Herman Grimm
Das Leben Michelangelos
Herman Grimm

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V

Viele Freskomalereien des sechzehnten Jahrhunderts sind heute in traurigem Zustande, wenigen aber ist grausamer mitgespielt worden als dem Jüngsten Gerichte Michelangelos.

Gegen den Staub hatte er es zu schützen versucht, indem er der Wandfläche eine unbedeutende Neigung nach vorn gab. Sie beträgt Vasari zufolge einen Fuß, was bei so großer Höhe kaum bemerklich sein muß. Mir ist sie nicht aufgefallen. Ferner, sobald das Werk beendet war, ließ Michelangelo seinem Diener Urbino das Amt übertragen, für die Reinhaltung der Gemälde in der Sixtina Sorge zu tragen. Dieses Amt blieb wohl ein bestehendes. Der Rauch der Altarkerzen aber hat im Laufe der Jahrhunderte dennoch verderblich gewirkt. Der untere Teil des Gemäldes ist am meisten beschädigt. Hier sind geradezu Krempen hineingeschlagen worden zu gelegentlicher Befestigung des päpstlichen Thrones. Michelangelo hatte bei der ungemeinen Anzahl nackter Figuren fast ohne Gewandung, aus denen die Komposition besteht, durch zarte Nuancierungen des Fleisches das Eintönige vermieden (ein, meiner Ansicht nach, in den ersten Zeiten kolorierter Kupferstich der Berliner Sammlung zeigt, wie glücklich durch diese Unterschiede der Körperfarbe die Figuren und Gruppen getrennt sind): heute hat ein gleichmäßiger dunkler Überzug das beinahe verschwinden lassen. Cornelius ist der Meinung, eine bloße Abwaschung mit Wasser oder Wein würde glänzende Resultate haben. Manches ist bis zur Unkenntlichkeit schmutzig geworden. Das größte Unrecht aber hat man dem Werke absichtlich zugefügt: mehr und mehr wurde an der Nacktheit der Figuren Anstoß genommen und immer weiter mit der Zudeckung durch aufgemalte, oft grellbunte Gewänder vorgeschritten. Die Harmonie der Farben sowohl als der Linien mußte darunter leiden. Fast nicht eine einzige Gestalt heute, die nicht wenigstens mit einem Gewandzipfel bedeckt worden wäre. Durch all das erscheint das Werk in einem Zustande, daß erst nach langem Studium eine Vorstellung, wie es im Jahre 1541 dagestanden haben könnte, möglich wird. Frühzeitige Kopien, in Öl sowohl als in Kupferstich, für manche Gruppen die auf uns gekommenen Zeichnungen Michelangelos selbst, machen es möglich, Schritt vor Schritt herauszuerkennen, was ehemals dastand. Der Eindruck des Ganzen aber, wie es auf den ersten Blick überwältigend wirkte, ist verloren.

Denn nun, da die Macht der Farbe beinahe verschwunden ist, läßt sich die Komposition anfangs mit den Augen gar nicht zusammenfassen. Der Raum ist zu groß und das vereinigende Element des Kolorits fehlt. Das jüngste Gericht, wenn man zuerst davortritt, erscheint wie ein unendliches Gewühl, wie ein Gewitterhimmel mit ineinandergeschobenem Wolkenwerk, das sich von allen Seiten ungleich und unruhig zudrängt. Langsam erst vereinigt sich die Komposition vor unserem Blicke. Man lernt den Zug der Massen verfolgen und festhalten. Man erkennt die zürnend aufspringende Gestalt Christi als die obere Mitte des Gemäldes, und um ihn her, wie einen weiten Kranz von Gewölk, das den leuchtenden Mond umschließt, dichtgedrängte unzählige Gestalten, und um diese andere Massen wie einen zweiten, weiteren Ring, der nach unten aber, statt sich zu schließen, sich mit beiden Enden gegen einander bäumt und wieder auswärts wendet, aufstoßend so auf den unteren Rand des Gemäldes, von wo aus zu beiden Seiten der Zug der Gestalten in die Lüfte emporsteigt.

Denn so ist die Komposition gedacht: die ganze Wand als der grenzenlose, freie Raum des Himmels, in den man hineinblickt. Christus mit Maria, die sich sitzend an seine Knie schmiegt, das Zentrum, von dem die leuchtenden Strahlen nach allen Seiten ausgehen. Ein gewaltiger Kreis von Heiligen, jeder mit den Insignien seiner Würde in den Händen, als die Vornehmsten des Himmels ihn zunächst umgebend. Unter diesem Kreise, als Christi Fußgestell gleichsam, die Engel des Gerichts mit den Posaunen in die Tiefe gerichtet, und aus dieser Tiefe, auf der linken Seite, die vom Tode Erweckten aufsteigend, rechts die Verdammten noch einmal emporstrebend zur Höhe, und von kämpfenden Engeln und Teufeln hinabgestoßen. (Rechts und links vom Beschauer ausgenommen, so daß, vom Bilde aus betrachtet, die Verdammten, wie sich das gehört, auf die linke Seite kommen.) Ganz in der Höhe aber, hoch oben über dem Kreise der Auserwählten, die Seligen mit den Werkzeugen des Todes und der Marter Christi, die sie umschweben und im Triumph herbeitragen. Dies der Inhalt des Gemäldes, das nicht nur von den früheren Darstellungen des Jüngsten Gerichts abweicht, sondern auch, was die künstlerische Arbeit anlangt, ein so erstaunliches Werk ist, daß nichts, was vorher oder nachher von einem Maler geschaffen worden ist, damit verglichen werden kann.

Losgelöst erscheinen Gruppen und Figuren von der Fläche, auf die sie gemalt sind. Die Verkürzungen so kühn und dabei so meisterhaft durchgeführt, daß der Gedanke an die überwundene Schwierigkeit, der überall sonst sogleich aufzutauchen pflegt, hier beinahe ausbleibt. Man fühlt, Michelangelos Hand waltete frei wie der Vogel, der durch die Luft fliegt und keinen Widerstand findet. Wie Shakespeare alles sagen konnte, konnte er alles zeichnen. Zur Linken, wo die aus uralter Todesgefangenschaft Wiederbefreiten aus ihren Gruben ans Licht steigen und sich schwebend allmählich emporheben, glaubt man den zur Höhe tragenden Zug des Äthers zu fühlen, der sie leicht wie aufsteigende Luftblasen hinauftreibt, während zur Rechten das felsenschwere Zurücksinken der sich aufwärts empörenden Verdammten mit derselben Kraft zum Ausdruck kommt. Überall drängt sich das, was die Gestalten bewegt und erfüllt, mit Macht in unsere Seele und erregt, wie bei den leidenden Personen einer Tragödie, unser Mitgefühl.


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