Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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VIII

Vasari bemerkt dies letztere bei den Arbeiten am Grabdenkmal, die an Bildhauer und Steinmetzen verteilt mit dein Schluß der vierziger Jahre wohl vollendet worden sind.

Die Kirche von San Pietro in Vincula, in der das Monument seine Stätte gefunden hat, liegt auf der Höhe des esquilinischen Hügels, mit der Fassade nach Westen gewandt. Deshalb ist es gut, sie gegen Abend zu besuchen, wenn das Licht des sinkenden Tages durch die wenigen und unbedeutenden Fenster kräftig ins Innere eindringt. Die antiken Säulen streifend, auf denen das Dach der alten Basilika ruht, trifft die Helligkeit dann das in der Tiefe der Kirche an der nördlichen Wand angebaute Denkmal, aus dem die Statue des Moses hervorspringt. Der Kampf zwischen dein gelblichen Abendglanze und der Dämmerung läßt ihn wie lebendig erscheinen. Er nimmt die Mitte des Denkmals ein. Hoch über ihm, die gestreckte Nische, die das Ganze in zwei Hälften teilt, wie eine Brücke durchschneidend, liegt lang hingestreckt die Marmorgestalt Giulio des Zweiten in einem offenen Sarkophage, an dessen Kopfende er sich mit aufgestütztem Kopfe emporlehnt. Aus der Tiefe der Nische, hinter ihm, schimmert eine schlanke Madonna hervor, deren Kind mit einem kleinen Vogel spielt: der Seele des Menschen, die in die Hände Christi zurückfliegt. Noch vier andere Gestalten trägt das Denkmal: in den Nischen zu beiden Seiten des liegenden Papstes zwei sitzende Figuren und in den Nischen darunter, zur Rechten und Linken des Moses, Lea und Rahel, zwei stehende Frauen als Symbole des beschaulichen und tätigen Lebens, alle vier nicht von Michelangelo allein gearbeitet, wie auch die Madonna nicht. Nur der Moses ist ganz von ihm, an dem er vierzig Jahre meißelte, vierzig Jahre der Wüste konnte man sie nennen, und aus dessen totem Marmor sein Geist so kräftig uns anstrahlt wie aus den athenischen antiken Statuen die sonnige Heiterkeit des alten Griechenlands. Wenn der Geist Giulios jemals die irdischen Dinge wieder berührte, ihm würde nicht scheinen, als sei seinem Gedächtnisse zu wenig getan worden mit diesem Denkmal.

Keiner wird so denken heute, obgleich weder Michelangelo selbst noch der Herzog von Urbino mit dem Werke zufrieden waren, das allerdings, verglichen mit dem, was es zuerst hatte werden sollen, klein und ärmlich erscheinen muß, an und für sich aber immer noch genug enthält, um zu den großartigsten Denkmälern zu gehören, die jemals das Andenken eines Mannes vor Vergessenheit schützten. Je mehr man es betrachtet, um so majestätischer wird es. Und dann, die Kirche wieder verlassend, tritt man aus der Stille drinnen in die Stille draußen, und die Palme am Abhange des Hügels vor uns (eine der wenigen, die in Rom aufgekommen sind) teilt die Landschaft: links die langgezogenen, leise überwaldeten Ruinenketten des Palatins, rechts das Kapitol, aufragend mit Kirche, Kloster und getürmten Palästen aus den verworrenen Dächern der Häuser in der Tiefe.

Der Zufall und vielleicht auch die Mißgunst, die das Grabdenkmal aus der Peterskirche, die um seinetwillen allein neu errichtet ward, an diese Stelle verschlug, zeigt sich nun als eine schöne Fügung des Schicksals. Der Ort ist, mit gewöhnlichem Maßstab gemessen, weniger ehrenvoll, dennoch hätte kein würdigerer in Rom gefunden werden können. Am wenigsten innerhalb der Peterskirche selbst, wo durch den Überfluß an Licht von allen Seiten, durch die an die ungeheure Architektur angeklebten, unendlichen Ornamente verschiedenster Art alles einzelne heute gedrückt und fremd erscheint. San Pietro in Vincula aber ist die Kirche, deren Titel Giulio als Kardinal führte. Sie ist unberührter im Innern von modernen Veränderungen als die meisten andern Kirchen. Und um sie her liegt die Stadt noch ziemlich wie zu den Zeiten, wo Giulio lebte, einsam und bedeckt von Gärten und Ruinen. Und so blieb die Stelle eine Art von Freistatt für sein Gedächtnis, während die Peterskirche innen weder an Giulio noch an Michelangelo, noch an irgendeinen der anderen Päpste erinnert, deren ausgedehnte Grabmäler an ihren Wänden in langer Reihe aneinanderstoßen.


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