davon und was würden die Leute sagen?« Das half; sie suchten einen sicheren Platz und wollten essen, denn es war beinahe Abend und es dünkte sie, sie seien ganz hohl inwendig und die ganze künftige deutsche Flotte hätte Platz in ihrem Bauche.

Im Hause war großer Wirrwarr. In demselben hatte die Schlacht angefangen und erst später aus Mangel an Raum sich ins Freie gewälzt. Da war denn alles durcheinandergeworfen: zerschlagene Gläser und Fleisch, Flaschen und Suppe, Bänke und sonstiges Essen. Aber man sah es den Wirtsleuten an, daß sie nicht das erstemal dabei waren. Mit kundigen Händen räumten sie weg, ordneten frisch für neue Gäste, und ehe es lange ging, saßen unsere Sieben schon hinter einer schönen gelben Fleischsuppe, in welcher das weiße Brot und der dunkelrote Safran nicht gespart waren. Sie aßen mit Freuden, teils wegen dem Hunger, teils wegen der Lust an den Kläpfen, welche sie ausgeteilt und welche sie eigentlich als das glücklichste Begebnis des heutigen Tages ansahen. Ein langer Mann mit großem Kopfe und großer Nase kam, streckte die Beine unter den Tisch, die Hände auf denselben und knurrte vor sich hin, als wenn er jemanden beißen wollte. Da fragte der Ammann, der zunächst bei ihm saß, ob das an allen Märkten in Langnau so gehe? Sie hätten auch noch ein Bröcklein von der Suppe gehabt, wenn sie dieselbe schon nicht hätten anrichten helfen. Es nehme ihn wunder, worob es angegangen, ob man es wisse?

»Worob?« sagte der Mann. »Wegen etwas Nagelneuem, etwas Dummem, wie man noch nie davon gehört. Ja, da sieht man, ob die Welt gescheiter werde oder nicht! Zu meinen Zeiten hat man sich auch geprügelt, ganz anders als jetzt, daß das Blut an die Decke spritzte oder auf den Straßen durch die Geleise rann. Aber wegen was tat man das? Wegen einem schönen oder reichen Meitschi, oder weil man eine andere Dorfschaft haßte, weil deren Bursche einem ins Gehege kamen. Da lohnte es sich doch der Mühe, das war für etwas.« »Um was anderes jetzt?« fragte der Ammann, der wirklich nicht begriff, daß man sich an einem Markte so gemeinsam um etwas anderes prügeln könne. »Das errätst du auch nicht«, sagte der Erstere. »Wegen zwei Ratsherren prügeln sie sich, daß vom Oberdorf bis ins Unterdorf alles aneinanderhängt. Da sind zwei Gemeinden, und will jede den besten Ratsherrn haben.« Die Vehfreudiger lachten. Der Ammann meinte, es würden wahrscheinlich zwei Ausbünde sein, und jede Gemeinde werde den bessern Verstand gehabt haben wollen. »Jawolle, Ausbund und Verstand, die Kälber!« sagte jener. »Wärs wegem Dorfmuni, selb wohl, da wüßten sie, wie die am besten sind und am nützlichsten; und da meinen sie, wenn sie den Verstand, wo sie zum Dorfmuni brauchen, auch für den Ratsherrn anwendeten, so sei dSach recht. Der größte Brülli, der mit dem strübsten Haar, den spitzigsten Hörnern, den Kühen am aufsätzigsten, daneben auch allen Leuten, welche ihm in die Nähe kommen, das gebe den besten, meinen sie.« »So, und jetzt machen sie also aus, welche Gemeinde den besten habe?« fragte der Ammann. »Das schickt sich doch so übel nicht«, setzte er hinzu.

Nun begann der Andere gar gröblich zu schimpfen über die Zeit und die Ratsherren und über die Wähler, welche wählten, als sollte es Dorfmunine geben oder die handlichsten Böcklein, daß es eine greuliche Sache war. Der Ammann war etwas in Verlegenheit. In Beziehung auf den Wahlverstand war er vollkommen mit dem Andern einverstanden. Er hatte sich schon lange zum Ratsherrn vollkommen tüchtig gefunden und war doch noch nie ordentlich in die Wahl gekommen, schimpfte daher schrecklich über Schreiber und Schulmeister, welche die Wahlen machten, bloß ihresgleichen, Fötzeln und Brüllene, von den wüstesten, wo es gebe, nichts vor ihnen sicher, was im zehnten Gebote vernamset sei. Daneben war eine gewisse Freisinnigkeit über ihn gekommen. Er hatte an geschenkten Bodenzinsen und Zehnten ein Erkleckliches gewonnen und hoffte durch die Verfassung von den Armen ganz frei zu werden, denn was seine Freiwilligkeit ihn kosten könnte, wußte er ziemlich genau. Ja, sagte er daher, für die rechten Leute hätte man den Verstand noch nicht, das erfahre man seit bald zwanzig Jahren. So komme nichts heraus als eine Mästung; man wähle sie mager, und wenn sie fett seien, so stoße man sie ab, akkurat wie man es bei den Schweinen pflege. Daneben sei ihm die Verfassung recht, der gute Verstand werde schon kommen, wenn man trachte, daß die Sache Bestand habe; die rechten Leute kämen schon noch ans Brett, wenn einmal das Lumpenpack sich sattgefressen.

Der gute Ammann dachte nicht daran, wie tief er in den Ast säge, denn er hatte eben einen alten Großrat vor sich, der bloß mit der Gegenwart unzufrieden war. Vom Mästen, sagte der Mann, hätte er nichts gemerkt, denn sie wären mit dem Staatsvermögen nicht umgegangen wie der verlaufene Bub mit seinem Erbteil; sie hätten Rechnung geben dürfen und nicht das Vermögen verhudelt und den Leuten dazu noch mit Staatszwang den letzten Kreuzer abgetrieben. Wider die Zeit habe er nichts, die habe Gott gemacht, die Verfassung sei unschuldig, sie habe sich nicht selbst gemacht; aber leben möchte er, bis er die gegenwärtigen Ratsherren schnopsen höre im Trocknen wie Fische außerhalb dem Wasser, dann sei vielleicht die Zeit gekommen, wo man sich ohne Prügel verständige, daß einer so viel oder wenig wert sei als der Andere und ein Dorfmuni und ein Ratsherr zwei verschiedene Dinge seien. Darwider hätte er nichts, sagte der Ammann, er sei nie Ratsherr gewesen und begehre es nicht zu werden, lieber wollte er Schneider werden. Ein Schneider könne doch von einer Stör zur andern oder zu Hause für sich arbeiten, ein Ratsherr aber sei immer auf der gleichen Stör, auf der Bärenstör, daheim und in Bern, müsse dienstbar sein mit Leib und Seele, mit Maul und Beinen, müsse zugleich noch Wäscherin sein, den Herren in Bern den Dreck aus Krägen und Mänteln waschen und als reine Wäsche sie spienzeln im ganzen Lande herum. So sprach der Ammann zu großem Erstaunen der Vehfreudiger, die denselben nie so von der Leber weg sprechen gehört und an die Wirkung einiger Gläser Wein in einem ausgehungerten Magen nicht dachten. Durch die sich mehrenden Gäste wurde das Gespräch unterbrochen. Die Schlacht draußen hatte aufgehört, ohne bestimmten Entscheid, obgleich Einige bis auf den Tod geschlagen waren, Andere sonst bluteten wie die Schweine, das Schlachtfeld wirklich kriegerisch aussah und von den Gassenjungen vielfach bewundert und als von angehenden Marodeurs durchstöbert wurde.

Aber noch ein anderes Schlachtfeld ward durchstöbert: das war das der Käse. Es nahm natürlich die Herren doch wunder, wie das Ganze abgelaufen, wieviel annähernd dieser oder jener Konkurrent gekauft. Sie hatten auf Mulchen, welche sie in ihrem Plane hatten, geboten, hatten die Leute entlassen, sie sollten sich bedenken und wiederkommen, aber sie waren ausgeblieben. Waren diese Mulchen verkauft? Wer hatte sie? Und um welchen Preis? Wo war anfällig Nachlese zu halten? Und wem konnte man ins Gehege kommen? Das waren alles Fragen, welche die Herren interessieren mußten. Jedes Haus hatte auch je nach seiner Eigentümlichkeit Mittel und Wege, aus dem Gwunder zu kommen. Allenthalben hat man seine Leute, allenthalben seine Bekannten; verfolgen Einige den gleichen Zweck, so ist bald viel vernommen. Die Empfindungen eines Käshauses sind selten ganz rein, sondern zumeist sehr gemischt. Bedeutende Häuser werden sich selten darüber ärgern, daß sie zu teuer gekauft. Ausnahmsweise mag es wohl geschehen, daß sie hintenher werweisen, ob sie nicht durchschnittlich eine halbe oder eine ganze Krone den Käs hätten wohlfeiler kaufen können. Hingegen machen sie sich wohl gegenseitig Vorwürfe, daß sie dieses oder jenes Mulch wegen allzu großer Herzenshärtigkeit hätten fahren lassen und einem Konkurrenten in die Hände gespielt. Sie hatten vielleicht auf eine gewisse Anhänglichkeit der Verkäufer gezählt, denen sie schon mehrere Jahre abgekauft, und diese einen halben Kreuzer per Pfund einmal verwerten wollen. Die Verkäufer dagegen rechneten auf die gleiche Anhänglichkeit der Herren: weil diese das Mulch schon mehrere Jahre gehabt und damit versorgt gewesen, so würden sie es nicht fahren lassen. Wenn nun Käufer und Verkäufer die gleichen Faktoren in Anschlag bringen, nur umgekehrt, so gibt es auch umgekehrte Rechnungen, entgegengesetzte Resultate. Das Ende davon ist, daß man ein gutes Mulch nicht hat, daß man böse Leute gemacht, und was das Fatalste ist, daß man ausgelacht wird. Dagegen hat man vielleicht bereits Rache genommen oder sonst einem Konkurrenten einen Stein in den Garten geworfen, ihm eine Falle gelegt, die er erst im künftigen Jahre abzutrappen hat, kurz gegen die Leiden hat man auch seine Freuden, hat vielleicht wieder Steine aufgelesen, welche man morgen oder übermorgen in einen Garten zu werfen gedenkt. Zu unsern Vehfreudigern kam einer der neuen Herren, tat sehr freundlich mit ihnen. Der, welcher ihre Käse zuerst besehen, der Freund Eglihannese, stand ganz nahe bei ihrem Tische, kehrte ihnen aber den Rücken, tat, als wenn er sich ihrer nicht achte.

Es war ziemlich spät, als sie sich ans Aufbrechen machten, und lange gings, bis ihre drei Wägelchen aufgefahren standen. An solchen Tagen müssen die Stallknechte gute Köpfe haben und sie beisammen behalten, um wieder alles gehörig zusammenzuspannen, was sie ausgespannt. Fatal ists, wenn man ein anderes Roß heimbringt, als man fortgenommen, und äußerst unbequem, wenn man fortfahren will, und das Fuhrwerk ist nicht mehr da, ein Anderer damit fortgefahren, und weiß Gott wohin. Das Herauswickeln aus dem großen Knäuel ist schwerer noch als das Verschmelzen mit demselben, denn am Morgen beim Verschlingen in denselben sind die Rosse milde und öde ists den Menschen ums Herz, am Abend aber haben die Rosse Hafer im Leibe und die Menschen Wein, das ist was ganz anderes. Und doch geschieht wunderselten ein Unglück, es wissen Rosse und Menschen sich zusammenzunehmen, wenn es sein muß. Seltsam aber wird man bewegt, wenn man ein großes, an einen engen Ort zusammengedrängtes Marktgetümmel übersieht, erst wie es zusammenfließt, dann wie es wieder allmählig sich auflöst und auseinandergeht. Was schleppen die Leute hin in Händen und Herzen, was kramen sie wieder heim innen und außen, erfüllte Hoffnungen oder bittere Täuschungen? Welche Gedanken steigen auf und nieder in den Werkstätten ihrer Seelen, und was findet jeder, welcher heimkommt, und wann kommt jeder heim und wie? Es ist wunderbar, wie es heimwärts wimmelt durch die Straßen, und will sich nimmer erschöpfen und leeren, als wollte der Markt noch einen Markt gebären. Man begreift gar nicht, wie im engen Orte alle Platz gehabt, und wenn man in den engen Ort sieht, so ist da noch eine Menge; es wallet hin und her, und lustig geht es zu mit Geigen und Schreien, es ist, als wolle man dem lieben Gott die Welt abverdienen mit Tanzen. Und Stunden in der Runde geht es lustig zu, schlägt das Echo der Marktfreude einem in die Ohren. Es ist, als ob die Erde ein unermeßlicher Lebkuchen wäre und die Luft über derselben ein unergründliches Weinfaß und alles für alle frei und unentgeltlich und jedem, so viel er mag. Und morgen oder übermorgen hat der Lebkuchen sich verwandelt in ein ungeheures Jauchefaß voll Klagen, das Weinfaß in einen unendlichen Sack voll schwarzer Galle. So veränderlich ists in der Welt, so ganz anders ists dem Menschen heute und morgen, der in der Veränderlichkeit nach einem Glücke fischet von vergänglicher Natur.


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