Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

 << zurück weiter >> 

VII

Wenn Michelangelo nach den Gemälden der Paolina nichts mehr in Skulptur und Malerei vollendete, so ist das nicht so zu nehmen, als ob er plötzlich mit beiden Künsten gebrochen hätte. Es war ihm viel zu sehr Bedürfnis geworden, zu meißeln und zu zeichnen. In Florenz wird ein Blatt aufbewahrt, das, wie eine unbedenkliche Inschrift bezeugt, von Michelangelo im 87ten Jahre seines Alters gezeichnet worden ist. Wir sehen eine niedergekauerte, uns den Rücken zuwendende weibliche Gestalt mit miniaturhafter Feinheit so scharf beobachtet und zart ausgeführt, daß auch nicht die geringste Verschleierung des Blickes bei ihm eingetreten sein kann. Die Erzählung, als habe Michelangelo, in hohen Jahren endlich erblindet, sich zu den Statuen des Vatikan hinführen lassen, um sie wenigstens zu betasten, ist eine Fabel. Er hat gezeichnet, bis seine Hände nicht mehr den Stift zu halten vermochten. Doch trat diese Schwäche spät ein. Seine Handschrift liefert den Beweis dafür, die erst in den letzten Jahren zu zittern begann, aber selbst dann noch die Formen der Buchstaben ruhig und vollkommen hinmalt.

Es stand in seiner Werkstatt eine Marmorgruppe: Christus tot im Schoße der Mutter und Joseph von Arimathia daneben, die er um 1545 begonnen hatte und langsam für sich fortführte. Den Marmor dazu lieferte das Kapitell einer der ungeheuern Säulen des Friedenstempels am Forum. Es war um in den Mußestunden etwas unter den Händen zu haben. Vasari erzählt, wie er anfangs der fünfziger Jahre einmal vom Papste einer Zeichnung wegen zu Michelangelo geschickt worden sei und ihn bei dieser Arbeit betroffen habe. Es war finster, Michelangelo jedoch, von dem Vasari an der Art wie er angeklopft hatte, erkannt worden war, kommt mit einer Handlaterne herbei, um zu sehen, was er wolle. Urbino wird darauf ins obere Stockwerk geschickt, das verlangte Blatt zu holen, Vasari aber versucht, während er wartet, bei dem beschränkten Lichte etwas von der Gruppe mit den Augen zu erhaschen und betrachtet das Bein des Christus, an dem Michelangelo gerade arbeitete. Kaum aber hat dieser gemerkt, wohin Vasari blickt, als er die Laterne fallen läßt, daß sie erlischt und beide im Finstern stehen. Dann ruft er Urbino zu, Licht zu bringen, und indem er mit Vasari den Verschlag verläßt, wo die Gruppe stand, sagt er: »Ich bin so alt, daß mich der Tod oft am Rocke zupft, um mitzukommen, und eines Tages werde ich wie diese Laterne hinfallen. und mein bißchen Lebenslicht wird auslöschen.«

Oft mitten in der Nacht, wenn er nicht schlafen konnte, stand Michelangelo auf und arbeitete an diesem Werke. Um dabei gutes Licht zu haben, und doch nicht dadurch behindert zu sein, hatte er eine Art Kopfbedeckung von Pappe erfunden, auf deren Spitze er eine von Ziegentalg gezogene Kerze anbrachte, die nicht tröpfelte, wie Wachs getan hätte, und nicht im Wege stand. Die Gruppe aber blieb unvollendet, weil er einen Riß im Marmor entdeckte. Er wollte sie zusammenschlagen, schenkte sie dann aber einem seiner jungen Leute. Heute ist sie in Florenz unter der Kuppel von Santa Maria del Fiore aufgestellt mit der Inschrift, daß sie Michelangelos letztes Werk sei. Der Platz ist nicht ungünstig. Die Dämmerung, die da herrscht, paßt zu der Gruppe, die nur in den allgemeinen Massen fertig geworden ist.

Unter denen, welche in diesen Jahren nach Michelangelos Zeichnungen malten, ist Marcello Venusti der bedeutendste. Von ihm ließ Cavalieri nach Michelangelos Skizze die Verkündigung groß in Öl ausführen, die heute noch in der Sakristei des Laterans hängt und ein ausgezeichnetes Gemälde ist. Michelangelo erkennt man aus jeder Linie, und die großartige Auffassung seiner Komposition verbunden mit der zartesten Farbe gibt der Tafel etwas Eigentümliches, das sich nicht beschreiben läßt. Vielleicht wenn man sagte: ein antiker Maler, der die Darstellung eines christlichen Gegenstandes übernommen habe, scheine hier tätig gewesen zu sein.

Marcello Venusti malte das Porträt der Vittoria Colonna. Er kopierte unter Michelangelos Leitung das Jüngste Gericht in kleinem Maßstabe, grau in grau; die Tafel ist heute in Neapel. Er malte nach seiner Zeichnung Christus auf dem Ölberge. Soll ich zwischen den Galerien entscheiden, welche das Original zu besitzen glauben, so scheint mir das der Berliner Sammlung den Vorzug zu verdienen. Und um an letzter Stelle, statt anderer, die noch aufzuzählen wären, das reizendste zu erwähnen, das überhaupt bei dieser doppelten Autorschaft zustande gekommen ist, so sei die Madonna mit dem schlafenden Kinde genannt, ein Gemälde, das sich oft und gut wiederholt findet und eine der lieblichsten Darstellungen ist. Maria sitzt uns entgegen mit übergeschlagenen Knien da, den Oberkörper zurückgelehnt und mit zur Seite geneigtem Kopfe und niedergeschlagenen Augen das Kind betrachtend, das über ihren Knien im Schlafe liegt. Den einen Arm hat es lang über sich ausgestreckt, um das Köpfchen darauf zu legen, der andere hängt matt über die kleine Brust vorn herunter. Aus dem Hintergrunde, der durch die querdurchlaufende Lehne der Bank, auf der Maria sitzt, völlig abgeschnitten wird, naht von der linken Seite der kleine Johannes und beugt sich mit auf den Mund gelegtem Finger aufmerksam zu dem Kinde über, auf der andern Seite sehen wir den heiligen Joseph, wie er, den Kopf auf die Hand gestützt, welche gerade am Munde in den vollen Bart hineingreift, in Ruhe das Erwachen des Kindes erwartet. So deutet jede Figur die bewachende Liebe in anderer Gestalt an.

Seltsam und auf einigen Gemälden fortgelassen, auf dem vorzüglichsten Exemplare jedoch, das ich kenne, dem der Galerie in Gotha, sowie auf Michelangelos Skizze vorhanden, ist das nach antiker Art über den Kopf des kleinen Johannes geworfene Fell, das ihn fast wie einen kleinen Herkules erscheinen läßt. Marias Antlitz ist bei Venusti von der unschuldigsten Schönheit. Beim heiligen Joseph könnte man an Michelangelos eigenes Porträt denken, das aus diesen letzten Tagen mehrfach vorhanden ist, während es aus jüngeren Jahren fehlt. Am bekanntesten, wenn auch am wenigsten vorteilhaft, ist Bonasones Profil, gerade zu der Zeit gezeichnet und in Kupfer gestochen, wo Michelangelo sein neues Amt am St. Peter antrat. Die über der Nasenwurzel fast knorrig hervortretende Stirn, der eckig gewaltige Schädel, die starken und häufigen Falten um Mund und Augen, so fest gezogen als wären die Muskeln, die sie überspannen, hart wie die Knochen selber, lassen eine Gesichtsbildung vor uns treten, die, leicht karikiert wie sie hier erscheint, um so deutlicher vielleicht die Natur des Mannes in ihrer außerordentlichen Festigkeit abbildet. Ölgemälde in Rom und Florenz zeigen die Züge weniger hart und die Stirn schöner. Das im Besitz der Galerie des Kapitols befindliche Porträt wird Michelangelos eigener Hand zugeschrieben. Nicht bloß die Stellung des Kopfes rechtfertigt diese Annahme; denn der Ausdruck ist von einer Tiefe, der Blick so ergreifend, die Stirn so schön gemalt, daß Michelangelo allein, möchte man sagen, imstande gewesen wäre, sich so aufzufassen. Dennoch bleibt bedenklich, daß Vasari nichts von dieser Arbeit sagt, die er eigentlich nicht unerwähnt hätte lassen können, wenn sie von Michelangelo selbst gewesen wäre.

Noch einer sei genannt, der nach Michelangelo arbeitete, ein junger Bildhauer, der bei Tribolo lernte und der, wenn er nicht jung gestorben wäre, Vasaris Glauben zufolge viel erreicht haben würde: Pierino da Vinci, ein Neffe Leonardo da Vincis, der Sohn seines jüngsten Bruders. Er hat Sachen zustande gebracht, die man für Werke Michelangelos hielt, dessen Art, den Marmor zu behandeln, er sich zu eigen gemacht hatte. So das Basrelief, den Grafen Ugolino und seine Söhne darstellend. Vasari erzählt von einer zehn Fuß hohen Gruppe: Simson, der einen Philister erschlägt, die Pierino begonnen hätte, nachdem eine Skizze Michelangelos die erste Idee dazu geliefert. Doch sagt er weder, daß sie von ihm vollendet wurde, noch was überhaupt aus ihr geworden ist. Ebensowenig wissen wir, welches Schicksal die Kassette gehabt hat, die er, wiederum nach Michelangelos Zeichnung, für den Herzog Cosimo arbeitete. Er starb jung, schon 1554, erst dreiundzwanzig Jahre alt, wie Vasari schreibt. Doch wird, und mit Recht scheint mir, angenommen, daß vielleicht dreiunddreißig gemeint gewesen seien.

Michelangelos Schüler kann Pierino da Vinci doch kaum genannt werden. Michelangelo hat überhaupt keine Schüler gezogen. Er arbeitete allein, oder, wo er Hilfe brauchte, waren ihm Handwerker, einfache Steinmetzen, am bequemsten, die er so geschickt zu benutzen verstand, daß sie zu ihrer eigenen Überraschung Werke fertig brachten, die von Künstlern nicht besser hätten gemeißelt werden können.


 << zurück weiter >>