Friedrich Huch
Enzio
Friedrich Huch

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Enzio lernte eine neue Liebe kennen; das war nicht mehr die frühere, gemischt aus Seele und 434 Gefühl, es war eine brennende, verzehrende Liebe, die sich immer neu an sich selbst entzündet, die die Nerven aufpeitscht, schlaff macht und wiederum aufpeitscht, die aus sich selber eine raffinierte Kunst macht. Anfangs plagten ihn Gewissensbisse gegen Bienle. Aber er überwand sie bald. Zunächst dachte er: Alles ist nun aus zwischen ihr und mir; aber gleich darauf: Es ist ja doch nicht aus! Gott weiß, wie kurz oder lang diese neue Leidenschaft dauern wird, soll ich wieder ebenso dumm handeln wie damals, als ich von zu Haus zurückkam und ihr alles über Irene erzählte? Was habe ich mit meiner Offenheit erreicht? Nichts weiter, als eine wochenlange Verstimmung, die nur sie und mich gequält hat! Ich weiß, es ist abscheulich von mir, daß ich jetzt ein doppeltes Spiel treibe. Aber kann ich irgend etwas dagegen machen? Soll man neue Lebenszugänge abschneiden, wenn sie einem wieder Frische zuführen? Hat sie mir nicht selbst gesagt, daß wir uns niemals heiraten werden, und könnte ich nicht, wenn ich wollte, Teresita heiraten? Irgend wann muß es ja doch einmal einen Übergang geben von einem Leben zum andern, und dieses ist vielleicht einer! Vielleicht ist er es auch nicht! Ich weiß noch nicht wie alles wird und halte beide Fäden in der Hand! Ich kann nichts anderes tun als schweigen, ich bin es mir, ihr, uns allen dreien schuldig!

435 Sein Leben ward jetzt ein ganz anderes. Zu Bienle sagte er, er könne sie nicht mehr so viel sehn wie früher, er habe zuviel zu tun. Des Morgens stand er sehr spät auf, mit schwerem Kopf, denn seine Nächte waren voll von Unruhe und Lärm. Teresita liebte das Nachtleben, ging mit ihm in Weinhäuser, Kabaretts und Bars, rauchte eine Zigarette hinter der andern, und bestieg manchmal zu später Stunde selbst das Podium, um dort vom Klavier aus ihre wilden Tänze hinabzuschleudern in das Publikum; mitunter trieb sie auch Enzio hinauf, und dann improvisierte er Musik, die der ihrigen ähnlich sein sollte. Zuweilen trafen sie auch Landsleute von ihr, junge Spanier, und er machte ihr oft hinterher böse Eifersuchtsszenen. Dann lachte sie und sagte: Enzio, blamier dich nicht, wenn du mich nicht mehr magst, so geh! Dies hingeworfene Wort genügte, um ihn sogleich verstummen zu lassen. Er war ganz unter ihrer Gewalt. Das äußerte sich auch in dem wenigen, was er noch zu Hause komponierte. Sie hatten sich in einer Zeit kennen gelernt, wo er fast zerfallen mit sich selbst und seinem Schaffen war. Was er unbewußt empfand – daß seine Musik nicht frisch, nicht notwendig gewachsen war, hatte sie mit den einfachsten und stärksten Worten ausgesprochen, und später sagte sie oft zu ihm: Schreib wie dir der Schnabel gewachsen ist, kümmere dich 436 nicht darum, ob es originell ist oder nicht, sondern schaff drauf los, bring mehr Melodie in deine Sachen, sonst wird deine Kunst nie populär! Er fand dies Urteil oberflächlich und echt romanisch, aber da er sich in einer Krise befand, aus der er keinen Ausweg wußte, dachte er: Vielleicht hat sie recht, ich kann es ja einmal versuchen, Melodien im landläufigen Sinne zu schreiben. – Die gefielen ihr dann wieder nicht, aber sie lachte und sagte: Was quälst du dich denn überhaupt mit solchem Zeug! Du hast deinen Beruf verfehlt! Du hättest Athlet, Kunstreiter oder sonst was werden sollen, du, mit deinem herrlichen Körper und dem Gesicht! Dann lägen jetzt die Prinzessinnen Europas zu deinen Füßen! – Mit diesem Ausspruch verletzte sie ihn; aber er schwieg, er konnte ihr nicht widersprechen. Noch tiefer kränkte sie ihn, als sie einmal sagte: Schade, daß du kein Mädchen geworden bist, du hättest eine gewaltige Karriere machen können!

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